Der Berg ruft. Ein Sonntagsausflug.
Sierra del Carche, Altiplano Hochebene im Norden Murcias
Alt werden ist Mist. Nicht alt zu werden aber bekanntlich irgendwie auch. Freitag ist kein Buchhaltungstag. Außer an den rund fünfzig Ausnahmen im Jahr. Hoch lebe die Regel. Wenn dann Freitagnachmittag auch mein imaginäres Phantomleiden mal wieder Einzug hält, geht alle Planung zum Teufel. Es beginnt mit einem Bäuerchen in der leckeren Duftnote, die man sonst nur erreicht, indem man sich eine Woche lang aus dem Güllefass hinter dem Schweinestall ernährt. Dann folgt eine Nacht mit wenig Schlaf, dafür viel Bauchschmerz. Am nächsten Vormittag hält man am besten die maximale Distanz zum Töpfchen etwas kleiner; aber für großartige Unternehmungen ist man ohnehin zu erschlagen. Und am Nachmittag legt Mutter Natur irgendwo im Körper einen Schalter um und alles ist weg, als wäre niemals was gewesen. Wenn man dann zum Arzt geht, bekommt man Schläuche in alle möglichen Körperöffnungen gesteckt (er versprach mir damals, unterschiedliche für oben und unten zu nehmen, aber ich habe den Einsatz glückselig verschlafen). Anschließend bekommt der Privatpatient neben einer tränentreibenden Rechnung die verbriefte Mitteilung, dass er sich die Krämpfe nur eingebildet hat. So lebe ich seither als Hypochonder und spendiere alle paar Monate mal einen Tag der unfreiwilligen Auszeit. Beispielsweise den gestrigen Samstag.
Aber meinen ursprünglichen Plan, mir das Naturreservat einmal aus der Nähe anzusehen, auf das ich beim Öffnen meiner Wohnwagentür schauen kann, hätte ich am Samstag ohnehin nicht umsetzen können, denn der Berg war weg. Während mir Freunde aus der Heimat von strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen berichteten, gab die spanische Wetterbehörde für die Region hier Nebelwarnungen bis in die Niederungen raus. Auf dem Acker nebenan machte sich ein Schwarm Krähen breit. Das kühl-graue Wetter in Verbindung mit dem ständigen Kräh-Kräh ließ eher Herbstwetter-Feeling aufkommen, als dass es Lust auf Outdoor-Aktivitäten machte.
Okay, ich habe mich dennoch meiner täglichen Dosis Steine gewidmet. Und zwischendurch ein Brot gebacken. Und zur Quelle gefahren bin ich, um meinen Bestand an Wasser wieder auf einen knappen halben Kubikmeter aufzufüllen. Auf dem Rückweg habe ich es mir nicht nehmen lassen, dann auch noch auf einen Chicken-Burger einzukehren, um es dem rumzickenden Gedärm heimzuzahlen, das mich in der Nacht zuvor so gequält hatte. Während des Essens veränderte ich meinen Carche-Plan. Statt wie ursprünglich vorgesehen das Fahrrad auf die Ladefläche des Autos zu werfen und „mal kurz“ eine Runde nach oben zu drehen, könnte ich ja auch direkt vom Campo aus hin radeln. Damit bliebe am Ende zwar nicht mehr viel von dem Tag übrig, aber was soll’s? Immerhin ist Sonntag, da macht man sowas wie Ausflüge, habe ich irgendwann mal sagen hören, bevor ich den Lebensweg eines ewigen Schreibtischsitzers einschlug.
Sonntag. Ein neuer Tag. Weiterhin grau in grau. Aber wenigstens ist der Berg wieder zu sehen. Der Wind bläst nur moderat. Ich erwischte mich dabei, wie mein Hirn fieberhaft nach Ausreden suchte. Nein, die Akkus am Fahrrad sind voll. Es wird gefahren! Zwar habe ich Superheld meine Satteltaschen in Gernsheim vergessen. Ich hatte auf dem Herweg letzten November ja nur fast drei Tonnen Ladekapazität zur Verfügung. Die beiden Gummidinger hätten da unmöglich noch in irgendeine Ritze gepasst. Aber für solch einen Hopser auf dem Rad sollte ich auch ohne großes Gepäck auskommen. 12,5 Kilometer sind es bis zum Fuße der Sierra. Wie weit ich es dann „innen drin“ treibe, lässt sich ja beeinflussen.
