Große Gedanken und kleine Herausforderungen

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Große Gedanken und kleine Herausforderungen

22. Januar 2026 Campo-News 0

Jumilla und Fuente del Algarrobo bei Barinas

Als ich im vergangenen Sommer mit meinem Wohnwagen zum ersten Mal auf dem Campo aufschlug, befand es sich noch vollständig im Besitz der Natur. Mindestens eins, eher zwei, vielleicht sogar drei Jahrzehnte lang hatte sich keine Socke für dieses Grundstück interessiert. Vor dem Eingang zur im Zusammenbruch befindlichen Höhle konkurrierten zwei Wollmispeln mit jeweils einem Mandelbaum. Irgendwann haben sich daran jedoch ein paar Schädlinge zu schaffen gemacht. Bei meinem Eintreffen sahen die vier Bäume schon nicht mehr wirklich gesund aus. Per Stand heute sagt meine PictureThis-App, dass hier gelegentlicher Handlungsbedarf bestünde.

Nichtsdestotrotz ist einer der Bäume bis heute bewohnt. Und zwar von Tierchen, die ich als Fledermäuse bezeichnen würde. Und die sich enorm gestört fühlen von dem Typen, der da inzwischen mehrfach täglich und halt eben auch in den Abendstunden mit einer Lampe auf der Stirn vorbeiläuft. Ich weiß nicht so genau, wer von uns da regelmäßig wen mehr erschreckt.

Hinter dem Laub des linken Mandelbaums sieht man die Umrisse eines rostigen Gitterfensters. Dahinter liegt ein – ebenfalls inzwischen längst eingestürzter – ehemaliger gemauerter Wassertank. Nachdem ich den Schlüssel für das Gitter durch Zufall gefunden hatte, warf ich im Sommer auch hier einmal einen Blick hinein. Und wurde prompt von zwei Augen am vorderen Ende eines sehr langen Körpers zurück beobachtet. Verteilt im Raum lagen mehrere abgeschrubberte alte Häute und im mir sichtbaren Bereich noch eine zweite Schlange. Vermutlich gab und gibt es noch einige mehr. Was es damit einhergehend aber im Umkreis der Höhle nicht gibt, sind Mäuse. Ein Umstand, der mir die Akzeptanz der Schuppenechsen als unmittelbare Nachbarn und Mitbewohner erleichterte.

Kurzum, ich bin es also gewohnt, dass es um mich herum im Gebüsch kruschelt und raschelt, wenn ich mich auf dem Campo bewege. Doch vorgestern Abend kam dann bei mir noch der Faktor des Älterwerdens dazu …

Neben den großen grünschwarz-gemusterten Schlangen auf dem Foto gibt es hier auch noch kleinere, strahlend silbern glänzende Nattern. Die sich einen Heidenspaß daraus machen, hinter einem Busch oder Stein so lange zu warten, bis ich ganz nah dran bin, um dann wie ein geölter Blitz unter viel lautem Rascheln an mir vorbei irgendwo im Nichts zu verschwinden. Jedes Mal macht mein Pümpchen in der Brust einen Satz, der zu einer Starre führt, die es bis heute verhindert hat, dass ich mal eins dieser Exemplare fotografieren konnte.

Vorgestern dachte ich dann tatsächlich endlich einmal eine in der freien Wildbahn entdeckt zu haben. Es ist schon regelrecht peinlich, wenn ich mir die Mühe ins Gedächtnis rufe, mit der ich mich ultravorsichtig und leise dem Objekt meiner Kamerabegierde näherte. Ein Objekt, das nicht einmal Reißaus nahm, als ich versehentlich ein Geräusch verursachte. Nun, als ich dann endlich nahe genug dran war, um den Lichtstrahl direkt darauf zu richten und ein Dauerfeuer an Fotografien aus dem iPhone donnern ließ … musste ich erkennen, dass es mir deutlich mehr Angst hätte machen müssen, wenn dieses Objekt tatsächlich weggelaufen wäre. Einen Ast. Einen simplen, profanen, alten, halb verwitterten und vor Nässe glänzenden Ast hatten meine altersschwach werdenden Augen mit einer Schlange verwechselt. Als Herpetologe tauge ich eindeutig nichts.

