Wolken ohne Ende und Nachbarschaftstreffen
Außerhalb von La Zarza und La Raja, Jumilla, Spanien, im Norden Murcias
Murcia gehört mit bis zu 300 Sonnentagen im Jahr zu den sommerlichsten, wenngleich damit einhergehend auch gleichzeitig trockensten Gegenden Europas. Das mit dem „trocken“ kann ich überwiegend bestätigen. Heute hat es zwischendurch geregnet. Exakt achtundzwanzig Tropfen, ich habe mitgezählt. Wobei eigentlich nur die Hälfte davon wirklich zählt, der Rest war aus der Luft gewaschener Saharastaub. Entsprechend sieht mein Auto jetzt aus. Schmierpampe unterm Scheibenwischer, wer liebt das nicht.
Der Umkehrschluss dieser „bis zu 300 Tagen Sonne“ ist halt eben, dass an mindestens 64 Tagen im Jahr eben keine Sonne scheint. Das sind bei genauerem Hinsehen immer noch über zwei komplette Monate. Für mich als neuerdings energetisch vom Sonnenschein abhängig Lebender sind solche Tage der Horror. Wie ein Teenager auf dem Handy habe ich unentwegt das Display meiner beiden Powerstations im Auge, auf denen der Energielevel sinkt und sinkt und sinkt, während die riesigen Solarpaneele aus dem Bisschen, was die dicke Wolkenschicht an Sonnenstrahlen durchlässt, gerade mal knappe hundert Watt rausholen. Mein mir ungeliebter Hauptrechner aus dem Hause Dell tut sich schon 180 Watt beim Hochfahren an. 85 Watt braucht die Gurke im Leerlauf, und da habe ich noch keinen zweiten Bildschirm eingeschaltet.
Nein, das ist kein Wetter, um am Schreibtisch zu arbeiten. Mehr und mehr kehre ich in die Zeiten unserer Urahnen zurück, die komplett mit dem Sonnenlauf im Einklang lebten und arbeiteten. Damals, bevor die industrielle Revolution das Leben der Menschen auf den Kopf stellte. Man bedenke, dass es elektrischen Strom in massentauglicher Form, also von Straßenbeleuchtung bis Versorgung des Haushaltsgerätes, gerade mal seit lächerlichen 150 Jahren gibt. Davor war schlichtweg Feierabend, wenn die Sonne unterging. Für unsere heutige Gesellschaft ist es ja schon fast nicht mehr erinnerbar, dass Menschen meines Alters noch mit nur einer Handvoll Fernsehprogrammen aufgewachsen sind und das Programm spätestens um ein Uhr in der Nacht endete. Ist es nicht verrückt, was wir heutzutage alles als vollkommen selbstverständlich hinnehmen, ohne auch nur einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden, wie kurz es uns erst zur Verfügung steht?
Die Samstage habe ich mir hier in Spanien aber ohnehin als körperliche Ertüchtigungstage vorgenommen. Also habe ich vom Kühlschrank abgesehen alle Verbraucher abgeklemmt und die Batterien vollkommen der Fürsorge der Solarpaneele überlassen. Habe mir meine Arbeitsklamotten übergestreift und bin frohen Mutes zu meinem geplanten zukünftigen Stellplatz gelaufen. Einen Kiri-Baum habe ich mit meinem ganzen Krams von zuhause mitgebracht. Laut der Verkäuferin fühlte er sich bei ihr im Garten pudelwohl, ihr gefielen jedoch die riesigen Blätter des Baumes nicht. Daher hat sie ihn wieder ausgebuddelt und in einen Topf gesteckt. Eigentlich ging sie davon aus, dass er zügig verkauft wird und somit schnell wieder irgendwo in die Erde kommt. Doch diese asiatischen Schnellwachs-Gehölze finden bei deutschen Hobby-Gärtnern nur wenig Anklang. Und wenn ich mir die Grundstücke in den aktuell in Gernsheim vermarkteten Neubaugebieten so ansehe … auf den maximal 250 m² Grundstück nimmt den größten Teil der Fläche schon das Wohnhaus und die Garage ein. Da bleibt nur noch Platz für eine Rasenfläche, die man mit einem einzelnen Badetuch abdecken könnte. Auf die dann mit Sicherheit keiner einen Baum pflanzt, der binnen weniger Jahre mit 15 Metern Höhe das eigene Haus überragt. Nein, das Bäumchen wurde zum Ladenhüter und kümmerte in seinem Topf vor sich hin, bis ich nach vielen Monaten auf die Anzeige aufmerksam wurde. Für kleines Geld habe ich der Frau den Baum abgenommen. Jetzt wird sich zeigen, ob ich hier ein Wachstumswunder nach Spanien mitgebracht habe … oder einfach nur werdenden Humus.
