Erzürnt ist, so scheint es, Aiolos, des Zeus Herrscher des himmlischen Gebläses.

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Erzürnt ist, so scheint es, Aiolos, des Zeus Herrscher des himmlischen Gebläses.

13. Februar 2026 Campo-News 0

immer noch Campo Vida Sencilla, La Raja, bei La Zarza, Jumilla (Murcia)

Nils ist eine skandinavische Kurzform von Nikolaus, bedeutet „Sieg des Volkes“. Der Name ist in Deutschland beliebt und gilt als freundlich klingend. Soweit die Informationen der Google KI. Mir geht Nils gerade ziemlich auf den Geist. Ich schlafe schon ganz schlecht. Schlecht geschlafen wegen dieses Namens habe ich schonmal, damals an Bord des im Heimathafen Travemünde am Steg festgemachten Katamarans Easy Living. Nils Holgersson. Nein, keine Gänsefedern piekten mich durchs Kissen, sondern die Kavitation des Bugstrahlruders der mit diesem Namen versehenen LNG-Fähre. Man kann Material unter Wasser leiden hören, weiß ich seitdem.

Aber mal von vorne. Der Wind macht mich langsam ganz wuschig im Kopf. Auf dem Kopf sowieso. Es hält sportlich fit, wenn man seinem Hut den Hang hinunter hinterherrennt. Anderen Leuten hat Nils inzwischen schon ganz andere Dinge weggerissen. Die Rede ist mal wieder, wie schon in der vergangenen Woche, von einem Sturmtief, unter dessen brachialem Verwüstungsdrang derzeit ganz Südeuropa leidet.

Für mich war der vergangene Dienstag beruflich ja ein Datum mit besonderer Herausforderung, ich berichtete davon. Als ich in der Nacht zum Mittwoch endlich halbwegs mit Stolz über die vollbrachten Leistungen meinen Computer runterfuhr, machte sich eine gewisse Erschöpfung in mir breit und ich freute mich auf mein Bett. Noch während ich in meinem Bad-Hänger die elektrische Zahnbürste ihren Job tun ließ, begann es draußen ungemütlich zu werden. Wie ungemütlich, sollte ich dann in den folgenden sechs Stunden bis zum Sonnenaufgang erleben dürfen.

 

 

Auf Facebook folge ich dem Rathaus von Jumilla, deren wesentliche Tätigkeit in den vergangenen Wochen aus dem ununterbrochenen Herausgeben von Warnmeldungen besteht. Den Kommentaren unter den einzelnen Meldungen entnehme ich auch einen langsam anwachsenden Frust seitens der Bevölkerung. Mal schlechtes Wetter ist ja okay. Mal ein bisschen länger anspruchsvolle Bedingungen sind auch noch zu verkraften.

Aber über Wochen und inzwischen Monate nur Extremwetter zermürbt dann doch auch die Einheimischen sichtlich. Mir signalisiert das vor allem, dass ich mit meinem Eindruck nicht falsch liege: Das Wetter ist kaputt. („…ja, aber die Wirtschaft!“ Okay, das ist ein anderes Thema).

Der Sturm brachte es in der Nacht sogar fertig, den schweren Deckel meines Gaskastens vorne am Wohnwagen loszureißen. Der Boden des Kastens besteht aus Stahlgitter, ist also offen. Der unter den Wohnwagen blasende Sturm wirbelte ständig die Kanister und Eimer darin durch die Gegend. Das Kopfende meines Bettes befindet sich genau auf der anderen Seite dieser Wand. Immer wieder döste ich weg, nur um kurz darauf von irgendeinem Rumpeln wieder geweckt zu werden. Westwind wird durch den Hügel gebremst, in dem sich die baufällige Höhle befindet. Nordwind muss sich die Hänge aus dem weiten Tal hocharbeiten, verliert dabei Schub und trifft dann auf die recht stabile Breitseite des Wohnwagens. Der dadurch zwar trotz Stützen ins Schaukeln gerät, aber insgesamt gut damit klarkommt. In dieser Nacht jedoch herrschte Nordwestwind. Gerade so mit aller Gewalt um die Einfahrt des Hügels kommend und exakt auf die vordere Ecke meines Wohnwagens treffend. Das Material des Anhängers ächzte und stöhnte wie unter riesigen Hammerschlägen. Genau die Verhältnisse, die man für einen entspannten und erholsamen Schlaf braucht.

