Google Maps Überraschungstouren können was fürs Auge sein
Die Sierras zwischen Fortuna und La Zarza, Murcia
Es gibt die Redensart „Immer, wenn der Mensch anfängt, seine Zukunft zu planen, fällt im Hintergrund das Schicksal lachend vom Stuhl.“ Oder „El karma es cabrón“, wie die Spanier den im Englischen wohl international bekannten Kraftausdruck dazu übersetzen. Fakt ist jedenfalls, dass ich mit meiner Arbeitszeit-Kalkulation „nach dem 10ten Februar wird es gemütlicher“ einmal mehr vollkommen daneben gelegen habe. Ganz im Gegenteil, nun ist schon die zweite Woche vergangen, in der ich mir dermaßen viel Mandanten-Nachbereitungs-Arbeit auf den eigentlich „buchhaltungsfrei“ gehaltenen Freitag gelegt habe, dass der für diesen Tag im Kalender vorgemerkte Newsletter schlichtweg hinten runterfallen musste.
Nun hätte ich natürlich einfach die Planabweichung fortsetzen können und mich heute nach dem Frühstück ans Tippen, statt an die im Plan angedachte Gartenarbeit begeben können. Doch nach sechs Tagen des überwiegenden Sitzens stand heute zwingend einmal etwas körperliche Ertüchtigung auf dem Programm. Zumal gestern Nachmittag endlich der beharrlich unangenehme Wind zu einem Ende gekommen ist. Endlich Frühlingswetter in Spanien, das diesen Namen auch verdient. Es wäre eine Sünde, unter diesen Bedingungen am Schreibtisch zu bleiben. Also habe ich mir meine Arbeitsklamotten angezogen und mich mit Spitzhacke und Schaufel über die nächste Erdbewegung hergemacht.
Keine Ahnung, wie viele Schubkarren ich im Laufe der Zeit nun schon bewegt habe. Da ich ja nur zwei bis dreimal pro Woche überhaupt die Gelegenheit finde, für maximal zwei Stunden an diese Art des Fitnesstrainings zu gehen und dabei locker die Hälfte der Zeit mit Steinesammeln verbringe, können es eigentlich noch gar nicht so viele sein. Doch wenn mich jemand fragt, würde ich sofort von „tausenden Schubkarrenladungen“ sprechen, die ich schon bei dem bislang vergeblichen Versuch eines Rampenbaus den Abhang runtergekippt habe.
Vermutlich wächst da einfach nur kein Erdhügel heran, weil mein Schweiß alles Bodenmaterial ständig wieder hinwegschwemmt. Und schweißtreibend ist der Spaß. Nun, es soll ja auch gesund sein. Und heute kam ich tatsächlich richtig gut in den Schaufel-Flow.
Doch dem zukünftigen Stellplatz des Wohnwagens widme ich einen eigenen Newsletter. Das führt zu weit, wenn ich in das Thema heute einsteige. Ich will ja dann schon ausführlich auf jeden einzelnen Stein eingehen. Und wie gesagt, das sind viele, viele Steine.
Langsam sind meine vom Gernsheimer Toom-Baumarkt mitgebrachten Handschuhe in Auflösung befindlich, wie mich die ständig im Innern befindliche Erde hinweist.
Wenigstens ein Beweis dafür, dass ich hier körperlich aktiv wurde, wenn man auch an der Landschaft noch immer nicht wirklich viel erkennen kann.
Natürlich bekommt der Clark das Kunststück hin, sich selbst durch die Lederhandschuhe auf der Daumeninnenseite und am Mittelfinger eine Blase einzufangen. Diese zarten Buchhalterfingerchen sind einfach keine körperliche Arbeit gewohnt, die über das Drücken einer Taste am Computer hinausgeht.
Ich habe diese wassergefüllte Arbeitsbeeinträchtigung als Anlass genommen, den Feierabend in Sachen Erdbewegungen einzuläuten und mich in Richtung Nachmittagskaffee zum Wohnwagen zurückzubegeben.
