Kalt ist‘s im Land des vielen Sonnenscheins
Cieza am Rio Segura, westlich des Regionalparks Sierra de la Pila
Seit anderthalb Jahrzehnten plane ich, aus dem Buchhaltungsgewerbe als Kerngeschäft rauszukommen, um etwas saisonunabhängiger agieren zu können. Und doch stecke ich nun auch Anfang 2026 wieder in der altbekannten Schleife, dass zum Jahreswechsel tausendundeine ultradringende Arbeit „nur mal eben kurz bis spätestens gestern“ fertiggestellt werden muss. Bis Ende Januar, vermutlich eher Mitte Februar knubbeln sich die Aufgaben in meinem Kalender in einer Weise, die kaum noch Luft zum Steine Sammeln lässt. Ein Thema, dem ich gelegentlich auch noch einen Newsletter widmen möchte. Doch vorerst mache ich mich in Sachen Schreiben eher rar, als dass ich auf all die Themen eingehen könnte, die mir berichtenswert erscheinen.
Ein Nebeneffekt der vielen Zeit am Schreibtisch ist ja auch, dass sich die Anzahl meiner Erlebnisse in Grenzen hält. Neuerdings erhalte ich des Nächtens Besuch von einer rotgetigerten Miezekatze, die bei der Eroberung des Terrains offensichtlich Teile ihres Schwanzes eingebüßt hat. Noch macht sich Campo-Gato tagsüber zu rar für ein Foto, aber ich bin zuversichtlich, dass er irgendwann hier auch noch Eingang in die Sammlung finden wird.
Nachdem mein letzter Einkauf im alten Jahr erfolgt war, hörte ich inzwischen schon ein Echo mir entgegenschallen, wenn ich im leeren Kühlschrank nach etwas zu Essen rief. Sehr zum Vorteil meiner Gesundheitsvorsorge sind meine Wein- und Wermut-Vorräte schon vor einer Woche zur Neige gegangen. Doch wenn ich nicht irgendwann in Kürze meine Nahrungsmittelzufuhr auf selbstgebackenes Brot mit einem Glas Wasser reduzieren wollte, musste ich mich wohl oder übel langsam mal mit einer Fahrt in die Zivilisation anfreunden.
Die Tatsache, dass ich inzwischen meine letzte aus Deutschland mitgebrachte Gasflasche am Wohnwagen hängen habe und das stumpfe Rumsitzen am Schreibtisch leider ein nahezu durchgängiges Heizen den ganzen Tag über erfordert, machte es zudem erforderlich, dass ich mich einem weiteren Problem widme: dem Kompatibelmachen des Wohnwagens mit spanischer Gasversorgung.
Wenige Tage vor meiner ersten Fahrt auf das Campo im letzten Sommer hatte der Aldi in Gernsheim einen Gasgrill für 99 € im Angebot. Da ich damals in keinster Weise überblicken konnte, was genau mich in der spanischen Einsamkeit erwartet, dachte ich mir, bei der Investition kann ich nicht viel falsch machen und habe einen mitgenommen. Hach, was für eine Überraschung, als ich dann mit dem Schraubanschluss des neuen Grills neben dem Steckanschluss der spanischen Gasflasche stand.
Damit mir das Gleiche nicht wieder unterfährt, habe ich nun dieses Mal das Schwarmwissen des Internets um Rat befragt und mir am Ende aus dem unendlichen Fundus des großen Versandhandels, den man eigentlich ja meiden sollte, einen Adapter bestellt. Die eMail-Benachrichtigung über die erfolgte Zustellung an die Tankstelle meines Vertrauens habe ich schon in der vergangenen Woche erhalten. Doch erst der drohende Lebensmittelnotstand brachte mich nun endlich dazu, zur Tanke aufzubrechen. In der gleichen Himmelsrichtung liegt auch meine Herzens-Bodega. Also ein klares Muss, die paar Kilometer mehr dann auch noch dranzuhängen.