In den Morgenstunden ließ der Wind nach. Der Himmel strahlte wie im Bilderbuch, während ich übellaunig und viel zu spät zum Bad schlurfte. Meinen Plan, zur Eigenbelohnung nach der stressigen Zeit an diesem Tag nach Jumilla zu fahren und erstmals in einer Churreria zu frühstücken, anschließend das Hallenbad aufzusuchen und mir nach ein paar gesunden Bahnen im Wasser eine richtig lange, heiße Dusche zu gönnen, habe ich da schon aufgegeben. Zum einen, weil ich zum Genießen wie auch zum Schwimmen viel zu erschöpft war. Zum anderen, weil das Thermometer etwas von 21 °C erzählte. Ohne den Wind fühlte sich das in der Sonne sogar nochmal wärmer an. Nein, eine warme Dusche brauchte ich heute wahrlich nicht.

Also setzte ich mich nach dem Frühstück doch erst nochmal an den PC, beantwortete einige in der letzten Zeit schlicht ignorierte Anfragen und zwang mich anschließend dazu, doch in die Arbeitskleidung zu wechseln, um ein paar Schubkarren Erde und ein paar Eimer Steine zu bewegen. Noch während ich damit beschäftigt war, kehrte der Wind wieder zurück. Bei weitem nicht so stark wie in der Nacht, aber dennoch wieder genauso unbarmherzig und dauerhaft.

Irgendwann wurde es Zeit, mir die Erde und den Schweiß vom Körper zu waschen. Heizung im Bad-Anhänger brauchte ich nicht, die Sonne heizte das graue Gehäuse des Pferdetransporters auf angenehme Innenverhältnisse auf. So stand ich dann frisch gestriegelt um halb acht vorm Spiegel und überlegte, was ich mir zum Abendessen machen könnte. Großes Essen zu später Stunde, um dann morgen doch den Besuch in der Stadt zum kaloriengewaltigen Frühstück in Angriff zu nehmen? Hallenbad brauche ich bei dem Wetter weiterhin nicht. Also eigentlich nur Frühstück und Einkaufen in der Stadt. Warum nicht das Frühstück auch auf einen zukünftigen Tag verschieben, an dem ich vielleicht Wind-frei noch ein bisschen Sightseeing auf dem Fahrrad dranhängen kann und das Einkaufen auf heute vorziehen?

Ein Blick ins Internet verriet mir, dass sowohl Mercadona als auch Aldi bis halb zehn am Abend offen haben. Also ab ins Auto und auf geht es zum Vorräte auffüllen. Der erfahrene Supermarkt-Gänger erkennt hier schon einen klassischen Fehler, den ich dabei gemacht habe. Ein langer Tag, zum großen Teil an der frischen Luft, dabei mit körperlicher Anstrengung … und dann ohne Abendessen einkaufen gehen? Nun, mit den Lebensmitteln, die sich somit in meinem Einkaufswagen ansammelten, kann ich jetzt auf dem Campo locker drei Wochen oder länger leben, ohne erneut einkaufen zu müssen. Ein leerer Bauch ist ein ganz schlechter Begleiter zwischen den gefüllten Regalen voller Leckereien.

Schräg gegenüber der beiden Supermärkte befindet sich in Jumilla ein Burger King. In Sachen Boykott US-amerikanischer Marken bin ich ein bisschen hin- und hergerissen. Klar, irgendeine Franchisegebühr fließt aus dem Ganzen in ein Wirtschaftssystem, dessen Staatsführung sich aktuell nicht wirklich unterstützungswürdig verhält. Andererseits arbeiten hier jedoch Spanier, die ihr spanisches Einkommen brauchen, um in Spanien den Laden am Laufen zu halten. Meine Alternativen bestanden darin, entweder tiefer in die Stadt reinzufahren und da in einem lokalen Restaurant einzukehren, wozu es mir aber eigentlich schon langsam zu spät wurde. Oder zum Campo zurückzukehren und mir aus den Unmengen eingekaufter Lebensmittel selbst etwas zuzubereiten. Was noch später wäre und sich so gar nicht mit meiner inzwischen eingesetzten Trägheit vereinbaren ließ.