So ganz in den Faulenzermodus übergehen und vielleicht doch schon mit dem Tippen von ein paar Zeilen anfangen, ging jedoch noch nicht. Wir leben zwar im Zeitalter der Digitalisierung und ich würde mich als Vorreiter des papierarmen Büros bezeichnen, doch diesen einschränkenden Begriff verwende ich mit Absicht, denn von einem wirklich „papierlosen“ Verwaltungsapparat sind wir leider noch weit entfernt.
Die Zinsfestschreibung eines Darlehens meines Hauses lief aus, die Bank hat mir ein akzeptables Angebot für eine Verlängerung gemacht und ich habe das Angebot angenommen. Haken dran, fertig, sollte man meinen. Aber nicht im deutschen Verwaltungswesen. Ich habe zwar mit meinen Kunden schon ganze Firmenkäufe über Kontinente hinweg notariell mit digitaler Signatur abgewickelt. Doch bei der Prolongation eines bestehenden Kontrakts zwischen zwei sich seit 25 Jahren kennenden Vertragspartnern besteht die Bank auf eine persönliche, echt handgefertigte Unterschrift auf den Dokumenten. Willkommen im 21sten Jahrhundert.
Jedenfalls hat mir meine Mitarbeiterin die zu Hause eingegangenen Vertragsunterlagen in einen neuerlichen Umschlag gesteckt und nach Spanien nachgeschickt. Einen Briefkasten habe ich ja nicht an meinem Campo, so muss die Tankstelle meines Vertrauens als Postlagerstätte herhalten. Was sie für so ziemlich die halbe Region hier tut, wie ich jedes Mal feststelle, wenn ich hinkomme. Eine ganze Regalwand dient im Verkaufsraum der Tanke nur dazu, die Eingangspost von zahllosen Empfängern zu lagern.
Wenn ich denn schon zur Tankstelle fahre, kann ich doch auch gleich meine leere Gasflasche tauschen. Bei dem Wetter im Moment reduziert sich meine Heizerei zwar auf ein Minimum, sodass ich vermutlich mit der aktuell im Wohnwagen angeschlossenen Flasche noch einige Zeit auskomme. Aber eine Reserve schon im Haus, korrekter: in der Höhle stehen zu haben, ist bestimmt kein Fehler. Und auf dem Weg zur Tankstelle komme ich zwangsläufig auch an der Fuenta, der Quelle, vorbei. Gute Gelegenheit, auch wieder ein bisschen Wassernachschub zu bunkern. Könnte bei dem schönen Wetter zwar bedeuten, dass ich dort in der Schlange stehe, weil das freitags nachmittags hundert andere Leute auch machen wollen. Aber ich habe mein Notebook ja immer dabei. Dann werde ich die Wartezeit zum Schreiben nutzen.
Ich habe also alles zusammengetragen, was ins Auto muss. Während ich mich mit meinem letzten Schluck inzwischen kalt gewordenen Kaffee kurz zum Ausruhen hinsetzte, kam mir die Idee, vielleicht auch gleich noch einen Zwischenstopp an den Müllcontainern an der Straßenecke einzulegen. Also habe ich meine Gelber-Sack-Tüten, das Altglas und ein paar Verpackungskartons auch noch zusammengesucht und im Auto verstaut.
Von der Tanke bis nach Fortuna zum Supermarkt sind es keine zehn Kilometer mehr. Frisches Obst und Gemüse könnte ich mir gönnen. Würde mir auch den Aufwand des Brotbackens nochmal für ein paar Tage sparen. Also bin ich diesen Schlenker anschließend auch noch gefahren.
Eigentlich kenne ich mich in der Region inzwischen längst schon gut genug aus, dass ich aufs Navigationssystem verzichten könnte. Ans Ziel kommen würde ich auch ohne. Aber in dem hügeligen Gelände habe ich gerne die Landkarte auf dem Bildschirm mitlaufen, um manch eine Kurve zu erkennen, bevor ich sie sehe. Da der Bildschirmschoner des Handys aber ohne Aufgabenstellung der Meinung ist, mir nichts anzeigen zu müssen, starte ich dann am Ende doch die Routenberechnung „nach Zuhause“, als solches ist das Campo in meinem Handy gespeichert.