Keine 200 Meter von meiner Einfahrt entfernt muss ich um die scharfe Ecke des Campos, um weiter nach unten zu kommen. Schon da kam ich dermaßen ins Rutschen, dass mir schlagartig der Schweiß auf der Stirn stand. Meine Güte, bin ich aus der Übung. Vor lauter Schubkarre-Schieben schon verlernt, wie man ein Fahrrad bedient. Ich hielt es für angebracht, gleich an dieser Stelle einmal anzuhalten und ein potenzielles Erinnerungsfoto vom bis dahin noch heil gebliebenen Fahrrad zu machen.
Neben dem Fahrrad gibt es ja noch etwas, das bei einem unfreiwilligen Abstieg eventuell beschädigt werden könnte. Also am besten gleich noch ein Selfie dazu.
Aber um es vorwegzunehmen: Ich kam im Laufe der restlichen Fahrt einige Male ins Driften und bekam auch insgesamt dreimal eine Ladung Äste mitten ins Gesicht, aber ich bin kein einziges Mal auf die Nase gefallen. Okay, in meinen jungen Tagen hätte ich die Strecke sicherlich in weniger Zeit geschafft. Aber eingangs hatte ich es ja schon vom Altwerden erzählt. Man kann ja auch mal was dazulernen.
Die ersten beiden Kilometer sind geschafft, der Berg ist genauso weit weg wie zuvor. Aber die steife Beinmuskulatur begann sich ans ungewohnte Treten zu gewöhnen und das Auge erfreute sich an dem allgegenwärtigen Blütenmeer. So lässt sich auch mit der Wolkendecke leben.
Sieben Kilometer sind geschafft. Ist der Berg nähergekommen? Man erkennt mehr Details. Aber das könnte auch daran liegen, dass inzwischen tatsächlich ein blaues Loch in der grauen Himmelsdecke zu sehen ist. Nun, auf dem Asphalt ist gut zu fahren, also schalte ich einen Gang höher und strampele weiter.
Der Moment der Entscheidung. Jumilla wäre mir zu weit weg, aber zwischen mir und Pinoso gibt es keine nennenswerten Hügel mehr. Sollte ich einfach eine Tasse Kaffee trinken gehen und den Berg Berg sein lassen? Dass die beiden vorderen Gipfel tatsächlich gerade mit Sonnenschein eingedeckt wurden, sorgte dann doch dafür, dass es mir gelang, den inneren Schweinehund ein weiteres Mal zu besiegen. Also links abbiegen und der Straße folgen. Aber nur für 150 Meter, dann geht es rechts auf einen Feldweg.
Man gibt sich in Spanien eindeutig viel Mühe, die Natur für den Touristen auch auffindbar zu machen. Irgendwie wirken all diese Schilder auch noch ziemlich neu. Der Briefkasten gehört zu einem Häuschen, das viel weiter hinten im Feld lag. Würde ich mich trauen, einfach an ein von einem Amt aufgestelltes Schild meinen privaten Briefkasten zu schrauben? Nun, die Spanier ticken offensichtlich ein bisschen anders in Sachen Gemeinschaftseigentum.
Irgendwie scheint es mir auch, als ob zwei unterschiedliche Organisationen sich um das Beschildern kümmern. Ohne es genauer zu wissen, würde ich unterstellen, dass die Blechschilder mit den Holzstangen eine behördliche Installation sind, wohingegen sich ein Verein oder eine Bürgerinitiative mit Steinen und Mörtel daran gemacht hat, die Anlage zu beschildern. Diese beiden konkurrierenden Hinweistafeln begegnen dem Besucher auf jeden Fall über die ganze Sierra verteilt.