Auf solche Erlebnisse kommt man dann logischerweise auch in dem einen oder anderen Telefonat zu sprechen. Und Telefonate waren es, bei denen ich mich in letzter Zeit immer öfter erwischte, wie ich gedankenverloren den Flaum im Genick um meinen Zeigefinger kringelte. Schon an Silvester hatte ich ja einen Versuch unternommen, zum Friseur zu gehen, scheiterte jedoch an Überfüllung. Ein Blick auf den Kalender lässt mich mit Erschrecken feststellen, dass das auch schon wieder drei Wochen in der Vergangenheit liegt. Drei Wochen, in denen die Haare nicht kürzer geworden sind. Also habe ich mir den Kalender noch einmal vorgenommen und den nächsten Tag ohne Telefonkonferenzen für eine erneute Fahrt nach Jumilla ausgedeutet. Dieses Mal gleich einen Termin beim Meister der Schere vorab online gebucht. 10:50 Uhr, eine recht krumme Uhrzeit, da kann ich vorher noch eine Maschine Wäsche anwerfen und die Fahrt gleich richtig nutzen. So der Plan. Nur der Clark und Zeitmanagement … das bleiben wohl auf ewig zwei ziemlich inkompatible Dinge.

 

Der Wecker klingelt. Wie immer ist es draußen noch dunkel. Wie immer drücke ich das nervende Signal zum Aufstehen weg und drehe mich nochmal um. Eine weit zuverlässigere Instanz mit mehr Macht über das Hinausschwingen der Füße über die Bettkante ist am Ende dann doch immer wieder die Blase. Da hilft dann auch kein Wegdrücken mehr. 

Also im Bad eine große Schüssel Wasser auf den Herd gestellt und ans Waschen der Haarpracht gemacht. So frisch gestriegelt sieht die Menge an Wolle auf dem Kopf gar nicht so schlimm aus, oder? 

Vielleicht hätte ich die Abgeschiedenheit des Campos doch dazu nutzen sollen, zu meinem jugendlichen Outfit mit Vollbart und Pferdeschwanz zurückzukehren. Aber nein, aus der Sturm- und Drang-Zeit bin ich dann doch inzwischen raus. Sagt die Vernunft. Das leise Stimmchen des Trotzkopfs will nicht verstummen. Doch der Termin ist gemacht, also ab ins Auto.

So sehr ich das einsame Leben auf dem Campo inzwischen auch liebgewonnen habe, gibt es doch ein paar wenige Dinge, die mich richtig nerven. Dazu gehört das Packen und Räumen, wenn ich mal länger unterwegs bin. Das Schloss am Wohnwagen hat mehr repräsentativen Charakter, als dass es irgendeinem Eintrittswilligen sonderlich lange den Zugang verwehrt. Und das Campo liegt weit genug abseits, dass man sich theoretisch auch mit Sprengstoff Zutritt zur Höhle verschaffen könnte, ohne dass es irgendwer mitbekommt. Bedeutet: Alles, was mir persönlich wertvoll ist, muss ins Auto, wenn ich nicht da bin. Das ist vor allem meine kleine Powerstation sowie die vier Notebooks, ohne die ich arbeitstechnisch ziemlich in die Röhre schauen würde. Anfangs habe ich mir auch noch die Mühe gemacht, die verschiedenen Ladekabel einzupacken. Das spare ich mir inzwischen. Im Zweifel muss der Bestellservice von Amazon herhalten und ich bin mal eins, zwei Tage offline. Ist nervenschonender, als der Kampf mit dem Gewurschtel, denn vollkommen egal, wie viel Mühe man sich auch beim Zusammenstecken gibt, sobald man an einem einzelnen Kabel zieht, erhält man sofort einen einzigen riesigen verknoteten Klumpen, dessen Entwirrung Stunden kostet.

