Die berechtigte Angst der Gallier als Ergebnis zu langen Zögerns
Auf dem Campo in La Raja bei Jumilla im Norden Murcias
‚Asterix in Spanien‘ war für mich früher schon ein Band mit besonderer Bedeutung, auch wenn ich damals mit dem Land an sich noch rein gar nichts anzufangen wusste. Mein erster Arbeitgeber, die längst untergegangene Firma Verleihfix in Darmstadt, bezog sich mit ihrem Namen wie Firmenlogo auf diesen hier erstmals auftauchenden Fischhändler mit fast gleichem Namen. Dass der Band ausgerechnet in meinem Geburtsjahr erschien, rundet die Sache noch ab. An dieses Dorfoberhaupt denke ich häufiger, wenn ich mich in „meine“ Höhle zum Kühlschrank begebe, denn bekanntlich stammen von ihm die Worte „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt“. |
Am liebsten würde ich aus jeder Frage, die ich gestellt bekomme, einen ganzen Newsletter als Antwort generieren. Das sprengt natürlich nicht nur meine Möglichkeiten beim Schreiben, sondern auch die verfügbare Zeit bei vielen Empfängern dieser Zeilen während des Lesens. „Fasse Dich kürzer“ ist eine der wohl am häufigsten bei mir eingegangenen Rückmeldungen auf meine ersten zehn Newsletter. Nun, ganz ohne in irgendwelche Arroganz an den Tag legen zu wollen, stelle ich die Behauptung auf, zahlreiche unterschiedliche Talente zu besitzen. Doch bei ein paar Dingen hat sich im Laufe des letzten halben Jahrhunderts in mir eindeutig keinerlei Fähigkeit entwickelt. Zuallererst ist hier das Kochen zu nennen. Dicht gefolgt von „kurz fassen“.
Beschreibungen, bei denen der Zuhörer/Leser in die Notlage gerät, Rückfragen stellen zu müssen, um Zusammenhänge zu verstehen, fühlen sich für mich falsch an. Klar, man kann eine Suppe kochen und den Salzstreuer auf den Tisch dazu stellen. Wer mag, kann sich nehmen=fragen. Aber ich habe da immer die Katze vor dem inneren Auge, der man die Futterdose hinstellt und den Öffner nebendran legt. Entweder sie hungert oder sie nervt. In letzterem Falle muss man am Ende dann doch nochmal aktiv werden. Warum denn Sachen zweimal in die Hand nehmen?
Ich werde also gerne versuchen, mir ein bisschen mehr Wortkargheit anzugewöhnen. Doch wirklich versprechen will ich nichts. Dazu schreibe ich zu gerne. 😉
Okay, wo waren wir? Ach ja, Fragen, die mir gestellt werden. Eine davon lautete beispielsweise, warum ich die Höhle, die zu diesem Grundstück gehört und die irgendwann mal irgendjemand eigentlich mit dem Wunsch angelegt hatte, Wohnraum daraus zu erschaffen, nicht einfach selbst nutze, statt im Sommer im Wohnwagen gegart und im Winter tiefgekühlt zu werden.
Die Antwort ist recht einfach: weil ich dem Bauwerk nicht traue.
Zur Haupteingangstür habe ich selbst überhaupt keinen Schlüssel, ich muss immer durch einen Seiteneingang reinschlüpfen. Als der Vertreter des Miteigentümers einmal hier war und das Hauptportal aufschloss, konnte ich ein schönes Foto in die Tiefen der unterirdischen Grabungsergebnisse werfen. Und wie man der Decke auch schon aus diesem Blickwinkel ansieht, hat es hier und da schon ein bisschen Putz herunterrieseln lassen. Zugegeben, ausnahmslos nur den Putz, den man vor zig Jahrzehnten einmal darauf gekleistert hatte. Aber besagter Putz blieb beim Runterfallen ja am Stück. Die direkte Schicht darunter war es, die im Laufe der Zeit nachgab.
Die Grabungskünstler aus der Zeit vor mir haben manch eine Wand zur Stabilisierung beigemauert, mussten aber offenbar auch damals schon mit immer mal wieder von der Decke fallender Verkleidung leben. Unübersehbar haben sie irgendwann dabei den Versuch aufgegeben, sich einer ordentlichen Verkabelung für ihre Behelfsbeleuchtung zu widmen und haben einfach das Kabel an die Wand genagelt. Alles in allem wild genug, dass ich mich bis heute mittels Taschenlampe durch die Räume bewege, statt denn diese Verstromung aus vorsintflutlicher Zeit irgendwie an meine Powerstation anzuschließen.