Auf jeden Fall wurde es Zeit, dass der Baum aus seinem beengenden Topf rauskommt. Also habe ich mir zwischen all dem Gestrüpp ein Plätzchen ausgesucht, das nach meinem Augenmaß ungefähr die Mitte des Platzes darstellte, und habe beschlossen, dass hier nun die Steine weichen müssen und dafür ein Loch im Boden entsteht, in dem sich der Kiri nun für den Rest seiner Tage nach Herzenslust ausbreiten darf.
Wohin nur mit all den Steinen, die hier überall herumliegen? Nun, die einfachste Art ist es wohl, sie sinnstiftend zu nutzen. Also habe ich mich ans Werk gemacht und in einem runden Fleckchen bis in Spatentiefe die Erde gelockert und sämtliche dabei gefundenen Steine als Kreis rundherum aufgeschichtet. Zwischen dem Bild zuvor im unberührten Zustand und dem mit dem ersten halbwegs gesiebten Sand lagen einige Stunden, viele Liter Schweiß und einiges an nicht jugendfreien Flüchen. Das sind all so die Dinge, die man später dann gar nicht mehr sieht, wenn nur noch das Endergebnis betrachtet werden kann. |
Nachdem ich aus dem gegrabenen Loch so viele Steine rausgesammelt hatte, fehlte natürlich Material. Also habe ich noch eine Schubkarre gesiebten Sand vom Hügel vor der Höhle geholt und zudem zwei Sack Blumenerde mit in die Grube gekippt. Damit ist in dem Boden dann wenigstens ein bisschen Grundmaterial, das in der Lage ist, Wasser zu speichern. Der Sand ist ansonsten absolut pupstrocken bis in die Tiefe. Alles, was hier wächst, lebt von Luftfeuchtigkeit und der Erinnerung an frühere Regenschauer.
Als ich mich nach dem Rumschaufeln zum Mischen der drei Komponenten wieder aufrichtete, jodelte mein Kreuz das Lied vom Tod. Ich bin echt rein gar nichts mehr gewohnt.
Ich nutzte die Gelegenheit zum Entlasten meines Rückens und trabte einmal zurück zu meinem Wohnwagen bzw. der mir als Lager dienenden Höhle. Einer meiner Mieter hatte seinen kaputten Staubsauger im Fahrradschuppen in Gernsheim „eingelagert“. Vor einigen Wochen habe ich in einem Anflug von Ordnungswahn mein Auto mit all den unterschiedlichen Elektroschrott-Artikeln beladen, die aus dem ausgemusterten Bestand meiner Mieter und mir selbst im Laufe der Zeit zusammengekommen waren, und habe den Kram zum Wertstoffhof zur Entsorgung gebracht. Nur den Schlauch vom Staubsauger, den habe ich behalten. Genau den habe ich jetzt auf ein gutes Meter-Stück gekürzt und mit in meinem Wühlloch vergraben. Auf diese Weise kann ich nun unterirdisch gießen. Zumindest während der Zeit, die ich hier in Spanien anwesend bin.
Hurra! Zeit für Champagner! Hiermit ist nun offiziell mein ganz persönlicher Plaza de Gernsheim in La Raja bei La Zarza eingeweiht. Auch wenn es drumherum immer noch ziemlich nach Gestrüpp und Wildnis aussieht. So Stückchen für Stückchen kriege ich das auch noch aufbereitet. Jetzt heißt es, die Daumen zu drücken, dass dieses schwer in Mitleidenschaft gezogene Bäumchen hier angeht. Und nicht eingeht. In der Blumenerde des mitgebrachten Topfs fand ich sogar einen Regenwurm. Nun, in meiner gesiebten Erdmischung wird er sich wohlfühlen. Doch wenn er auf den betonharten Originalboden stoßt, dürfte er sich schnell die Zähne ausbeißen. Sofern ein Regenwurm überhaupt Zähne hat. Heimisch werden wird er in dem trockenen Klima hier jedenfalls vermutlich nicht. Auch wenn Auflockern des Bodens durch solch Tierchen hier durchaus Not täte.