In der Stadtmitte von Fortuna war Google Maps dann irgendwie der Meinung, mal wieder den Adventure-Modus zuschalten zu müssen und bestand auf „links abbiegen“ an einer Stelle, an der ich gewohnheitsgemäß wie schon hunderte Male zuvor geradeaus gefahren wäre. Die Anzeige erzählte was von einer halben Stunde, also ungefähr genauso weit und genauso lang wie meine gewohnte Strecke. Warum nicht mal was Neues probieren, dachte ich mir und setzte den Blinker.
Ich sollte es nicht bereuen. Okay, auf meiner normalen Strecke wäre ich weit schneller vorwärtsgekommen, denn auf den Überlandstraßen kann man die vorgegebenen 90 km/h fahren. Wenn keiner hinschaut, auch mal eine Handbreit mehr. Auf dem Seitensträßchen, über das mich Google da heute jagte, gingen solche Geschwindigkeiten absolut nicht. Aber ich hätte auch gar nicht schnell fahren wollen, dazu war der Ausblick einfach viel zu schön.
Ich befand mich in der Sierra del Lugar, wie mich eine Hinweistafel an einem kleinen Parkplatz aufklärte.
Ein Parkplatz, der ehemals von kletterbegeisterten Menschen genutzt wurde, die sich an den imposanten Hängen empor gewagt haben.
Auch wenn ich es mit Höhe und Klettern so rein gar nicht habe, kann ich doch verstehen, dass diese Felsen bei Menschen mit der entsprechenden Neigung Begierden zur Herausforderung wecken.
Unter der weißen Kuppel, die – wie ein Hinweisschild am Felsen aufklärt – erst im September 2025 als Aussichtsplattform ins Tal renoviert wurde, entspringt ebenfalls eine kräftige Quelle. Doch um an das Becken darunter ranzukommen, müsste man sich auf den Asphalt der Straße knien. Was in einer abschüssigen S-Kurve, nun, sagen wir „gesundheitliche Risiken“ birgt. Also keine Stelle zum Merken für zukünftiges Wasserzapfen. Mit 22 km ist diese Quelle auch weiter weg, als meine gewohnte in Algarrobo. Aber ich bleibe immer auf der Suche nach potentiellen Ausweichstellen. Wasser ist in der Gegend ein wichtiges Gut.
Zur Dokumentation der Größe hier ein Blick von der besagten weißen Kuppel zu meinem wie ein Spielzeug vor der steilen Wand wirkenden Auto. Dass die sich langsam dem Horizont nähernde Sonne den Stein so leuchten ließ, hob die Atmosphäre nochmal.
Ich musste hier einfach für ein Foto anhalten.
So geht die Straße dann weiter. Wie gesagt, Google meint, 90 Sachen seien hier erlaubt. Ich bin teilweise im dritten Gang im Standgas entlang gerollt beim Versuch, mich an der Landschaft satt zu sehen.
Dass man hier von einer Sierra in die nächste überwechselt, merkt man nicht wirklich. Irgendwann kam ich an diesem Parkplatz mit den steinernen Tischchen vorbei, die ich tatsächlich während eines meiner früheren Fahrradausflüge schon einmal gesehen hatte. Die Sierra de la Pila hat mich wieder. Laut Hinweistafel am Aussichtspunkt in die Schlucht handelt es sich um die „Barranco del Infierno“, doch wenn man Google nur nach diesem Namen fragt, hat es im Großraum Murcia alleine schon vier solche Orte. Höllenschluchten sind also keine Seltenheit.
Ein erholsames Fleckchen Erde auf jeden Fall. Nicht nur durch die zahllosen Möglichkeiten, hier extrem naturnah spazieren zu gehen, sondern vor allen Dingen auch aufgrund der Tatsache, dass es hier absolut überhaupt kein Funknetz weit und breit gibt. Keins meiner beiden Handys hatte noch Signal. Die Berge rundherum schirmen offensichtlich alles ab. Ich habe meinen zweiten Foto-Stopp kurz gehalten und zugesehen, dass ich zurück in die Zivilisation komme.