In die Rückseite des steinernen Wegweisers wurden simple weiße Kacheln eingebracht, die ein Mensch mit ruhiger Hand bemalt hat. Kein Druck, sondern echte manuelle Arbeit. Estado aqui, mein Standort, also ganz am unteren Ende. Für heute habe ich mir ein Abradeln der unteren roten Runde vorgenommen, von La Curiosa nach Collado de las Colmenas und dann oben rum über Collado del Cantal zurück zu La Curiosa.
Die Pozo de la Nieve würde mich zwar auch interessieren, denn in dieser Gegend muss eine Schneequelle schon irgendwie ein imposantes Bauwerk sein, doch das wären nochmal über 300 Höhenmeter mehr und wenn ich dann eine Runde über den Nordkreis daraus machen wollte, käme ich erst im Dunkeln wieder nach Hause. Nein, ich belasse mein Wissen über die Kühlschrank-Funktion der Zeit vor der Erfindung von Strom erst einmal bei dem, was ich vom Bierbrauen in Pilsen gelernt habe, und halte die Strecke heute überschaubar.
Was macht ein gutes Naturreservat aus? Genau: Es ist menschenleer und kaum überwacht. Der perfekte Ort, um mal eine Ladung Müll loszuwerden, wenn es drauf ankommt. Drecksäcke gibt es halt eben auch in aller Herren Länder. Die beiden Holzpaletten könnte ich als Schalungsmaterial für meine Höhle gebrauchen. Transportieren sich nur schlecht mit dem Fahrrad. Ja, die hätten nicht einmal in die Satteltaschen gepasst, wenn ich welche dabei hätte.
Mir ist diese Art von Müllentsorgung durchaus ein bisschen ein Rätsel. Es handelt sich doch um Tüten und Packungen. An jeder zweiten Straßenecke stehen in Spanien Müllcontainer herum, nicht wie in Deutschland auf Privatgrundstücken. Arbeitsmäßig hätte es doch keinen Unterschied gemacht, das Zeug einfach gleich irgendwo in eine Tonne zu werfen. Man muss Menschen nicht verstehen.
Etwas weiter dann das nächste Hinweisschild.
Wie ich darauf komme, dass die handgemalten von freiwilligen Bürgern und die Teile aus Blech von einem Amt stammen?
Nun, zwei Dinge sind erlaubt, vier sind verboten. Wenn das mal nicht amtlich klingt.
Nun habe ich das Eingangsschild eigentlich schon hinter mir, fast zwölf Kilometer auf dem Tacho und der Berg wirkt immer noch so weit weg. Perspektiven und Distanzen abschätzen in der Landschaft ist echt eine Kunst für sich.
Jetzt aber. Bis hierhin darf man mit dem Auto fahren. Eine Gruppe Motorradfahrer stand ganz enttäuscht vor dem Durchfahrt-Verboten-Schild an den beiden stählernen Toren. Doch sie hatten kein Interesse, ihre Maschinen zu den geparkten Autos zu stellen und in der Lederkombi zu Fuß weiterzugehen. Nachdem die Gruppe jeden Baum um den Parkplatz gewässert hatte, knatterten sie wieder von dannen und ich hörte nur noch das Summen der Insekten.
Vandalismussichere Sitzgelegenheiten haben die Mörtel-Liebhaber hier an den Eingang gestellt. Es sollten die einzigen bleiben, die mir auf meiner ganzen Tour durch die Sierra begegneten. Die meinen das absolut ernst mit dem „kein Campen erlaubt“, das auf dem vorherigen Schild stand. Nicht einmal Hinsetzen ist erwünscht, wenn man erst einmal die Pforte des Naturreservates passiert hat.
Nach den ersten 500 Metern hatte ich eigentlich schon genug vom Berg. Aus mir wird niemals ein Alpinist. Höhe ist echt nicht mein Ding. Aber okay, die Aussicht macht die Strapazen des Hochstrampelns schon irgendwie ein bisschen wett, gebe ich zu.
Wikipedia sagt, die Berge bestünden größtenteils aus Kalkstein. Kann Kalk rosten? Auf jeden Fall begegnet man einigen wunderbar rot leuchtenden Stellen in der offenen Erde.