Ich setzte mich noch ein paar Minuten neben mein Halbtageswerk, dann merkte ich, wie mir die Augen zuzufallen begannen. Mensch, ich bin echt keine Betätigung an der frischen Luft mehr gewohnt. Zeit für ein Nickerchen, war meine Erkenntnis. Nicht „Nickerchen“, sondern „Siesta“, so klärte mich eine Freundin über mein falsch verwendetes Vokabular auf. Ja, eine Siesta brauchte ich jetzt. Kaum berührte mein Kopf das Kissen, war ich auch schon eingeschlafen.
Knapp eine dreiviertel Stunde später wachte ich wieder auf. Mein Körper brauchte scheinbar wirklich eine Pause. Normalerweise nicke ich nur für maximal 20 Minuten ein, dann bin ich wieder fit für die nächsten Stunden. Nun musste ich mich ja glatt schon wieder ein bisschen beeilen, denn immerhin stand am Nachmittag noch eine Verabredung an. Vor ein paar Tagen kam mein Nachbar bei mir vorbei und hat mich zum weihnachtlichen Anwohnertreffen im Gemeindehaus eingeladen. Um 17:00 Uhr soll es dort losgehen. Tatsächlich ging bei mir auch noch eine WhatsApp von ihm ein, just, als ich mich aus meinem Bett wuchtete. Er erinnerte mich nochmals daran, dass er mitsamt Familie ab fünf Uhr dort sein wird. Dem Mann ist eindeutig mächtig daran gelegen, mich dabei haben zu wollen. Nun, ich will ihn nicht enttäuschen, also habe ich meinen muskelkatersteifen Körper in Richtung Hygieneabteilung geschleppt und mit ausreichend Wasser in Kontakt gebracht.
Es wurde fast halb sechs, bis ich endlich am Centro Social La Raja ankam. Meinen Nachbarn mit zwei weiteren mir von meinem sommerlichen Besuch noch bekannten Gesichtern fand ich draußen vor dem Eingang stehend vor. Ich gesellte mich dazu und so bildeten wir genau das kleine Grüppchen der Ungläubigen, die auch schon während meines Besuchs im Sommer etwas abseits des Gottesdienstes auf den nachchristlichen Teil der Veranstaltung warteten. Der Gottesdienst damals zu Ehren der heiligen Jungfrau Carmen fand aufgrund der Hitze draußen statt, daher hatte ich ein bisschen aus der Ferne zusehen können. Jetzt wuselte zwar immer mal wieder jemand durch die Eingangstür rein und raus, aber der kleine Flur verhinderte, dass ich um die Ecke in den Hauptraum schauen konnte. Die Herren um mich herum gaben sich zwar beste Mühe, mir das gerade drinnen ablaufende Prozedere zu erklären, doch ich glaube, selbst wenn ich die spanische Sprache bereits beherrschen würde, wäre ich aus den teilweise gleichzeitig redenden und sich gegenseitig ständig korrigierenden Kommentaren nicht wirklich schlau geworden. Schmunzelnd wurde mir bewusst, dass hier Menschen über etwas berichten, an dem sie vermutlich als Teenager letztmals zwangsweise selbst teilgenommen hatten, sich seitdem jedoch erfolgreich davor drückten.