Also gab ich mir einen Ruck und kehrte bei dem Fast-Food-Burger-Bräter ein. Feststellung eins: Wenn man es nicht explizit dazu bestellt, scheinen selbst die Burger in Spanien ohne Gemüse auszukommen. Ich vermisste bitterlich eine Tomatenscheibe und ein Salatblatt zwischen den Mengen an Frikadellen und Käse. Feststellung zwei: Wie schon zigmal bei früheren Ausflügen zum Würgerkönig festgestellt, erkannte ich auch heute wieder, warum ich wohl auf ewig McDonalds-Fan bleibe. Ja, die Pommes bei Burger King sind besser als bei Mäckes. Aber das war es dann auch schon. Feststellung drei, die kam mir aber erst viel später, als ich schon im Bett lag: Ich habe vergessen, meinen im Menü enthaltenen Nachtisch nach dem Essen noch abzuholen. Fein, dass der Automat beim Bestellen die Option bietet, Eis zurückzuhalten, bis man mit dem Essen fertig ist. Es fehlt aber die Warnmeldung auf dem Bildschirm: „Sollten Sie unter beginnender Vergesslichkeit leiden, raten wir von der Inanspruchnahme dieser Option ab“. Nun, dann eben kein KitKat-Süßkram nach dem Essen.

Wieder auf dem Campo angekommen bin ich in stockdunkler Nacht bei – welch Überraschung – wieder in voller Wucht brüllendem Sturm. Ich habe die Gelegenheit genutzt, mein Auto nicht auf seinen gewohnten Platz zu stellen, sondern als Art Windbrecher vor der empfindlichen Ecke des Wohnwagens zu platzieren. Sinnvoller wäre es wohl, endlich auf die andere Parzelle zwischen die schützenden Hügel umzuziehen. Doch das Steine-Sammeln dort will kein Ende nehmen. Wenn das Wetter mir nicht das Handy aus der Hand zu schlagen versucht, werde ich im Laufe der kommenden Woche endlich mal das schon mehrfach angekündigte Zwischenstands-Video in Angriff nehmen. So muss eben eine Behelfslösung herhalten. Und tatsächlich hat es bislang funktioniert. Aus Nordwesten kommender Wind ist weiterhin mörderisch, aber es winselt wenigstens nicht mehr jede Verstrebung des Wohnwagens um Gnade, wenn die Böen einschlagen.

 

 

So richtig auf den Geschmack gekommen, mir ein echtes spanisches Frühstück à la frittiertem Schokotauchgebäck zu gönnen, bin ich vor ein paar Tagen, als mir ARTE einen älteren Clip von Karambolage ins während meines Essens als Hintergrund-Lektüre laufende YouTube-Programm spülte. Nicht Milch mit ein bisschen Kakaopulver darin trinkt man hier, sondern heftigst süße, fast zähflüssige Schokolade. Da solch ein Getränk in so ziemlich jedem Supermarkt in Massen herumsteht, habe ich mir auch mal eine Flasche gegönnt. Ich erwähnte ja schon, dass in meinem Einkaufswagen am Ende ein paar Artikel mehr landeten, als ich normalerweise zu konsumieren gedenke.

Den Spruch unten auf der Flasche ¡El sabor que nos une! kann man frei mit „Der Geschmack, der uns zusammenhält“ übersetzen. Ich würde jedoch hier korrigierend einschreiten und behaupten, dass es sich um den Geschmack handelt, der uns „auseinandergehen“ lässt. Explizit im Bereich Bauchnabel und Hüfte. Denn das Zeug ist tatsächlich sehr lecker. Den Liter in der Flasche auf mehrere Tage verteilen? Vergiss es. Einmal geöffnet … ratzfatz leer. Kaufe ich durchaus nochmal. Aber nur in Zeiten, in denen ich sehr, sehr viel Bewegung als Gegenmittel abbekomme.

Wind kann man nicht fotografieren. Auf den Bildern sieht alles recht friedlich aus. Ein Teil dieser Friedlichkeit geht darauf zurück, dass alles, was irgendwie nach Unordnung aussehen könnte, längst weggeblasen wurde. Ich habe es inzwischen quasi aufgegeben, meinen Biomüll in den Eimer zu kippen, der mit Steinen beschwert gegenüber meiner Wohnwagentür unter einem Tisch steht. Aktuell brauche ich nur die Wohnwagentür zu öffnen (was nicht selten ein Dagegenlehnen mit dem ganzen Körpergewicht erfordert) und meine Schüssel mit den Orangen- und Kartoffelschalen kurz raushalten. Whhusch … und aller zukünftiger Kompost ist per Luftpost unterwegs ins Tal.