In dem Bild kann man durch die Tür des Raumes, in dem mein Kühlschrank steht und von dem aus die Aufnahme gemacht wurde, in das gegenüberliegende Zimmer schauen. Rechts unten im Bild erkennt man einen alten Campingtisch, den ich mir schon seit meiner Ankunft gerne neben meinen Kühlschrank gestellt hätte. Aber immer wieder war ich am Zögern, einerseits, weil ich mir eigentlich vorgenommen hatte, eine klare Trennung zwischen meinen mitgebrachten Sachen und den in puncto Eigentumsverhältnis noch etwas unklaren Bestands-Gegenständen beizubehalten. Auch wenn da eigentlich nichts von irgendwie brauchbarem Wert darunter ist; hier hatte eindeutig früher schonmal jemand eine Räumaktion durchgeführt.
Ein nicht unwesentlicher Grund meines Rauszögerns der Tisch-Rüberholung war aber auch reine Faulheit, ich hätte an dem guten Stück den Staub von Jahrzehnten runterwaschen müssen, um ihn zu nutzen. Ach, hätte ich es doch nur getan.
Über mein Strom-Problem jammerte ich ja bereits das eine oder andere Mal. Ein weiterer Newsletter ist bereits begonnen, der sich rein der ordentlichen Technik widmen wird. Meine hier auf dem Bild festgehaltene Behelfslösung entspricht ja nicht so ganz der Idee des Herstellers zum Einsatz eines Solarpaneels. Aber lasst Euch gesagt sein: mit ausreichend Kabel, einer alten Schubkarre und einem Spanngurt kann man perfekt dem Sonnenstand hinterher wandern, um das Maximum aus der Ladekapazität herausholen.
Nichtsdestotrotz ist das mit dem Timer stellen und einmal pro Stunde die Schubkarre neu ausrichten am Ende doch auch nicht so die Wucht von Lösung. Also habe ich mir das „Dach“ der Höhle einmal genauer betrachtet. Im Gegensatz zu meinem Innenhof vor der Höhle liegt dieser Bereich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ununterbrochen im Licht. Kein Baum, kein Berg, kein Schatten.
In den Sommermonaten genügte mir ein Paneel im Eingangsbereich vor der Höhle, um ausreichend Sonne abzubekommen. Jetzt geht der Heizstrahler morgens spät auf, macht abends dafür auch noch früher Feierabend und kommt auch tagsüber nicht so richtig in die Höhe. Wenn ich mein Paneel also irgendwie stationär zum Einsatz bringen will, dann muss es wohl hier hoch.
Gesagt, geschwitzt, geflucht und irgendwann fertiggestellt. Rundherum mit Steinchen versehen, damit der hier immer wieder extrem blasende Wind mir die Teile bloß nicht anheben kann. Anschließend die zugehörigen Kabel in einem alten Gartenschlauch wasserfest verpackt und durch den Lüftungsschacht der Höhle ins Innere geführt.
Gleich am ersten Tag der Inbetriebnahme ein absolutes Erfolgserlebnis. Die Powerstation schaltete den Ladestrom automatisch ab, lange bevor die Sonne untergegangen war. Solange das Wetter also so typisch spanisch bleibt, ist meine Verstromungswelt wieder in bester Ordnung.
Während meiner Kabelverlegearbeiten ist mir auch Mr. Gee wieder begegnet. Ich hatte ihn schon vermisst. Als ich im Sommer vor der brüllenden Sonne flüchtete und mich mit meinem Computer im vorderen Teil der Höhle breit machte, krabbelte der Gecko immer mal wieder an der Wand hinter meinen Monitoren herum. Mangels anderer Gesprächspartner habe ich das Tier dermaßen zugetextet, dass ich bei meiner Abreise sicher war, er versteht inzwischen Deutsch. |
An den bewölkteren Tagen – und davon gibt es leider in letzter Zeit in Spanien doch mehr, als mir lieb ist – muss ich ein bisschen nachhelfen, um aus der Morgensonne mehr rauszuholen. Bzw. wie man auf dem Bild hier sieht, die Paneele erst einmal so in die Sonne ausrichten, dass der Eispanzer abschmilzt, der sich über Nacht darauf gebildet hat. Es wird doch eindeutig ziemlich frisch in der Dunkelheit.