Ich brauche mehr Vokabeln in meinem Kopf. Wenn es etwas gibt, was ich in solchen Momenten feststelle, dann dass es mir an Wortschatz fehlt. Pfeif einer erstmal auf Grammatik und Satzstellung. Um manche Dinge verständlich rüberzubringen, reicht es aus, ein paar Substantive und unkonjungierte Verben hintereinander zu reihen. Dass meine Tranquilo in letzter Zeit ab und zu durch Hobby-Motociclistas unterbrochen wird und mein Ausblick vom Campo aus aktuell häufig ein Ver von zahlreichen Ovejas oder … wie war noch das Wort – also mä-ä-äh`s möglich macht, wurde sofort mit einem wissenden Nicken und dem Hinweis „Cabras“ quittiert. Einer meiner älteren Gesprächspartner stellte irgendwann fest, dass es Zeit wird, dass wir nach drinnen kommen, damit er das einzige ihm geläufige deutsche Wort endlich einmal einsetzen kann: „Prost“. Mit reichlich Humor und einigem an Geduld kriegt mal die Verständigung schon irgendwie hin. Obwohl erst zum zweiten Mal dabei, hatte ich doch schon das Gefühl, irgendwie dazuzugehören.
Irgendwann kam der mir auch schon vom Sommerbesuch bekannte Geistliche zur Tür heraus. Ein dickes Buch unter dem Arm und den Kelch mit Weihwasser in der Hand. Er tauschte noch ein paar Worte mit anderen Anwesenden, aus denen ich in Fragmenten herauslesen konnte, dass er direkt zur nächsten Veranstaltung weiter muss und deshalb nicht zum Essen bleiben könne. Für einen Priester auf dem weiten Land stellt die Weihnachtszeit eindeutig beruflichen Stress dar. Zwar bin ich bekanntermaßen kein wirklicher Anhänger religiöser Weltanschauungen, doch wenn es etwas gibt, bei dem ich mitreden kann, dann ist es konstante Zeitnot. Das Gefühl, sich zerreißen zu müssen, um auf zehn Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, zermürbt mich so oft, dass ich richtiges Mitgefühl mit dem Träger des Klerikerkragens hatte.
Während der Pfarrer sich ins Auto setzte, wurde ich von meiner kleinen Gruppe in Richtung Gebäudeeingang gedrückt. Weit gekommen sind wir jedoch nicht, im Flur vor dem Hauptraum suchte ich mir ein Plätzchen an der Wand, um das rege Treiben anzusehen. Zwei ältere Teilnehmer schleppten große Kisten von ihrem Auto in den Saal und holten jeweils ein Akkordeon daraus hervor. Es folgten einige bedächtig gespielte Weihnachtslieder, unter denen ich zwei, drei bekanntere Melodien ausmachen konnte. Ich bin noch ein gutes Stück von meinem sechzigsten Geburtstag entfernt und habe bereits reichlich Probleme in den Gelenken meiner Finger. Die beiden hier Akkordeon spielenden Herren dürften stramm aufs achtzigste Lebensjahr zugehen. Was man der Spielart der Musik auch anmerkte. Mit Sicherheit haben die beiden in jungen Tagen den Instrumenten auch deutlich flottere Rhythmen entlockt. Und dabei die Tasten etwas zielsicherer getroffen. Aber es ist Tradition, dass sie an Weihnachten ihre Musikstücke vortragen, und an der Tradition wird festgehalten. Mit leichtem Bedauern schaute ich über die Köpfe der Anwesenden. Deutlich mehr als die Hälfte davon längst schon ergraut. Wer wird diese Tradition aufgreifen, wenn es die beiden alten Herren in absehbarer Zeit nicht mehr gibt? Stirbt dann ein Stück Kultur?
Ich komme nicht dazu, über den Gedanken länger nachzudenken. Nach dem letzten Musikstück werden die Instrumente eingepackt und aus einem Lagerraum fünf Klapptische geholt und aufgebaut. In diesem Bewegungsfluss schaffe ich es endlich nach drinnen in den von Menschen und Material völlig überfüllten Raum. Den hinteren Teil des Raums nahm in voller Breite ein Figurenmodell ein. Hier haben sich einige Menschen sehr lange sehr detailverliebt mit dem Aufbauen von Krippenspiel und Co. beschäftigt. Im Einzelnen betrachtet vielleicht ein bisschen kitschig, da auch teilweise ziemlich plastik-lastig. Doch in der Fülle irgendwie am Ende dennoch imposant. Ich hätte zu gerne ein Bild des ganzen Aufbaus am Stück gemacht. Doch wie gesagt, der Raum war dermaßen voll mit Menschen, dass es mir absolut nicht gelingen wollte, wirklich einmal die ganze Zimmerbreite auf einmal vor die Linse nehmen zu können.