Und weiter geht es nach oben. Echt schade, dass es ein doch weiterhin eher diesiger Tag ist. Aber ich jammere auf hohem Niveau, in jederlei Hinsicht. Immerhin reißt die Wolkendecke immer weiter auf und es ist recht angenehm warm, ohne für solche Strapazen gleich viel zu heiß zu sein.
Obwohl die beiden von mir gewählten Wege an der Südflanke entlang führen, ist es mir nicht ein einziges Mal gelungen, in die direkte Richtung meines Campos zu schauen. Immer war eine Berg-Ecke oder einfach nur Wald im Weg. Trotzdem habe ich es an fast jeder Stelle, die einen Blick erlaubte, immer wieder versucht.
Steinig, ja, aber doch so gut gepflegt, dass ein gutes Vorwärtskommen möglich ist. Doch den Einsatz eines simplen City-Bikes würde ich dennoch nicht empfehlen. Der Regen hat an einigen Stellen schon auch für andere Zustände des Untergrundes gesorgt, bei denen die Verschraubungen am Rad deutlich auf ihre Festigkeit geprüft werden.
Landschaft ohne Ende. Und wenn dann tatsächlich mal großflächig der blaue Himmel sichtbar wird, ist das auch gleich ein Augenschmaus.
Nun war ich heute zum ersten Mal in der Sierra del Carche und bislang auch nur ein einziges Mal in der südlich vom Campo gelegenen Sierra de la Pila. Also bei weitem nicht genug Erfahrung, als dass ich mir ein abschließendes Urteil erlauben könnte. Dennoch wage ich mich mit der Behauptung aus dem Fenster zu lehnen, dass La Pila etwas „wilder“ rüberkommt. El Carche wirkt irgendwie ziemlich „zivilisiert“. Während ich auf den Hügeln der Pila ziemlich schnell den Sinn für die Himmelsrichtungen verloren habe, sind die Wege auf der Carche dermaßen vorhersehbar, dass man fast von langweilig sprechen kann.
Was aber hier wie dort gleich ist, ist der etwas merkwürdige Sinn für Foto-Panoramen. Es gibt so unfassbar viel Sehens- und Fotografierenswertes, dass man sich schon fragt, auf was genau denn dieses Schild nun ausgerechnet hier hinweisen will. Vielleicht sollte ich mir im Laufe der Zeit doch einmal einen Reiseführer für die Region kaufen und nachlesen.
Berge. Hatte ich schon erwähnt, dass ich da ein etwas zwiegespaltenes Verhältnis zu habe? Den Weg, den man da in der Mitte, weit weg und viel tiefer, sieht, bin ich doch eben erst geradelt. Okay, dieses „eben erst“ war vor zwei Litern Schweiß. Aber glücklicherweise habe ich ausreichend von dem kühlen Nass bei mir, um den Verlust gleich wieder aufzufüllen.
Noch ein bisschen Landschaft, einfach nur so zum Gefühl entwickeln, was es mit der Sierra so auf sich hat.
Und hier ein Bild des dritten Mals, bei dem ich einerseits auf die losen Steinchen auf dem Boden schaute, um mich nicht auf die Nase zu legen und andererseits von den kollektiv schräg gewachsenen Bäumen begeistert war. Nein, ich halte die Kamera nicht schräg, die Straße ist gerade. Es sind die Bäume.
Und genau ein solchiger hielt es dann auch für angebracht, einfach mal weit in den Weg hineinzureichen. Ich stelle fest: Eine Ohrfeige von einer Kiefer tut weh und die Zweige schmecken nicht sonderlich gut. Ich habe dennoch drauf verzichtet, nur mit runtergeklapptem Visier weiterzufahren.
Und noch ein bisschen Landschaft, dieses Mal nicht mit dem Blick auf den zurückgelegten Weg, sondern auf die Vorausschau der nun vor mir liegenden, sanften aber ausdauernden Steigung. Ist der Himmel nicht schön? Wie lange noch, bis ich durch die Wolken stoße? Die Luft wird schon ganz dünn.