Freitag, der 13te. Mein Campo-Gato hat sich schon lange nicht mehr blicken lassen, geht mir durch den Kopf, als ich über das Anschaffen einer zum Datum passenden schwarzen Katze nachdenke. Ich muss unbedingt das Thema der Sommer-Vertretung fürs ‚Setzlinge Gießen‘ in Angriff nehmen. Vielleicht ist da auch ein bisschen Cat-Sitting mit drin. Man merkt, die Einsamkeit treibt manchmal im Geiste seltsame Blüten. Und genau solchige sind mir ins Auge gefallen, während mein Blick nach dem morgendlichen Badbesuch über das Tal streifte. Weit und breit „nichts“. Nur mittendrin steht ein einsamer Mandelbaum in voller rosafarbener Blüte. Mandeln gehören zu der Sorte Pflanzen, bei denen sich zuerst die Blüten entwickelt, und danach erst die grünen Blätter wachsen. Daher ist die Zeit der Mandelblüte hier in der Region durchaus mit dem Zauber der Heideblüte in der Lüneburger Heide zu vergleichen. Oder besser noch mit der Blüte japanischer Kirschbäume in manch einem botanischen Garten. Einfach ein wunderschöner Anblick.

Den ein einzelner Baum natürlich nicht hinbekommt. Aber dem tapferen Bäumchen zollte ich dennoch meinen Respekt. Leider wird es bei diesem abartigen und nicht enden wollenden Sturm wohl kaum einer Biene gelingen, irgendeine Blüte da draußen fernab jeglicher Deckung zu befruchten. Und der Wind wird wohl auch dafür sorgen, dass die Pracht der vollen Blüte nur sehr, sehr kurz anhält. Damit die Schönheit nicht ganz umsonst vergeht, muss ich den Baum wenigstens nochmal aus der Nähe fotografieren. Aber zuerst meine allfreitagliche Telefonkonferenz. Dann ein wenig körperliche Ertüchtigung. Wind hin oder her, ein paar Steine müssen bewegt werden, sonst wird das mit dem Umzug niemals etwas.

Aus agrarwirtschaftlicher Betrachtung sind 17,5 Hektar Land Pillepalle. Nach meinen auf 200 bis 500 m² Grundstücksfläche geeichten Lebenserfahrungen jedoch erscheint mir das Areal schlichtweg riesig, von dem ich da die Hälfte zu erwerben gedenke. So denn der den Vorgang bearbeitende Rechtsanwalt irgendwann mal aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Aber das ist eine andere Geschichte. Bis dahin wandere ich auf dem Gelände herum und entdecke immer mal wieder etwas Neues. Heute mitten auf dem Acker dieses „Ding“. Eine Boje aus Beton. Oben kommt ein Stahlschnuppel raus. Kein Ring, nichts, woran man etwas festmachen könnte. Sieht auch nicht aus, als ob an dem Stahl mal was abgebrochen oder abgesägt worden sei. Bedeutet, selbst wenn dieses Teil irgendwann mal irgendwo senkrecht eingegraben gewesen sein sollte, scheint es nicht als Anker gedient zu haben. Nur … warum hat sich irgendjemand die Mühe gemacht, dieses tonnenschwere Teil hier rauszufahren? Irgendwo am Rand könnte man es noch als Bauschuttentsorgung betrachten. Aber es liegt kein weiteres künstliches Material drumherum. Ausnahmslos nur dieser Koloss.

Ich habe ein langärmeliges T-Shirt, einen Pullover und darüber eine Weste aus meinem ausgemusterten Feuerwehrbestand an. Und trotzdem pfeift mir der Wind bis auf die Haut durch die Glieder. So schön sich die Landschaft auch betrachten lässt, das ist absolut kein Wetter, um sich draußen aufzuhalten. Die Blümchen trotzen dem Wind und den gelegentlichen Besuchen durch die Ziegenherden. Wäre bestimmt an einem schönen Frühlingstag ein Summen und Brummen von tausend Insekten in der Luft. Ich dränge die Träumereien im Kopf beiseite, klappe den Kragen der Weste ein bisschen höher, ziehe den Hut auf dem Kopf fester und stampfe weiter in Richtung des zu fotografierenden Baums.

 

 

Wieder ein Fundstück, eindeutig von Menschenhand geschaffen. Mehrere hundert Meter von der Grundstücksgrenze entfernt. Wie gerne würde ich meine Neugierde befriedigen und jemanden mit den in mir inzwischen aufgelaufenen tausend Fragen rund um dieses Grundstück löchern. Aber erstmal Spanisch ausreichend flüssig lernen. Das sprachliche Hindernis ist immer noch das größte.