Wieder im Wohnwagen angekommen, ein bisschen „Unboxing“, wie man den Prozess der Befreiung des eingekauften Artikels von der Umverpackung in der Umverpackung rund um die Schutzverpackung heutzutage ja zu nennen pflegt. Ist wie bei den Matrjoschkas: Was anfangs riesig aussieht, ist am Ende winzig. Wie viel Luft transportiert ein Post-Lkw eigentlich tagtäglich durch die Gegend?
Okay, einen Adapter von spanischem Steckanschluss auf meinen vorhandenen deutschen Schraubanschluss habe ich nun schon einmal. Jetzt brauche ich nur noch irgendetwas, auf das ich diesen Adapter drauf stecken kann. Eine weitere spanische Gasflasche tut Not, wenn ich nicht meine vorhandene ständig zwischen dem Bad-Anhänger und dem Wohnwagen hin- und hertragen möchte.
In Deutschland setzt man sich ins Auto, fährt zu einem x-beliebigen Baumarkt, legt sein Geld auf den Tisch und nimmt die Gasflasche mit nach Hause. Fertig. In Spanien fährt man in den Baumarkt und erntet auf die Frage nach einer Gasflasche vom Mitarbeiter ein heftiges Kopfschütteln. Nein, dazu muss man schon an die Tankstelle fahren. Wo ich wiederum aufgeklärt wurde, dass man hier nur tauscht, aber für eine Erstausgabe von Gasflaschen muss man sich bei den Versorgungsunternehmen registrieren. Okay, das geht online und außer Adresse und N.I.E.-Nummer ist dazu nichts weiter nötig, dann erhält man einen Code per eMail. Mit dem ich frohen Mutes erneut zur Tankstelle gefahren bin, um erneut auf ein Kopfschütteln zu stoßen. Nein, mit dem Code muss man sich an eine autorisierte Niederlassung des Gasversorgers wenden, nur die dürfen erstmals Flaschen herausgeben.
Ich habe im Sommer an dieser Stelle dann meinen Gaspullen-Besorgungsversuch abgebrochen, da ein Freund so nett war, mir mit Flaschen aus seinem Bestand unter die Arme zu greifen. Doch damals brauchte ich ja auch noch keine Heizung. Jetzt ist mein Bedarf an Ausstattung gestiegen und ich stand erneut vor dem Problem. ChatGPT half mir am Ende, die passende Agentur ausfindig zu machen, mit der ich mich in einen regen Schriftwechsel über WhatsApp hinein steigerte, an dessen Ende ich heute früh die Aufforderung erhielt, nach Cieza zu kommen und die Flaschen meiner Begierde abzuholen. Was für ein Verwaltungsakt!
Bis ein Uhr am Nachmittag stand noch eine Telefonkonferenz an, anschließend habe ich mich kurz unter mein Auto geworfen und die Kabelbinder ersetzt, mit denen ich neuerdings meine Radverkleidung davon abhalte, auf dem Reifen zu schleifen. Dem Problem der Wildschweinerinnerung muss ich mich auch demnächst mal etwas professioneller widmen. Anschließend habe ich Google gebeten, mich in die eigentlich nahe gelegene Stadt zu leiten, von der ich jedoch bis dahin noch nie etwas gehört hatte.
Ich weiß nicht, was das Navi denn reitet, mich jedes Mal im Adventure-Modus durch die Gegend zu leiten. Wieder einmal durfte ich durch eine Rambla fahren, dieses Mal führte diese aufgrund des Regens am Vormittag sogar Wasser. Jetzt hoffe ich selbst auf baldigen erneuten Regen, denn mein Auto sieht nun aus wie Sau. Wenn mir das nochmal passiert, muss ich die Einstellungen der Wegleitungen einmal überprüfen, ob man da irgendwo einen Haken setzen muss in Sachen „bitte Feldwege vermeiden und nur für normale Autos geeignete Straßen nutzen“. Vor allem: Man beachte die Angabe auf dem Handy-Display! Google ist bei seiner Reiseberechnung ernsthaft der Meinung, ich könne diese Furt in der Senke vor mir locker mit 90 km/h passieren.
Autofahren in Spanien ist echt ein Abenteuer.