Zwischen den Feiertagen regnete es aus Kübeln. Gefühlt würde ich sagen, das Wasser kam mitsamt Eimer vom Himmel. Eimer aus Blech, die schwere Edition. Wasser über Wasser über Wasser. Während der zahlreichen Telefonkonferenzen, die mein Job so mit sich bringt, musste ich aufs Headset ausweichen, weil das Mikrofon meines Notebooks nicht mehr zwischen meiner Stimme und dem unentwegten Prasseln des Regens auf dem Dach des Wohnwagens unterscheiden konnte.
Irgendwann zwischendurch kämpfte ich mich unterm Schirm zur Höhle, um mir was zu beißen zu holen. Über das durch die Tür und das Fenster hereindringende Prasseln drang noch weiteres Wasserplätschern an mein Ohr, als ich mich zu meinem Kühlschrank bückte. Neugierig ging ich in den gegenüberliegenden Raum. Und tatsächlich, an dem Durchgang zu dem Raum, den der frühere Graber einmal als Bad vorgesehen hatte, kam Wasser durch die Höhlendecke. Das Foto oben nahm ich auf, während ich direkt neben dem oben schon erwähnten Campingtisch stand.
Hätte ich ihn bei der Gelegenheit doch nur mitgenommen …
Ich habe keine Ahnung, wann es passierte. Ich habe weder ein Krachen gehört noch irgendwelche Staubschwaden durch die Räume ziehen sehen. Doch irgendwann in den folgenden Tagen muss das Wasser im Erdreich der Decke dann einen Punkt der Überbelastung erreicht haben. Etwa ein Meter Material gab nach und brach zu Boden. Das war das Ende des Campingtischs. Meine Chance auf eine praktische Ablage neben dem Kühlschrank ist vertan. Und meine Rücksichtnahme auf „das ist nicht meins, das darf ich nicht nutzen“ erwies sich eindeutig als Fehler. Hätte ich den Tisch genutzt, hätte er den Einsturz überlebt. Dieses alte ‚Hätte Hätte Fahrradkette‘ hat schon etwas an sich, nicht? Was ist man im Nachhinein immer so viel schlauer.
Als mich ein paar Tage später mein spanischer Nachbar besuchte, der ja selbst auch eine Höhlenwohnung ein paar hundert Meter von mir entfernt als Ferienwohnung nutzt, zeigte ich ihm das Malheur. Er war nicht sonderlich überrascht. Kann mal passieren, meint er. Über der Höhle sei zu wenig Material. Die hätte tiefer in den Hang gegraben werden müssen.
Damit nicht noch mehr passiert, soll ich auf der Decke darüber das Unkraut beseitigen und alles möglichst glatt halten, damit bei den nächsten Regenfällen das Wasser ungehindert abfließen kann, statt sich an den kleinen Hügelchen und Büschen aufzustauen und in die Ritzen zu sickern.
Nun, das ist mal eine andere Beschäftigung, als mein inzwischen schon eintönig werdendes Steine-Sammeln. Also habe ich mir meinen Freischneider, eine Schaufel und einen Besen geschnappt und mich ans Werk gemacht.
Diese Vorher-/Nachher-Bilder erscheinen manchmal so dermaßen unspektakulär. Dabei lagen zwischen den Bildern einige Stunden und mächtig Kalorienverbrauch.
Hier nochmal das „saubere“ Dach von der anderen Seite. Ich bin ziemlich sicher, dass zu dem Zeitpunkt, zu dem die Vorbesitzer diesen Bereich betoniert haben, es sich um eine ebene Fläche handelte. Diese ganzen Absenkungen dürften ein Ergebnis des jahrzehntelangen Brachliegens sein.
Der Rat meines Nachbarn lautete, den ganzen Beton abzutragen, eine neue Schicht Erde oder Lehm aufschütten und dann wieder neu und lückenlos vollflächig betonieren. Unten in der Höhle könne man verschalen und beibetonieren. Macht Arbeit, sei aber kein Problem. Nun, die Einheimischen haben da wohl ihre Erfahrungen.
Von meiner Seite aus werde ich die Höhle aber vorerst weiterhin nur mit Vorsicht genießen. Und nur die Bereiche nutzen, in denen die Decke noch vertrauenswürdig aussieht. Denn da kommt der Gallier in mir durch: Ich will ja nicht, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt.
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