Irgendwann saß ich dann endlich im Auto. Das Navi teilte mir beim Losfahren mit, dass ich um 10:46 Uhr in Jumilla ankommen werde. Dann noch parken und zum Friseur laufen. Wer hatte noch gleich die Idee, vorher noch beim Waschsalon die Maschine anzuwerfen? Mein altbekanntes Problem, ich nehme mir einfach immer viel mehr vor, als ein normaler Mensch in der zur Verfügung stehenden Zeit eigentlich zu schaffen in der Lage ist. Ich glaube, das lerne ich in diesem Leben auch nicht mehr anders.

Punkt 10:51 Uhr lehnte sich mein Körpergewicht ergebnislos gegen das Glas der Eingangstür des Friseursalons. Verdaddert machte ich einen Schritt zurück und erkannte das innen an der Tür baumelnde Schild „cerrado“. Bin ich beim falschen Friseur? Gibt es noch einen mit einer Holzfassade außen? Bei meinen diversen Wanderungen durch die Stadt sind mir ja tatsächlich zahlreiche Frisurmacher begegnet. Und im Zweifel zweifele ich erst einmal an mir selbst. So wanderte ich ein bisschen weiter die Straße hoch, bis ich direkt von einem freundlichen Herrn gestoppt wurde. Ich hätte ihn niemals erkannt. Mich verrät jedoch vermutlich hier wie auch zuhause mein Hut, den ich auch auf meinem Profilbild bei der Reservierung trage.

Aus seinen mit meinem rudimentären Vokabular übersetzbaren Worten konnte ich entnehmen, dass mein Friseur den Leerlauf vor meinem Termin genutzt hat, um zuhause frühstücken zu gehen. Ist schon ein interessantes Völkchen, diese Spanier. Ich lerne auf jeden Fall daraus: Wenn ich das nächste Mal bei einer Verabredung vor einer verschlossenen Tür zum Stehen komme, nicht weglaufen. Ich bin ja schon gerne ein bisschen chronisch zu spät. Geschäftsleute in diesem Land haben aber dermaßen die Ruhe weg, dass sie da nochmal einen obendrauf setzen.

Während der Maestro sein Schneidewerkzeug zusammen suchte, betrachtete ich die hübsche Innenausstattung. Bei einem Bild, offensichtlich ein Poster eines originären Blechschildes, blieb mein Augenmerk hängen. Als bekennender Fan der Mission-Impossible-Filme mit Tom Cruise war ich vom allerletzten Teil leider hochgradig enttäuscht. Das große Finale war als Zweiteiler aufgesetzt, dessen erste Hälfte echt gelungen, die abschließende Fortsetzung jedoch ein echter Flop war. Das in der Geschichte eine zentrale Rolle einnehmende russische U-Boot trägt den Namen der ukrainischen Stadt Sewastopol. Oder muss man nach der Krim-Annexion 2014 jetzt von der russischen Stadt sprechen? Das Leben ist kompliziert geworden. Umso mehr grübelte ich, wie denn ein Pariser Boulevard zu ebendiesem Namen kam. Bevor der Barbier zur Rasiermaschine griff, machte mich mein Handy schlau: Die Straße wurde kurz vor Napoleons Sieg im Krimkrieg fertiggestellt und erinnert seitdem an den ruhmreichen Sieg in dieser Hafenstadt. Weiß heute noch irgendjemand, warum wer wem in diesem Konflikt damals die Rübe eingeschlagen hat? Ist außer einem Straßennamen noch etwas von damals übrig, ja, war die Krim bis zu Putins Einmarsch französisches Staatsgebiet? Wohl kaum. Kriege sind solch nutzlose Energie- und Lebensverschwendung. Aber offensichtlich seit jeher tief in den Genen der Menschheit verankert.