Nachdem ich selbst vor langer Zeit an den komplizierten Anleitungen des Update-Einspielens scheiterte, hatte ich seinerzeit mal einen Freund um Hilfe gebeten, der sich beruflich mit elektronischen Einrichtungen von Fahrzeugen bei einem bekannten Rüsselsheimer Fahrzeughersteller beschäftigte. Doch auch er hat nach zwei Stunden des Rumprobierens fluchend das Handtuch geworfen. In meiner Not habe ich mich anschließend an mein Nissan-Autohaus gewendet … und selbst die Mitarbeiter dort haben mir mein Auto mit der Aussage zurückgegeben, es sei ihnen nicht möglich, mein fest eingebautes Navigationssystem zu aktualisieren.
Ein Hoch auf die Technik. Also nutze ich seitdem nun das Handy, um mich von einem Ort zum nächsten leiten zu lassen. Und habe unten drunter auf dem fahrzeugeigenen Display normalerweise nur mein Hörbuch am Laufen. Heute habe ich spaßeshalber kurz auf das Navi umgestellt. Und siehe da: wo Google mich entlang leitet, weiß das Navi von Nissan gar nichts von einer Straße. Beim Blick auf die Schotterpiste unter meinen Reifen keine wirkliche Überraschung.
Aber so komme ich wenigstens durch interessante Landschaften. Plantagen bis an den Horizont. Ein gepflegtes Bäumchen neben dem anderen. Die weißen Planen im Hintergrund sind in Wirklichkeit Netze, die man über weite Bereiche der Bäume gespannt hat, vermutlich als Abwehr gegen die Vögel. Doch auch darunter geht es weiter mit Bäumen bis zum Horizont.
Zwischen meinem Campo und dieser Gegend vor der Stadt Cieza liegt das Naturreservat Sierra de la Pila. Und mit dieser Bergkette gefühlt eine regelrechte Klimagrenze. Obwohl kaum 30 km Luftlinie auseinanderliegend, herrscht hier nicht die in „meiner“ Gegend gewohnte Dauer-Dürre, sondern Wasser scheint hier auch von Natur her deutlich verfügbarer zu sein. Während rund um mein Campo Mandel und Weinreben die Felder dominieren, finden sich hier auch zahlreiche Orangen- und Zitronen-Plantagen. Mir fällt da ein, dass ich mich demnächst auch mal aufmachen muss, um mir ein paar dieser Obstbäume zu holen. Auch wenn man die sonst nirgends in meiner Nachbarschaft sieht, will ich doch den Versuch unternehmen, irgendwann an selbstgepressten O-Saft vom eigenen Baum zu kommen. Zukunftsgedanken. Eins nach dem anderen.
Das Gas-Lager von Repsol liegt weit außerhalb der Stadt. Direkt neben einer sehr großen Feuerwehr-Station. Ob das zufällig so gebaut wurde?
Gas ist ein fossiler Brennstoff. Und genauso fossil ist auch diese Anlage. Irgendwann um 1970 wurde das kleine, eher an Baracken, als denn an Bauwerke erinnernde Bürogebäude errichtet und möbliert. Und seitdem nichts, aber auch rein gar nichts mehr daran modernisiert. Die drei jungen Frauen, die an den altersschwachen und hoffnungslos mit Papier und Ordnern überladenen Schreibtischen ihren Dienst tun, wirken wie Fremdkörper. Computer auf dem Tisch, aber gerechnet wird auf dem Taschenrechner neben der Tastatur. In der Ecke ein Drucker in der Größenklasse, dem man unterstellt, dass er noch Steintafeln meißeln kann, aber die Quittung bekomme ich handgeschrieben von einem Abreißblock. Hier treffen eindeutig Epochen aufeinander, die längst nicht mehr kompatibel zueinander sind.
Ich habe mich nicht getraut, die hübsche Mitarbeiterin um Erlaubnis für ein Foto zu fragen. Mit meinen nicht vorhandenen Sprachkenntnissen hätte sie das vermutlich noch als Anmache ausgelegt. Aller bürokratischen und technischen Hindernisse zum Trotz wurde ich aber wieder einmal superfreundlich und hilfsbereit bedient. Der ältere Gabelstaplerfahrer im Hof redete munter ununterbrochen auf mich ein, während er mir eine Palette mit den Flaschen bis fast ans Auto fuhr. Ich verstand kein Wort seines Redeschwalls, konnte nur einmal mehr feststellen: Ich brauche dringend mehr Fähigkeiten in der Kommunikation mit den Einheimischen.