Dutzende im Laufe der pflegelosen Jahre längst vertrockneten Skelette toter Mandelbäume stehen hier noch in Reih und Glied. Und mittendrin dieses eine aus voller Kraft blühende Bäumchen. Am liebsten würde ich ihn mitnehmen auf meine zukünftige Stellplatz-Parzelle. Doch vermutlich ist das keine gute Idee.

 

 

Genauso wenig war es eine gute Idee von dem Baum, ausgerechnet jetzt mit seinem Blühen zu starten. Aus der Nähe betrachtet lässt sich gut erkennen, wie sehr der Sturm den Baum beutelt. Mit Sicherheit befanden sich am Morgen, als ich ihn erstmals entdeckte, noch deutlich mehr Blütenblätter an den Ästen. Mich fröstelt. Ich würde mit dem Baum an der Stelle nicht tauschen wollen. Nichts schützt ihn vor den peitschenden Windböen.

Zum perspektivischen Größenvergleich hier nochmal ein Bild vom Baum aus auf meinen Wohnwagen. Weit weg und hoch oben. Wird Zeit, dass ich da wieder hinkomme, zu einer warmen Tasse Tee, so ganz ohne Sturm um die Ohren. „Nordsee-Wetter“ würde ich das gerade nennen. Eine steife Brise!

 

 

Heute ist der Tag der vielen Fragen. Hufspuren entdecke ich beim Weitergehen. Mit meinen über 100 kg Körpergewicht schaffe ich es kaum, durch meine 45er-Schuhgröße nennenswerte Kuhlen in den Boden zu drücken. Wie schwer muss ein Tier gewesen sein, das hier diese tiefen Löcher hinterlassen hat? Und mit solch einem Abstand, also Schrittgröße. Es handelte sich eindeutig um ein Einzeltier, das sehr schnell unterwegs war. Also keine Ziege aus den hier derzeit fast täglich vorbeiziehenden Herden.

Hatte ich bis zu meinem Unfall mit dem Wildschwein noch gedacht, dass es hier kaum Tiere mit einer Schulterhöhe von mehr als Kniehöhe geben dürfte, muss ich diese Einschätzung wohl langsam nochmal nach oben korrigieren.

Etwas weiter befinden sich einige Krater. Ich schätze, hier standen irgendwann auch einmal Bäume und es kam jemand vorbei, der ähnliche Gedanken hegte, wie ich beim Anblick der Mandelblüte. Nur dass dieser Jemand dann sichtlich auch zur Tat geschritten ist. Weg sind die Bäume. Ob das wohl noch der frühere Besitzer selbst war? Oder sollte sich hier ein anderer Landwirt Ersatz für Ausfälle auf seinem eigenen Grundstück beschafft haben? Ich werde es nie erfahren. Würde nur gerne wieder Bäume anpflanzen. Wenn auch keine Mandeln, sondern etwas, das hier zügig einen Wald erwachsen lässt. In dem sich Mensch und Tier vor dem immer übler werdenden Wetter verstecken könnten. Tagträumereien, ich weiß.

„Richtige“ Bäume gab es auf dem Areal definitiv irgendwann einmal, wie mir manch ein noch vorhandener Baumstumpf berichtet. Ein Sprichwort sagt, wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch. Nur … selbst daran mangelt es hier derzeit noch. 

Damals, bevor das irgendwann einmal stattgefundene Kettensägenmassaker die Landschaft zur Steppe werden ließ. In dem Klima dauert es viele Jahre, bis Äste verrotten. Das meiste Holz mumifiziert einfach in der Sonne. Verteilt über das ganze Gelände liegt auf jeden Fall ausreichend Holz, um einen Winter lang eine kleine Bude zu heizen. Notiz im Hinterkopf: Ich brauche a) eine kleine Bude und b) einen Holzofen darin.

 

 

 

Noch mehr Spuren im Sand. Dieses Mal eindeutig Pfotenabdrücke. Streunender Hund, nehme ich an. Wobei ich inzwischen auch schon ein paarmal einen Fuchs zu sehen bekam. Nur natürlich immer viel zu langsam war, die Kamera schnell genug zur Hand zu haben.