Zumal ich bei meinen Versuchen des Fotografierens genauso wie all die anderen Gelegenheitsbesucher mit dem gleichen Anliegen ohnehin schnell einfach nur noch im Weg stand. Immerhin galt es nun endlich die Tische in die Mitte zu stellen und die tausend von den Teilnehmern mitgebrachten Speisen darauf zu verteilen. Wie ich es schon vom Event zu Gunsten von Carmen kannte, gab es reihum für jeden eine Gabel, dann hieß es warten, bis die Bürgermeisterin ihre Ansprache gehalten hat. So zumindest hatte ich die mir zugetragenen Aussagen verstanden. Eine sehr sympathische Frau, denn die „Ansprache“ beschränkte sich auf die spanische Fassung der Aussage „Das Buffet ist eröffnet“, dann ging das große Schlemmen los.
Alles komplett einfach gehalten. Klar, in Sachen Nachhaltigkeit vielleicht etwas verbesserungsbedürftig. Für meine zukünftigen Teilnahmen an solchen Veranstaltungen kann ich mir ja mal vormerken, eine Gabel und einen eigenen Becher einzupacken. Aber tut das an der Veranstaltung einen Abbruch? Hier steht die Geselligkeit im Vordergrund. Das Beisammensein und Austauschen untereinander. Aufgrund des großen Einzugsgebietes gibt es hier auch einige Nachbarn, die sich nur alle paar Wochen, ja Monate überhaupt mal gegenseitig zu Gesicht bekommen. Ich stelle mit meinen Gelegenheitsbesuchen daher keineswegs einen Sonderfall dar. Und genauso selbstverständlich wird man hier aufgenommen.
Manch ein Salat und die ein oder andere Creme waren für meinen Geschmack etwas zu Fisch-lastig. Meeresfrüchte & Co werden in diesem Leben nicht mehr mein Ding. Dafür haben es mir diese gemischten Wurstplatten angetan. Einerseits würde ich gerne herausbekommen, wer die von wo besorgt, um dort auch selbst einmal einkaufen zu gehen. Andererseits habe ich mich jedoch mit dem Nachfragen zurückgehalten, denn auf diese Weise bleibt der Genuss auch für mich etwas eher Seltenes und damit etwas Besonderes. Hausmacher-Wurst ist auf jeden Fall kein rein deutsches Produkt, wenngleich ich feststellen konnte, dass die Einheimischen von den Platten eher den Anteil Schinken und Speck herunter klaubten und mir somit die Leber- und Blutwurst zufiel. Interessanterweise blieben insbesondere die verschiedenen Salami-Sorten bis zum Schluss übrig.
Am Ende stand natürlich noch „Dulce“ auf dem Plan. Alles an Herzhaftem wurde in Windeseile abgeräumt und durch unterschiedlichstes Backwerk ersetzt. Teilweise gekauft, zum größten Teil jedoch von fachkundigen Händen selbst zubereitet. Und eins süßer als das andere. Auf meine Frage nach einer Tasse Kaffee zu all dem Süßkram wurde ich aufgeklärt, dass es in dem Gemeindehaus an einer ausreichend großen Kaffeemaschine mangelt. Fand ich eine interessante Information, denn irgendwie hatte ich Kaffee bei größeren Veranstaltungen bislang als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Nun, ich füllte meinen Pappbecher, selbiger zumindest den Schriftzug des braunen Warmgetränks führte, mit ein wenig Vino Rojo. Im Zweifel schmeckt das in Kombination mit Zimtplätzchen genauso gut.