Am liebsten hätte ich beim Friseur ein Foto vom Berg Wolle gemacht, der sich rund um meinen Stuhl angesammelt hatte. Okay, ich gebe zu, das Kürzen meiner natürlichen Kopfbedeckung war vielleicht wirklich nötig. Der Friseur versuchte mir noch eine Wäsche des frisch gestutzten Haares schmackhaft zu machen und als ich diese dankend ablehnte, fokussierte er sein Verkaufstalent auf das Regal mit den verschiedenen Wasch- und Pflegeutensilien. Auch hier erklärte ich ihm, dass ich eine simple feste Seife verwende und nichts anderes benötige. Ich zahlte meine 15 € und grübelte auf dem Weg zum Auto über den sichtlich verwirrten Gesichtsausdruck des Friseurs beim Gehen. Irgendwann fiel in meinem Schädel der Groschen. Mein Spanisch! Welches Kopfkino mag sich bei dem Mann abgespielt haben, als er sich vorstellte, wie ich mir die Haare mit einem großen Stück Schinken abreibe? „Jabón fuerte“ ist die Bezeichnung für die Seife, nicht „Jamón“. Da habe ich wohl einen Fettnapf voll erwischt. Bei meinem nächsten Besuch werde ich das wieder gerade rücken. Wenn ich es bis dahin nicht längst vergessen habe.

28 Minuten meinte die kleine Maschine, nachdem ich die fünf Münzen eingeworfen hatte. Zu wenig Zeit, um irgendetwas anderes in Angriff zu nehmen. Zu früherer Stunde hätte ich geschaut, ob ich bei einem der umliegenden Cafés einen Außenplatz ergattern kann und mir ein paar Churros gegönnt (nur mit Kaffee, ich mag die Schokolade nicht). Doch inzwischen war zwölf Uhr durch, es wurde eher Zeit, nach dem Waschen übers Mittagessen nachzudenken. Zudem blies draußen weiterhin der durch Mark und Knochen gehende Wind. 

Also schnappte ich mir mein mich in solchen Momenten immer begleitendes Chromebook und fing an, über eine mich seit ein paar Tagen beschäftigende Fragestellung zu recherchieren: Könnte es sein, dass der Klimawandel als Nebeneffekt Zentralspanien mit ausreichend Regen versorgt, um dem Status der trockensten Region Europas loszuwerden? Mein erster hier verbrachter Winter war wettermäßig ja ein Traum. Mein zweiter und nun aktuell dritter Winter hingegen fallen sprichwörtlich ziemlich ins Wasser. Selbst die Einheimischen bestätigen ja, dass sie so dermaßen viel Regen im Dezember und Januar eigentlich gar nicht gewohnt sind. Der Natur bekommt das Wasser sichtlich, auch wenn es uns Menschen eher auf den Keks geht.

Auf den gleichen Keksnerv ging mir das schabende Geräusch der Waschmaschine. Gibt sie jetzt den Geist auf, während meine Wäsche darin ist? Bei jedem Umdrehungswechsel der Trommel schlug sie auf das Gehäuse auf, was ein schmerzliches Stöhnen des strapazierten Metalls verlauten ließ. Und wie bei einem tropfenden Wasserhahn … irgendwann ruht zwar der Blick der Augen noch auf dem Display des kleinen Notebooks, doch die Ohren und die Konzentration sind damit beschäftigt, aufs nächste Krachen der Wäscheschleuder zu warten. Ich musste so ziemlich jeden Satz dreimal lesen, um zu begreifen, was da stand. Irgendwann gab ich es auf und starrte nur noch das Fenster der Waschmaschine an. In dem sich mein Lieblingspulli der neuerlichen Reinlichkeit näherte. Ich habe mehr als genug Kleidung mitgebracht, aufgrund der Erfahrungen vom letzten Winter dieses Mal auch genug dicke Wäsche. Und doch trage ich nahezu tagtäglich nur einen einzigen uralten, ziemlich bunten Fleecepulli. Genau richtig flauschig, nicht zu warm, nicht zu kalt, Ärmel genau richtig lang, um das Handgelenk über der Tastatur frei zu lassen, aber den Unterarm auf der Schreibtischkante angenehm zu polstern. Ein Kleidungsstück, das viel zu schäbig wäre, als dass ich es in irgendeinem Büro tragen würde. Und doch hat mich so ziemlich jeder meiner Online-Gesprächspartner schon zigmal darin betrachten dürfen. Ob ich vielleicht beim nächsten Meeting mal ein Schild hinter mir aufstellen sollte „Nur zur Info: Der Pulli ist frisch gewaschen“? Wir machen uns einfach immer viel zu viele Gedanken darüber, was andere über einen denken könnten. Wenn ein Gesprächspartner meiner Kleidung mehr Gewicht verleiht, als meinen Worten, liegt ohnehin ein ganz anderes Problem vor. Und in den seltenen Fällen, in denen ich mit Menschen erstmals in Kontakt gerate, schlüpfte ich auch mal für ein paar Minuten aus meinem heißgeliebten Kuschelpulli raus.