Wenn man das Handy auf dem Schreibtisch nur mal ein paar Zentimeter umpositioniert, weil es der Maus im Weg liegt, entsperrt die Gesichtserkennung das Teil sofort. Aber wenn man wirklich mal spontan schnell aufs Display schauen oder gar die Kamera nutzen will, nein, dann braucht die Gesichtserkennung drei Anläufe und meistens noch die Eingabe der PIN hinterher. Ich nehme an, diese Beweise von Murphy’s Law kennt jeder.

In der im Einbruch befindlichen Höhle gibt es eine Feuerstelle, fällt mir ein, als ich an einem weiteren Zeugnis des historischen Baumgemetzels vorbeikomme. Der frühere Eigentümer hatte sich teils schon Mühe gegeben, für Brennholz zu sorgen. Wenn ich denn irgendwann einmal mit dem Steine-Sammeln fertigwerden sollte, starte ich direkt danach eine Holz-Sammel-Aktion.

Mein Weg zurück zum Wohnwagen führt mich an einem weiteren Loch in einem Hang vorbei. Bei meinem ersten Besuch auf dem Gelände vor inzwischen drei Jahren hatte ich meinen damaligen Begleiter so verstanden, dass es sich um eine natürliche Höhle handele. Aber er redete nur Spanisch und ich verstand damals noch rein gar nichts. Heute beim Vorbeilaufen fielen mir die oberhalb der Öffnung ordentlich gestapelten Steine als Begrenzung des Abhangs ins Auge. Das sieht so rein gar nicht naturgeschaffen aus. Also gab ich meiner Neugierde nach und kraxelte einmal den Schutt nach oben.

Und siehe da, dieses Loch ist eindeutig alles andere als natürlich entstanden. Der frühere Eigentümer muss eine regelrechte Wühlmaus gewesen sein, so wie er sich überall in die Berge gegraben hat. Mir fehlt es an ingenieurstechnischem Grundwissen, doch irgendwie halte ich es für einfacher, aus dem schier unerschöpflichen Vorrat an überall herumliegenden Steinen ein frei stehendes Gebäude zu errichten, als sich mühsam in diesen steinigen Untergrund vorzuarbeiten, dessen Decke man am Ende auch noch irgendwie abstützen muss. Klar, hält sichtlich auch ohne Stütze über zig Jahrzehnte. Aber wer will schon riskieren, dass ein Steinchen von der Decke ins Essen fällt, während man da drin am Mittagstisch sitzt? Andererseits weiß ich vom vergangenen Sommer, wie sehr solch eine Höhle vor der erbarmungslosen Sonne schützt.

 

Ich muss mich jetzt endlich mal vor dem Wind schützen. Meine App sagt mir, dass es noch vier Tage durchpusten wird. 

Vier Tage, in denen ich möglichst mehr Indoor-Zeit einplane, als denn Ausflüge an die frische Luft zu unternehmen.

Wirklich weit gelaufen bin ich nicht. So richtig viel Steine bewegt habe ich eigentlich heute auch nicht. Und doch schlaucht das Wetter dermaßen, dass ich mich in der Verfassung für einen Spätnachmittags-Powernap fühle. Also bette ich mein Köpfchen auf meinem Genickstützkissen und lasse mich im vom Wind schaukelnden Wohnwagen ins Reich der Träume treiben.

Nur um kaum 20 Minuten später vom schrillen Alarmsignal meiner beiden Telefone an den Rand einer Herzattacke getrieben zu werden. Den Sturm überlebt, aber von der Warnmeldung zu Tode erschrocken. Steht das dann so in der Sterbeurkunde?

Nun, zumindest weiß ich jetzt, dass ich in beiden von mir genutzten Funknetzen vom spanischen Alarmsystem erreicht werden kann. Bettdecke weg, in die Puschen, Handy schnappen und drei Schritte zur Tür, alles in einem Zehntelbruchteil einer Sekunde. Dann erst kam langsam auch mein Verstand hinterher und erinnerte sich daran, dass ich nicht mehr bei der Freiwilligen Feuerwehr bin und sichtlich um mich herum kein Grund besteht, warum ich den warmen Wohnwagen verlassen und mich stattdessen in den Wind stellen sollte. Mein Pümpchen in der Brust lief trotz dieser Erkenntnis locker noch eine Viertelstunde weiterhin auf Volllast. Adrenalin ist schon ein Teufelszeug. Was denken die sich im Gefahrenmeldezentrum denn? Sollte es wirklich noch Menschen geben, denen der seit Tagen tobende Sturm entgangen ist? Wen wollten die denn jetzt noch alarmieren.

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