Spanier spielen unfassbar gerne Lotto, das war mir schon bei meinen ersten Besuchen aufgefallen. Ab und zu schwappt die Loteria del Niño ja auch nach Deutschland über. Ich habe mir inzwischen auch schon zwei Achtellose von El Gordo gegönnt, die mir meine deutsche Online-Lotterie angeboten hat. Doch hier in Spanien dreht sich dieses Rad in einer ganz anderen Größenordnung. Vor jedem Supermarkt und Baumarkt sowie mitten in den Fußgängerzonen sitzt ein fliegender Händler und verkauft Lose. Und auch bei dem Weihnachtstreffen durfte der Verkauf von Lotteriescheinen nicht fehlen. Der Traum vom großen Glück, vom einfachen Weg zu ganz viel Geld, ist hier bei den Menschen tief verwurzelt. Und macht es gleichzeitig verbunden mit der typisch südländischen Gelassenheit auch möglich, selbst bei Investition größerer Beträge in Nieten weiterhin zu lächeln und darauf zu hoffen, dass beim nächsten Mal mehr dabei herumkommt. Die geringe Anzahl an Lottomillionären unter den Menschen hier lässt ahnen, dass Nieten eher der Standardfall sind, doch das hält niemanden vom Mitspielen ab.
Natürlich gehörte zu dem Abend auch noch eine Tombola. Zwei Hauptgewinne, je eine Maxi-Flasche eines besonderen Weins und ein riesiges Stück Käse, gab es zu gewinnen. Auch hier verkauften sich nochmals reichlich Lose. Ich gehe davon aus, dass der Gewinn aus dieser hausinternen Lotterie der Vereinskasse und damit der Umsetzung des ganzen Events dient. Simple Zahlenstreifen mit vierstelligen Nummern konnte man sich für 5 € das Stück kaufen. Am Ende des Abends wurden dann die anwesenden Kinder mit in das Spiel einbezogen, indem sie nebeneinander gestellt wurden und jeweils einen kleinen Sack mit Bällen vor sich hatten, auf denen einzelne Ziffern standen. So konnte mit reichlich Dramatik und Spannung eine Ziffernfolge gezogen werden, aus der sich dann zwei Gewinnerlose ergaben. Ein bisschen Konfusion trat los, als ein Ball mit einer 6 oder 9 ohne Punkt zum Kenntlichmachen der Zuordnung auftauchte. Doch auch hier wieder: jeder nahm das Ganze einfach nur als Spiel nebenbei, ganz ohne verbissenen Ernst. Vielleicht wurde hier ein potentieller Gewinner um seinen Wein gebracht? Wen juckt es. Dabeisein ist alles.
Auch der schönste Abend geht irgendwann zu Ende. Kurz nach zehn in der Nacht habe ich das bunte Treiben verlassen und mein Navi nach dem Weg zurück zu meinem Campo gefragt. Exakt das gleiche Navi, das mich am Nachmittag in einem riesigen Bogen über die ganz normalen Landstraßen hingebracht hatte, war nun der Meinung, in eine Art Adventure-Modus überzugehen und die Strecke halbieren zu müssen. Sollte auch das Navi von Google manchmal einen auf Glücksspiel machen? Da ich ein rundherum geländegängiges Auto fahre, habe ich mich nicht weiter daran gestört. Immerhin jagt manch ein Einheimischer auch seinen kleinen Dacia über diese Pisten. Doch lustig fand ich es schon, welche ausgewaschene Feldwege in der Region als konventionelle Verkehrsader herhalten müssen. Alles halt eben ein bisschen rudimentärer, ich schrieb es ja schon. Doch exakt genau das macht hier den Charme der Gegend und der Menschen aus.
Die Tombola stellte das offizielle Ende der Veranstaltung dar, danach setzte eine größere Aufbruchstimmung ein, der ich mich selbst auch angeschlossen habe. Der Vorsitzende des Nachbarschaftsvereins wies mich im Gehen noch darauf hin, dass ich doch am morgigen Sonntag um zwei Uhr wieder vorbeikommen solle. Dann würde man sich dem ganzen Resteessen annehmen, denn es sei ja mehr als genug übrig, um die Party nochmal zu wiederholen. Eine verlockende Idee, doch ich habe mich lieber ein bisschen davon distanziert. Zu viel Arbeit wartet noch auf mich, die bis zum Jahresende noch erledigt sein will. Und mit meinen Nebenbeschäftigungen der Schreiberei einerseits sowie der Gartenarbeit andererseits habe ich bereits genug Ablenkung von meinen Pflichten. Zudem will ich auch ein bisschen eine Überdosis „Mensch“ vermeiden. Nachdem ich – abgesehen von meinen kurzen Einkaufsfahrten – nun seit fast zwei Wochen mutterseelenallein auf dem Campo verbracht habe, klingelten mir am Abend doch ziemlich die Ohren von der Geräuschkulisse der vielen Menschen um mich herum. Mein unentwegtes Versuchen, aus einzelnen Satzfragmenten eine für mich verständliche Übersetzung zu konstruieren, machte das Lauschen noch doppelt anstrengend. Nein, im kommenden Jahr werde ich vielleicht zum großen Resteessen dazu stoßen. Dieses Jahr belasse ich es jedoch bei dem Weihnachtstreffen alleine.