Die Waschmaschine gab irgendwann endlich meine Wäsche frei, die ich direkt zum Auto schleppte und von dort aus meine Schritte in Richtung der Pizzeria lenkte, an deren Tür ich bei meinem Silvesterbesuch leider gescheitert war. Die Pizza mit dem Namen der Stadt war schon beim ersten Besuch meine Wahl. Aber das ist fast ein dreiviertel Jahr her, da kann man das Gleiche durchaus nochmal bestellen. Meine Wahl für den nächsten Besuch habe ich auch schon getroffen. In Jumilla gibt es auch eine Filiale von Domino’s. Eigentlich müsste ich dafür dort einkehren. Aber nein, ich belasse es hier beim Verbreiten eines gelungenen Werbevideos und genehmige mir nächstes Mal die „Tropical“.

Während ich auf meinen Würstchenstückchen herumkaute, gelang es mir ein paar weitere Informationen zum Thema „Spanien und Klimawandel“ zusammenzutragen. Doch am Ende hatte ich mehr Fragen im Kopf als vorher. Ja, durch die ungebremste Aufheizung des Mittelmeers ist davon auszugehen, dass es in Spanien deutlich mehr regnen wird, als man es aus der Vergangenheit kennt. Doch gemäß sämtlichen seriösen Vorhersagen wird dieses „Mehr“ nur in Form von Masse, nicht in Form von Dauer eintreten. Bedeutet, es wird im Durchschnitt genauso selten regnen, wie es das in der Region schon immer tut. Aber wenn es denn dann mal regnet, dürften Wassermassen vom Himmel kommen, wie sie dieses Land noch nicht erlebt hat. Nun, Valencia und auch Murcia können da leider seit zwei Jahren ziemlich viele Berichte drüber beisteuern.

Die Sommermonate sollen laut Prognose der klugen Köpfe jedoch auch zukünftig genauso extrem heiß und völlig trocken vergehen, wie man es schon immer kennt. Vielleicht noch ein bisschen heißer. Die damit einhergehende Trockenheit lässt sich nicht mehr steigern. Was in mir sogleich die Frage aufkommen ließ, warum man das Wasser nicht einfach auffängt und speichert. Das sei kaum möglich, da es die technische Infrastruktur überfordere. Hallo? Dann baut doch einfach die Kanäle und Becken größer! Wenn es hier etwas in mehr als ausreichender Menge gibt, dann ist das Platz dafür. Viele der Hollywood-Blockbuster spielen in den rein für Extremniederschläge gebauten Wasserkanälen großer Metropolen. Den überwiegenden Teil der Zeit sind diese Bauwerke nutzlos und staubtrocken. Aber wenn mal Wasser kommt, sind sie zur Stelle. Das muss doch anderswo genauso machbar sein.

Doch dann kommt man schnell zu dem beliebtesten Totschlagargument „ist alles viel zu teuer“. Eine Marotte unserer Neuzeit. Schadensbeseitigung nach Eintritt ist okay, Prävention im Vorfeld jedoch ist generell zu kostspielig. Könnte es vielleicht auch daran liegen, dass die Schäden von der Allgemeinheit getragen werden, während die Erträge aus den gesparten Investitionen in die Taschen weniger laufen? Aufwand sozialisieren, Gewinne privatisieren … Ach, was sind das nur schon wieder für linksgrünversiffte Verschwörungsgedanken, denen ich da nachhänge.