Nachdem ich die beiden neuen Flaschen dann auf meiner Ladefläche transportsicher verschnürt hatte, stand ich neben meinem Auto und überlegte, ob ich denn jetzt wirklich direkt wieder zurückfahren möchte. Mein Bauch signalisierte mir leichten Appetit. Und vielleicht zur Feier des Tages mal auf nichts selbst gekochtes. Nein, wenn ich denn jetzt schonmal hier bin, kann ich auch einen Blick in diese mir noch unbekannte 35.000-Einwohner-Stadt werfen.
Auch in der Stadt bestätigt sich mein bereits auf den Feldern davor gewonnener Eindruck: Wasser ist hier kein ganz so zentrales Problem. Wie mir ein Blick in Wikipedia inzwischen mitgeteilt hat, liegt das am Fluss Rio Segura. Bis vor wenigen Jahren noch berühmt als der schmutzigste Fluss Europas. Eine Auszeichnung, auf die man eher weniger stolz sein kann. Angeblich bekommt man das Problem mit den Klär- und Düngemittel-Einträgen ins Wasser aber langsam unter Kontrolle. Ich selbst bin heute nicht bis zum Flussufer marschiert, sondern habe es beim Umherwandern zwischen den Häusern belassen.
Cieza ist eine ziemlich eng gebaute Stadt mit vielen hohen Gebäuden, zwischen denen wiederum enorm viele Bauflächen brach liegen. Obwohl das Internet von einem kontinuierlichen Anstieg der Bevölkerungszahl berichtet, strotzt die Innenstadt nur so von geschlossenen Läden. Ganze Straßenzüge haben an den heruntergelassenen Rollladen das „zu vermieten“-Schild hängen. Trotz der vielen Menschen, die überall unterwegs sind – und die am Rande bemerkt auch dafür sorgen, dass man so gut wie nirgendwo einen Parkplatz bekommt – wirkt die Stadt irgendwie leer. Alles strahlt ein Gefühl des „Blütezeit überschritten, jetzt geht es bergab“ aus. Irgendwie kein Ort, in den ich freiwillig ziehen würde.
Mitten in der Stadt gibt es eine kleine Fußgängerzone. Und neben den in Spanien absolut üblichen, allgegenwärtigen Kinderspielplätzen hat es hier tatsächlich auch noch sechs Spielfelder für Boule-Liebhaber. Anscheinend hat dieses Spiel hier im Ort eine größere Anhängerschaft. Wenn ich noch ein halbes Jahr auf meinem Campo Steine sammele, kann ich mich ja mal zu einer Turnier-Teilnahme anmelden. Dann habe ich das Werfen so ziemlich jeder Gewichtsklasse über so ziemlich jede Distanz ziemlich zielpräzise trainiert.
Noch ein bisschen weiter in der gleichen Fußgängerzone hat es ein großes Forum. Umzäunt von unterschiedlich hohen und in unterschiedlichen Farben gestrichenen Metallstelen. Laut einer Tafel davor handelt es sich hierbei um ein Werk eines spanischen Künstlers, der die bildliche Umsetzung eines russischen Künstlers imitierte. Farben und Form der Stelen soll dem Song „There is no business like showbusiness” entsprechen. Ein weiteres Relikt aus einer Zeit, als die Welt noch in Ordnung schien.
Doch es sind diese kleinen Zeitungs-Stände, die meines Erachtens den wirklichen Unterschied machen. Damals, als man hier noch einen Lutscher oder ein Eis im Vorbeigehen kaufen konnte, das war doch die Zeit, nach der sich die Menschen zurücksehnen. All das wurde jedoch im Laufe der Wirtschaftsevolution dem Einspar-Zwang geopfert. Klar, wirklich lebens-„notwendig“ waren diese Mini-Shops nicht. Vermutlich haben sie sich auch wirtschaftlich fast nie gerechnet. Aber sie waren definitiv lebens-„wert“. Eine kleine Bereicherung im in letzter Zeit so gern diskutierten Stadtbild. Jetzt nur noch ein Mahnmal. Und irgendwann in absehbarer Zeit vermutlich ein vor sich hin gammelndes Stück Unrat. Weggespart, bis sich der Bauhof dem Abtransport annimmt.