Beim „Carmen-Event“ im Sommer scherzte ich viel mit dem einen Herren herum, der sich hinter den diversen Tetrapacks dem Weinausschank verschrieben hat. Wir begrüßten uns auch jetzt wieder in einer Form, als würden wir uns seit Kindesbeinen kennen. Während ich am Anfang des Abends meine Fotos vom Krippenspiel machte, stand ich weit abgeschlagen von der Eingangstür, an der man den Tisch mit dem Wein aufgebaut hatte. Was den Mann nicht davon abhielt, Blickkontakt zu mir zu suchen, das Wort „rojo“ über die Menge hinweg zu rufen, was ich mehr von seinen Lippen ablesen als denn verstehen konnte und auf mein sichtliches Nicken hin wanderte ein Pappbecher mit dem roten Traubensaft von einer Hand in die nächste durch den Raum zu mir. Später gelang es mir öfter einmal selbst am Wein-Tisch vorbeizuschauen und mir einen halben Becher nachschenken zu lassen. Es gibt in dem Gedränge grundsätzlich immer nur halbe Becher, denn die Gefahr ist zu groß, dass man angerempelt wird und alles verschüttet. Die haben ihre Erfahrungen mit den Veranstaltungen.
Mit mir ist an dem Abend dann jedoch auch der letzte Rotwein-Trinker gegangen. Die meisten der Anwesenden hielten sich eher an Weißwein und Rosé fest, so sie denn überhaupt Wein und nicht Cerveza oder Aqua zu sich nahmen. Was zur Folge hatte, dass mir der Wein-ausschenkende Mensch, dessen Namen ich nicht einmal kenne, zum Abschied den angebrochenen Tetrapack Rotwein mit den Worten „por mi mejor cliente“ in die Hand drückte.
Ich solle mir zuhause noch einen schönen Abend machen, las ich aus seinen vielen Worten heraus, mit denen er sich verabschiedete. Ich tat wie befohlen und gönnte mir zuhause vor dem Zubettgehen noch ein weiteres Glas auf das Wohl des unbekannten Spenders.
Fürs kommende Jahr habe ich mir vorgenommen, einen Christstollen mitzubringen und dem Nachtisch-Buffet beizusteuern. Und Ausschau zu halten nach einer oder zwei Industrie-Kaffeemaschinen, die ich diesem Verein spendieren könnte. Ich bin ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige bin, der ab einer gewissen Uhrzeit etwas Koffein weiterem Alkohol vorziehen würde. Naja, Anbetracht des teilweise hohen Altersdurchschnitts der Teilnehmer vielleicht auch eher koffeinfreier Kaffee. Mit solch einem Getränk lässt sich die Sahnecreme der Zimtrolle auf jeden Fall deutlich besser von der Zunge spülen.
Soweit zum heute etwas ausgeuferten Erlebnisbericht übers dritte Adventswochenende. Dafür gab es diese Woche ja auch nur diese eine Nachricht. Ich werde mich jetzt selbst dem Thema Adventskaffee widmen. Vorher kurz nach dem Zustand meines frisch gepflanzten Bäumchens sehen. Dazu muss ich einmal durch das stürmische Schmuddelgrau, welches heute hier über der Gegend liegt. „Norddeutschland-Wetter“ habe ich diesen Zustand getauft. Wird Zeit, dass die Sonne wieder zu scheinen beginnt, sonst wird mein Strom knapp. Echte Sonntags-Probleme aus dem Campo-Leben.
Herzliche Adventsgrüße 🕯️
Euer Clark