Wieder auf meinem Campo angekommen, habe ich mich ans Ausladen des Autos gemacht. Die wiederbefüllten 8-Liter-Gebinde aus dem Supermarkt lassen sich ganz gut vom Auto in die Höhle tragen. Die 20-Liter-Kanister hingegen waren heute irgendwie schwerer als sonst. Sollten das die Nachwirkungen des Verausgabens am Vormittag sein? Wenn ich mir irgendwann einmal ein paar weitere Kanister kaufen sollte, werde ich zusehen, dass ich nur 15 Liter oder gar 12 Liter Inhalt kaufe. Dafür ein paar mehr. Aus dem Alter des Schleppens bin ich langsam raus, scheint mir.
So blieb ich nach jedem einzelnen Gang kurz unter den beiden Mandelbäumen am Höhleneingang stehen und schnupperte. Die Blütenpracht verströmt ein solch wunderbares Aroma, dass ich mich am liebsten unter den Baum setzten würde.
In solchen Momenten bemerkt man dann auch Kleinigkeiten. Durch den ewigen Sturm der letzten Woche hat man von der Natur recht wenig gehört, dafür drang häufig der Schall der Autobahn aus der Ferne bis hierher durch. Heute jedoch lag nur das herrliche Konzert aus Summen und Zwitschern in der Luft.
Der Geruch weckte ein bisschen Erinnerungen an den vergangenen Dienstag. Ich hatte einen Termin in einem Ingenieurbüro in Jumilla, um die Möglichkeiten der gewerblichen Campo-Nutzung sowie meine Zweitwohnsitzmeldung auf dem Gelände zu klären. Ein hochinteressantes und äußerst informatives, in der Ergebnisbringung jedoch leider eher frustrierendes Gespräch.
Die gute Nachricht: Absolut alles, was mir vorschwebt, ist machbar. Die schlechte Nachricht: Es ist alles viel komplizierter, als ich es mit meiner ohnehin schon negativen Verwaltungsvorahnung erwartet hätte. Wieder einmal einer der Termine, in die man mit zehn Fragen reingeht, fünfzig Antworten erhält und mit hundert neuen Fragen im Kopf nach Hause fährt.
Jedenfalls führte mich der Weg nach Jumilla durch zahllose Felder, auf denen die Mandeln gerade in voller Blüte stehen. Nicht so ein einsames Bäumchen, wie auf meinem Campo, sondern Plantagen, so weit das Auge reicht. Ich habe die Fenster runtergefahren und rollte stellenweise ganz langsam die Straße entlang, nur um zu schnüffeln.
In Jumilla hatte ich ein bisschen zu weit von dem Ingenieurbüro entfernt geparkt. Während ich durch die teils sehr schmalen Gassen zurück zu meinem Auto wanderte, fiel mein Blick auch auf die Burg am Ende ebendieser kleinen Straßen. Auch so ein noch auf der Liste stehendes Ausflugsziel.
Doch in dem Moment war ich zum einen mit dem Kopf ohnehin noch mit den Nachwirkungen des gerade absolvierten Gesprächs beschäftigt. Zum anderen geht aus dem Bild hervor, dass hier noch eine ziemlich steife Brise über das Land zog.
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Aber La Zarza ist eben der einzige aus Sicht der Autobahn überhaupt erwähnenswerte Ort in der Gegend. Und selbst der ist noch 14 Kilometer von der zugehörigen Autobahnabfahrt entfernt. 14 Kilometer, die dermaßen schwach befahren sind, dass sie schon von unvorsichtig werdenden Wildschweinen bewohnt werden, wie ich aus leidlicher Erfahrung weiß.
Und doch ist dieses Autobahnschild für mich immer wieder ein Beweis dafür, dass exakt genau dieses Campo an der richtigen Stelle liegt. Völlig abgeschieden und fast schon einsam. Aber dennoch komplett in die Infrastruktur der Zivilisation eingebunden. Der perfekte Ort für Menschen, die einfach mal ins „Nichts“ kommen wollen, ohne dabei einen auf Robinson Crusoe zu machen und allem entsagen zu müssen.
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