Während ich diesen trübsinnigen Gedanken nachhänge, entdecke ich auf der anderen Straßenseite einen Dönerladen. „Istambul“, der einfallsreiche Name, und ja, mit „M“, auch wenn die Rechtschreibkorrektur da rote Kringel drunter macht.
Immerhin geöffnet; ich bin ja aktuell eher in der spanischen Siesta-Zeit unterwegs, nicht in der Tageszeit, zu der Einheimische ans Mittagessen denken. Aber wann hatte ich denn zuletzt einen „normalen“ Tagesablauf? Was ist eigentlich normal? Döner ist normal, zumindest „genormt“, dachte ich mir, und trat ein.
Ein Klischee. Wo ich denn herkomme, wollte der freundliche Spanier mit deutlich sichtbarem orientalischen Migrationshintergrund von mir wissen. Ist es nicht irgendwie schon erschreckend, dass wir inzwischen automatisch in bürokratischen Schubladen denken, was denn die Einordnung von Menschen angeht? Aus Alemania, Germany, gab ich zur Antwort. Womit ich sofort die Nachfrage „Munich“ erntete? Hatte ich wirklich gedacht, es seien nur die US-Amerikaner, die „Deutschland“ generell auf „Bayern“ reduzieren? Wir müssen in Hessen unbedingt mehr medienhaschenden Wirbel veranstalten, um bekannter zu werden. Aber mein freundlicher Wirt wusste wenigstens mit „Frankfurt“ etwas anzufangen.
Als mein Essen kam, erwischte ich mich erneut beim Kopfschütteln. Der Deutsche in mir hatte bei „Döner“ eine „Norm“ erwartet. Nein, so wie fast alle internationalen Gerichte in deutschen Restaurants für das deutsche Publikum ein wenig „eingedeutscht“ werden, so machen es unübersehbar auch die Türken mit dem Essen in Spanien. Mein Dönerteller brachte es ungefragt auf drei Beilagen: Brot, Reis und Pommes. Der spanischen Tradition entsprechend zwei Drittel des Essens sind Fleisch. Beilagen werden überbewertet. Einer der Gründe, derentwegen ich in Deutschland gerne einen Döner essen gehe, ist die Salatvielfalt, die dazu geboten wird. So hier jedoch nicht. Ein bisschen grüner Salat und eine halbe Tomatenscheibe. Genug der Vitamine. Kein Kraut, keine Karotte, keine Zwiebeln, nichts.
Ketchup und Mayo als Soße auf dem Fleisch. Immerhin stellte mir der freundliche Gastwirt noch eine Flasche Chili-Sauce auf den Tisch. Spanier mögen es nicht würzig und schon gar nicht scharf. Alles hat immer einen ganz leichten Touch hin zum Süßen. Während ich meinen Teller leerte, machte mein Kleinhirn weitere Notizen im langen Buch der Spanisch-Erfahrungen.
Der scharfe Beobachter entdeckt den Schriftzug ganz links am unteren Rand der Papiertüte, in der das Brot serviert wurde. „Die Welt is(s)t Döner“ steht da in deutscher Sprache geschrieben. Erst beim Betrachten dieses Schriftzugs wurde mir bewusst, dass auch draußen über dem Eingang „Istambul Döner Kebab“ geschrieben stand. Obwohl es den Umlaut „Ö“ im Spanischen ja eigentlich gar nicht gibt. Ein weiterer Blick auf die Cola-Dose lässt mir den Schriftzug „nur für den Export“ ins Auge springen, und tatsächlich, im Kleingedruckten unten ist zu erkennen, dass diese Cola aus Berlin kommt. Nur zu gerne hätte ich meinen neugierigen Gesprächspartner von vorhin nochmal auf das Thema Deutschland angesprochen, doch der hatte sich inzwischen einen Helm aufgesetzt und mit einer Essenslieferung bewaffnet auf seinem Motorroller von dannen gemacht.