Dabei ist es doch genau ein „grüner“ Gedankengang, der gleich als zweiter Bremsklotz ins Rennen geschickt wird: der mit solchen Baumaßnahmen einhergehende massive Eingriff in die Umwelt. Man muss doch das Ökosystem so belassen, wie es ist, damit es sich aus eigener Kraft regenerieren kann. Wie soll das gehen bei zu viel Hitze und zu wenig Wasser im Vergleich zu den Zeiten, als diese eigenen Kräfte noch funktionierten? Ein Konflikt, der mir an anderer Stelle immer wieder durch den Kopf geht, seitdem ich das Campo bewohne. Spanien war in grauer Vorzeit mal ein durchaus großflächig bewaldetes Land. Erst als der Aufschwung zur Seemacht einen schier gigantischen Heißhunger auf Bauholz lostrat, hat man der Natur mehr entnommen, als nachwachsen konnte, was zu der heute bekannten Trostlos-Steppe führte. Wieder mal der chronische Hang zum Kriegsspielen; sag mal einer, es würde sich nicht ständig alles wiederholen.
Den Germanen waren Bäume heilig, daher ist Holzwirtschaft eine deutsche Erfindung, der wir verdanken, dass in unseren Regionen noch verhältnismäßig viel Wald existiert. In anderen Teilen der Welt geht man mir der Ressource etwas gedankenloser um. Aber nach Brasilien will ich heute ja gar nicht schauen.

Um auf meinem Campo noch zu meinen Lebzeiten für ein bisschen Schatten zu sorgen, würde ich gerne den einen oder anderen Baum anpflanzen, der sich nicht eichengleich zweihundert Jahre Zeit lässt, um mir bis zur Schulter zu reichen. Also recherchierte ich nach Grünzeug, welches schnelle Ergebnisse verspricht. Doch ich scheitere immer wieder an dem Begriff „invasiv“. Sprich, „heimische Arten verdrängend“. Die eingangs erwähnte Wollmispel beispielsweise wurde vom früheren Besitzer angepflanzt, obwohl sie aus dem asiatischen Raum kommt und in Spanien nicht heimisch ist. Bei Bekannten war ich letztens drauf und dran, mir zwei Ableger auszubuddeln und mitzunehmen, doch auch hier hielt mich ein Blick in die geltende Rechtslage ab. Die von mir als Wunderbaum betrachtete Robinie schwappte aus Nordamerika nach Europa über und reichert den Boden mit Stoffen an, die es den heimischen Pflanzen erschweren, an den Stellen nochmal Fuß zu fassen. Ja, selbst der von mir mitgebrachte und als Solist eingepflanzte Kiri-Baum wird nur zähneknirschend geduldet und bedarf bei Anpflanzung in größerer Stückzahl einer behördlichen Genehmigung. 

Was haben jedoch all diese invasiven Arten gemeinsam? Im Gegensatz zu den von gutmeinenden Menschen als rettungswert eingestuften heimischen Pflanzenarten schaffen es diese Invasoren, in dem sich verändernden Klima zu gedeihen. Es will in meinem Betonschädel daher irgendwie kein Verständnis aufkommen für den Ansatz, lieber eine vertrocknete, trostlose Landschaft zu schützen, als einen Wechsel der Vegetation zu erlauben, die dem sich ohnehin wechselnden Klima gegenüber resistent auftreten. Aber was weiß ich als kleiner Buchhalter denn schon. Aktuell schaue ich mich dann eher nach einer Baumschule um, bei der ich ein paar Aleppo-Kiefern abgreifen kann und versuche mich mit der Anzucht von Feigenbäumen aus Stecklingen. Beides ist heimisch und somit diskussionsfrei. Nur halt eben beides leider auch eher langsam wachsend und damit der Gefahr des Vertrocknens vor Erreichen des Grundwassers ausgesetzt.

Meine Pizza war irgendwann gegessen, der Café solo, wie der Espresso hier heißt, getrunken. Ich gab mir einen Schubs, meine Lektüre über Klima und Grünzeug zu beenden und mich wieder auf den Weg zum Auto zu machen.