Der Gabelpunkt, ab dem ich wieder zurück nach Westen abbiege. „Collado las Colmenas“, Hügel der Bienenstöcke. Nun bin ich durch die Höhle auf meinem Campo schon ein bisschen auf Bienen geeicht und erfreue mich gerne am Brummen der kleinen Honigsammler. Aber hier an dieser Stelle ist mir keine einzige begegnet. Wer weiß, wann und warum der Platz seinen Namen bekommen hat. Aber rund um das Pumpenhäuschen die Beine vertreten und die Regenwasserrückhaltebecken für die Tiere betrachten, tat auch mal ganz gut. All die Dinge wirken irgendwie noch sehr neu.
Apropos Wasser für die Tiere. Solche künstlich angelegten Wild-Tränken findet man auch hier überall. In weniger hübsch und viel älter sind sie mir auch letzten Sommer schon in der Sierra de la Pila begegnet. Mir fällt da ein Bericht ein, den ich vor einiger Zeit gelesen hatte, als ich nach dem Frosch-Quaken auf meinem Campo recherchierte. Wenn mich die Stechmücken zu sehr quälen, soll ich mir einen kleinen, dauerbewässerten Tümpel zulegen. In Deutschland wäre genau das die Brutstätte der kleinen Plagegeister. Hier jedoch wird eine Wasserstelle recht schnell zum Magneten aller Tiere, die sich von Stechmücken ernähren. Und Fledermaus-Häuser soll ich aufhängen. Es gibt noch viel zu tun, wenn ich irgendwann einmal mit meinen Steinen fertigwerden sollte.
Weiter geht es den Berg hinauf. Ein Mountainbiker kommt mir entgegen. Ich stehe gerade zum Bildmachen, da stoppt der gute Mann neben mir und fragt fürsorglich, ob ich Probleme hätte. Schweißgebadet wie ich war, erklärte ich dem Sportler, dass meine Trabajo am Escritorio stattfindet und ich hier im Montaña schlicht nicht genug Conditión habe. Mit einem Lachen signalisierte mir der Mann, dass er mein Kauderwelsch verstanden hat und schwang sich wieder auf seinen Sattel. Hat er es gut, er rollt runter, ich muss da noch hoch, waren so meine Gedanken, als ich mich auch wieder in die Pedale stemmte.
Der nächste Wegpunkt mit Hinweisen aus Blech wie Stein. Hier könnte ich nun in Richtung Berggipfel mit Schneeeinlagerungshütte abbiegen, klärte mich das Gemälde auf den Fliesen auf. Ich verzichtete dankend, leerte meine Thermoskanne mit kühlem Wasser. Und sehnte mich nach einer Sitzbank oder einem umgefallenen Baum oder irgendeiner anderen Rast-Möglichkeit. Doch tatsächlich wirken die Wege so, als hätte man regelrecht mit Absicht all diese Optionen entfernt. Also weiterradeln.
Der Wald setzt sich fort. Ein Wald halt. Wie man ihn von überall her kennt, und doch ein entspannendes Fleckchen.
Dieser offensichtlich etwas renovierungsbedürftige Wohnkomplex ist in der gefliesten Karte als „Casas del Cantal“ ausgewiesen. Leo.org erklärt mir, dass „cantal“ übersetzt „Steinwüste“ bedeutet. Wie fantasievoll.
Ab und zu stehen am Wegesrand Holzpfosten, deren oberes Ende unterschiedlichfarbene Kreise zieren. Meistens erkennt man in der Nähe dann auch einen Trampelpfad. Ich nehme an, dass mich ein Wanderführer, so ich einen hätte, aufklären würde, dass sich hier die Wege der Radfahrer und Fußgänger trennen. Wobei ich genug hartgesottene Mountainbiker kenne, die sich auch dieses Fußweges annehmen würden. Ich bin da viel zu brav zu. Oder einfach nur zu alt?
An einigen Bäumen wächst zusätzliches Grünzeug. Echt hübsch anzusehen, doch ich nehme an, hochgradig parasitär, denn der gastgebende Baum sieht beim besten Willen nicht mehr wirklich gesund aus.
Natur, die sich selbst kaputt macht.