9,50 € für das komplette Menü inklusive der Dose zu trinken. Mal von meiner Salat-Kritik abgesehen bin ich pappsatt geworden. Nichts für jeden Tag, aber auch nichts, über das man sich beschweren kann.
Für den Rückweg zum Auto wanderte ich durch ein paar andere Straßen. Doch auch hier überall das gleiche Bild. Immer wieder zwischen den enorm engen und vier-, fünf-, teilweise sechsstöckig bebauten Straßenzügen riesige Areale, die auf einen Investor warten, der hier zu bauen gewillt ist. Und bis zu diesem Zeitpunkt verwandeln sich diese brachliegenden Grundstücke zu kleinen Müllhalden, was irgendwie den Eindruck der ganzen Stadt enorm nach unten zieht.
Dabei gibt man sich seitens der Stadtverwaltung alle Mühe, ein lebenswertes Plätzchen für die Menschen zu erschaffen. Breite, gut ausgebaute, behindertengerecht gestaltete Bürgersteige. Alles möglichst bunt gehalten, die Farbe Grau versucht man weitestgehend zu vermeiden. Und alle paar hundert Meter in irgendeiner Form, teils gemauert, teils stählern, eine Sitzgelegenheit. Es könnte eine schöne Stadt sein. Doch irgendwie will bei mir der Funke nicht überspringen.
Noch etwas weiter führt mich der Fußweg am Eingang einer kleinen Parkanlage vorbei. Grün bis in schwindelerregende Höhen. Es ist schon faszinierend, was die Natur zu erschaffen in der Lage ist, wenn sie nur Wasser zur Verfügung hat.
Und mitten in der Grünanlage wieder einer der tausend Kinderspielplätze. Was ich vermisste, waren die dazugehörigen Kinder. Doch ich vermute, dass es in Spanien nicht anders ist, als im Rest der Welt. Mit einem gut animierten Computerspiel kann ein Klettergerüst unter freiem Himmel einfach nicht mithalten.
Während in der Stadt die Sträßchen teilweise so schmal sind, dass ein Autofahrer Schweißperlen auf die Stirn bekommt, wenn er einen Motorroller entgegenkommen sieht, gönnt man sich dann an anderer Stelle wieder solche Promenaden. Aber echt vorbildlich nur mit einem einzigen Auto-Fahrstreifen je Fahrtrichtung daneben. Alles andere in der Mitte gehört den Fußgängern.
Am Ende der riesigen Straße sieht man eine spanische Fahne stehen. Diese markiert einen großen Kreisel am Ortsausgang, auf dessen Rückseite ein sehr großes Centro Commercial eingerichtet wurde. Also ein Einkaufszentrum als Magnet zur Befriedigung aller Bedürfnisse. Ich würde fast was drauf verwetten, dass die Eröffnung dieses Mega-Centers der Todesstoß für die Läden der ohnehin unter Parkplatznot leidenden Innenstadt war, an deren verrammelten Eingänge ich zuhauf vorbeigekommen bin.
Auch das also ein internationales Problem.
Da ich die Rückfahrt von der anderen Seite der Stadt startete, schaffte es Google dieses Mal, mich durch beschauliche Landschaften zu leiten, so ganz ohne Abenteuer-Erlebnisse. Irgendwann hörte ich dennoch ein leises „Blögg“, was mir signalisierte, dass wieder mein Kabelbinder gerissen war. Wenig später setzte das „Schrrrrschrrrrsch“ ein, mit dem die Radverkleidung bekannt gab, erneut bis zur Wärmeerzeugung in Schmusekontakt zum Gummi des Reifens gegangen zu sein. Ich muss mich dieses Themas wirklich endlich mal annehmen. Bis zum Erreichen einer deutschen Werkstatt für die Erstellung eines Kostenvoranschlags, wie es die Versicherung es gerne hätte, bekomme ich das Provisorium eindeutig nicht rausgezögert. Diese „Schweinerei“ beschäftigt mich irgendwie noch ein bisschen, scheint es.
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