Eine Baumsorte, die ich auch gerne auf dem Campo anpflanzen würde, kann ich erst in Angriff nehmen, wenn ich eine persönliche Vertretung gefunden habe, die sich treusorgend um das Gelände kümmert, während ich mal nicht da bin. Orangen und Zitronen möchte ich unbedingt irgendwann vor meinem Wohnwagen stehen haben, doch diese Pflanzen nehmen einem Wassermangel ziemlich übel und bestrafen dann mit kleinen oder gar keinen Früchten. Das geht nur, wenn jemand zum Gießen da ist. Bis dahin heißt es, die Früchte zu kaufen. Auf der Herfahrt bin ich auf der Landstraße an einem Stand am Straßenrand vorbeigekommen. Da werde ich auf der Rückfahrt halten und mir ein paar Kilo Orangen mitnehmen. Nur brauche ich dann unbedingt noch irgendwelches Werkzeug, um diese Orangen in Saft zu verwandelt. So bin ich also schnurstracks an meinem Auto vorbeigelaufen und bei dem Chino-Gemischwarenladen eingekehrt. 2,95 € für ein Brotmesser, 2,50 für eine manuelle Saftpresse aus Plastik und 12,50 € für eine elektrische Saftpresse später war ich wieder unterwegs zu meinem Auto, als mein Blick beim Vorbeilaufen am Eingang eines großen Weinhandels auf das Schild „Hora del Vermut“ fiel. Sollte ich mal fremdgehen? Eigentlich habe ich ja noch mehr als genug bevorratet. Aber andererseits geht das Zeug ja nicht kaputt.

Ich schwenkte zur Eingangstür und fand mich direkt in einem sehr großen Raum, der gesäumt war mit Fässern und Tischen und Weinen und Angeboten … Während ich mich noch staunend umsah, stand urplötzlich auch schon eine Verkäuferin neben mir und erkundigte sich nach meinen Wünschen. Sie bot mir auch direkt eine Verköstigung an, die ich aber Anbetracht meines bereits zum Mittagessen getrunkenen Glases Wein dankend ablehnte. „Meine“ Stamm-Bodega in der Nähe von Pinoso, bei der ich seit Beginn meiner Aufenthalte hier einkaufe, verzichtet auf jede Form von Schickimicki. Alles ist zweckmäßig, klein, rustikal, ja alt. Aber irgendwie gemütlich nach meinem Geschmack. Hier in dieser Bodega legt man deutlich mehr Wert aufs Auftreten. Alles ist hell, großzügig, teils edel. Ich habe es beim Erwerb eines Kanisters Wermut belassen. Wo ich dann auch gleich einen anderen Unterschied feststellen durfte. In „meiner“ Bodega zahle ich bislang 3,50 € für den Liter. Hier sind es 4,75 €. Showbusiness hat halt eben auch so seinen Preis. Bin mal gespannt, ob man den auch beim Geschmack findet, wenn ich irgendwann da dran gehe.

Wieder einmal bin ich vor dem Aufbrechen noch kurz beim Supermarkt „Mercadona“ reingesprungen und habe mich mit Lebensmitteln für eine Woche eingedeckt. Auf den Einkauf von Obst habe ich verzichtet, denn ich wollte ja bei dem fliegenden Händler am Straßenrand stoppen. Tja, den hatte leider der Wind auch schon weggeweht, bis ich an der Stelle vorbeikam, an der er morgens noch stand. Jetzt kann ich Orangen auspressen … habe nur leider keine Orangen. Irgendwas ist halt eben immer. 

Um kurz nach drei am Nachmittag rollte ich wieder auf mein Campo. Packte die Wäsche auf die Wäscheständer, die ich dann aber auch gleich in die Höhle trug, denn der Wind blies weiterhin unbarmherzig. Draußen wäre die Wäsche zwar vermutlich binnen einer halben Stunde trocken, aber auch über mehrere Fußballfelder verteilt und wieder schmutzig. Nein, dann lieber drinnen aufhängen. Um die Ständer aber in der Höhle zu platzieren, waren mir meine leeren Wasserbehälter im Weg. Ich lauschte in mich hinein. Auch wenn das graue, windige Schmuddelwetter eigentlich eher zu einem Verweilen am Schreibtisch einlud, war mir nach dem bisherigen Tagesverlauf irgendwie noch absolut gar nicht nach stumpfem Rumsitzen. Ich wollte unbedingt noch ein bisschen an der frischen Luft agieren, mich noch ein bisschen bewegen. Also habe ich alle leeren Kanister und Flaschen auf die Ladefläche meines Autos geworfen, die Kette an der Einfahrt meines Campos wieder aufgeschlossen und bin direkt nochmal losgefahren zur zwölf Kilometer entfernten Quelle.