Ein letzter Blick aus der Höhe, ab jetzt geht es nur noch bergab. Was für mich auf meinen zwei Rädern bedeutet, den Blick auf gar keinen Fall mehr vom Boden vor mir wegzubewegen. Vielleicht habe ich somit das eine oder andere Fotoobjekt verpasst. Aber langsam begannen auch die Oberschenkel zu jammern und der Fahrtwind kühlte mich aus. Zeit, um nach Hause zu kommen.
Ich bin sicher, ich hätte auf dem Weg bergab noch einige Fotos machen können. Ist schon ganz schön viel Natur hier. Doch zumindest auf der von mir heute abgedeckten Strecke auch ganz schön viel Menschengemachtes. Die hier wild aufgehenden Mandel am Wegesrand sind Flüchtlinge aus den zahlreichen in der Sierra verteilten, bewirtschafteten Feldern.
Wie gesagt, für ein abschließendes Urteil muss ist erst nochmal wiederkommen und mir die Bergspitze anschauen. Dem ersten Eindruck nach ist die etwas kleinere Sierra de la Pila jedoch das schönere Ausflugsziel.
Wieder unten am Parkplatz angekommen zeugt ein Mahnmal davon, dass es sich hier nicht immer um ein geschütztes Naturreservat handelte. Der Mensch hat hier irgendwann auch einmal Stein abgebaut, um sich manch ein kuscheliges Haus zu bauen.
Ich habe die oben schon erwähnten Betontische genutzt, um endlich eine kleine Verpflegungspause einzulegen. Die Getränkedose hat das konstante Durchgeschüttelt-Werden interessanterweise gut weggesteckt. Kein aufschäumendes Rumspritzen. Doch meine Kekse fanden den Aufenthalt in der eigentlich zu deren Schutz gedachten Tupperschüssel nicht lustig. Noch zehn Kilometer mehr auf der Piste und ich hätte nur noch eine Tüte Paniermehl bei mir gehabt. Vom Zustand der mitgeführten Banane habe ich sicherheitshalber gar nicht erst ein Bild gemacht. Geschmeckt hat sie trotzdem.
Schnurgerade und irgendetwas um die 5 bis 7 Grad Gefälle. Das juckt so sehr in den Fingern, nicht konstant den Bremshebel zu ziehen und stattdessen mal einen kleinen Geschwindigkeitskick einzufahren. Aber ich blieb standhaft. Wer schnell fährt, fliegt im Zweifel weit. Und auf dem Boden könnte die Landung für dauerhafte Erinnerungen sorgen. Also Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Und heiß sind die Bremsscheiben.
An diesem Schildchen musste ich dann doch mal kurz stoppen. Ich war ja früher immer der Meinung, „wir“ in Deutschland übertreiben es mit unserer Regelungswut und dem Schilderwahn. Aber mir begegnen in Spanien immer wieder Stellen in der Verkehrsführung, bei denen man sich fragt, was sich die Beamten eingeworfen haben, als sie diese Vorschriften erlassen haben. Eine kerzengerade Straße. Aber mit durchgezogener Linie, also Überholverbot. Es handelt sich um eine nahezu unbefahrene Seitenstraße, die ich nun schon viele Male gefahren bin. Und nahezu immer alleine. Auf dieser Strecke jetzt dann auch noch auf die Gefahr durch eventuell vorhandene Radfahrer hinzuweisen … nun, was für ein Glück, dass auf den vom Regen ausgewaschenen Schotterfeldwegen 90 km/h erlaubt sind.
Exakt in der Bildmitte leuchtet ein weißes Etwas. Das ist mein Auto. Das Campo hat mich wieder. Gleich. Wird Zeit für einen warmen Kaffee.
36 Kilometer waren das heute eigentlich nur, lässt mich der Tacho des Rades wissen. Aber 760 Meter Höhenunterschied. Mehrfach hoch und runter, 1.050 Meter an der höchsten Stelle, so teilt es mir Komoot ergänzend mit. Zu viel für einen Tag nach gut einem Vierteljahr Radelpause, melden meine Oberschenkel dann noch zum Abschluss.
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