Den vielen Regen der letzten Tage merkt man auch hier. Es kommt mehr Wasser aus dem Loch in der Wand als sonst. Und das Wasser kommt mit wesentlich mehr Druck herausgeschossen. Ich nutze den abgeschnittenen Oberteil einer 5-Liter-Flasche als Trichter. Den hat es mir beim Umgreifen ständig aus der Hand geschlagen, was ein Rumspritzen des Wassers in alle Himmelsrichtungen zur Folge hatte. Meine Brille legte ich schon nach ein paar Minuten in die Sicherheit des Autos. Zum Ablegen trocken zu bleibender Wäsche war es jedoch zu kalt. Das Wetter brachte aber wenigstens mit sich, dass ich komplett alleine an der Quelle war und ungehetzt einen Kanister nach dem anderen füllen konnte. Nur einmal hielt ein Auto, dessen Fahrer sich eine einzelne Literflasche zwischendurch füllte.

Zwei Liter pro Tag und Person für mindestens 14 Tage soll man laut Katastrophenschutz-Empfehlung mindestens an Wasser konstant zuhause bevorraten. Ich gestehe, dass ich das in Gernsheim in Anbetracht der Bequemlichkeit eines Wasserhahns so gut wie niemals lagere. Hier auf dem Campo bekommt das wertvolle Nass ein ganz anderes Gewicht.

Na ja, und ebendieses sogar im doppelten Sinne. Gute 260 Liter habe ich da heute abgefüllt. Die komplett nachher noch ausgeladen und in die Höhle geschleppt werden wollen. Ein viertel Kubikmeter. 

Ein Single-Haushalt in Deutschland verbraucht statistisch etwa 3,5 Kubikmeter Wasser im Monat, wobei ein gutes Viertel davon rein auf die Kappe der Toilettenspülung geht, selbige es bei mir nicht gibt. Nach diesen Maßstäben müsste ich mit der Wassermenge auf meiner Ladefläche um die zehn Tage weit kommen. Aus Erfahrung weiß ich jedoch, dass ich mit der Menge locker doppelt so weit käme, wenn ich denn nicht zwischendurch ein paar Setzlinge gieße oder Zement anrühre. Ich werde hier an der Fuenta noch des Öfteren vorbeischauen, das steht fest.

Zur Quelle gehören ein Hund und ein ganzer Schwung Katzen. Der Hund kommt jedes Mal gelaufen, trabt ein bisschen um mich herum, bis er feststellt, dass hier wohl nichts Beißbares zu holen ist, dann trottet er wieder von dannen. Beim ersten Kontakt war ich etwas irritiert, muss ich zugeben. Wie auch schon auf meinem Campo stellen mich die streunenden Hunde immer wieder vor die Frage nach dem korrekten Verhalten. 

Bislang ist mir aber noch nie ein aufdringlicher oder gar bösartiger Vertreter begegnet. Bei dem Brunnen-Hund bin ich nicht einmal sicher, ob es sich denn wirklich um einen Streuner handelt oder einfach nur ein Hund, der in einem der verstreuten Häuser zuhause ist und sich nur aus Langeweile die Beine vertritt. Und mit Sicherheit dabei auch bei dem einen oder anderen Wasser-tankenden Menschen eine Kleinigkeit abstauben kann.

Die Brunnenkatzen hingegen interessieren sich für die Menschen in der diesen Wesen eigenen Arroganz so rein gar überhaupt nicht. Allerdings sind sie offensichtlich auch keine huttragenden Zweibeiner gewohnt, die in einer ihnen völlig fremden Sprache lautstark Selbstgespräche über kalt werdende klatschnasse Hosenbeine führen. Sogar im Stiefel hatte ich das Wasser stehen, was beim Laufen schön vor sich hin knatschte.

Im winterlichen Deutschland wäre das sicherlich ein Supergau. Aber auch hier bei den noch knapp zehn Grad würde ich es nicht als angenehmes Erlebnis bezeichnen. Wird Zeit, dass ich in den Wohnwagen zur Jogginghose komme und den Tag ausklingen lasse.

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