Ortserkundung: Das Wäldchen vorm Campo
Campo-Umgebung bei La Zarza, Jumilla (Murcia)
Wie erklärt man einem Existenzgründer die Verwaltungs-Basics rund um das, was am Ende pauschal „Buchhaltung“ genannt wird so, dass er dabei nicht die Lust aufs Selbstständigmachen verliert? Diese Aufgabenstellung habe ich mir vor einigen Wochen als Grundlage für ein kleines Online-Schulungsprogramm vorgenommen. Mir ist bewusst, dass das zentrale Augenmerk dabei auf dem allerersten Wort „wie“ liegen muss. Das Erklären an sich, also das Vermitteln von Wissen, traue ich mir problemlos zu. Drei Jahrzehnte Praxis unter teilweise grenzwertigen Rahmenbedingungen haben in mir einen ausreichend großen Fundus zusammenkommen lassen, um aus dem Stegreif Stunden referieren zu können. Aber genau das ist ja eins der Probleme. Würde ich mir als Geschäftsmodell vornehmen, Menschen eine regelrechte Panik beim Gedanken an Selbstständigkeit einreden oder sie schlichtweg nur mit einer unkomprimierten Flut an Informationen erschlagen zu wollen, täte ich mich viel leichter beim Start meines Schulungskonzepts. Dass es mir, wie allen Lesern des Newsletters hier vermutlich schon aufgegangen ist, ein wenig die Fähigkeit zum Kurzfassen mangelt, macht den Einstieg dann auch nicht wirklich leichter.
Nun machte mir meine Mitarbeiterin den Vorschlag, ich solle einfach all meine Gedanken auf dem Handy als Sprachdatei sammeln, sie würde diese dann abtippen und grob vorsortieren. Anschließend können wir dann das Gesamtwerk einer KI zur Verfügung stellen, die sich um die Feinsortierung und das Extrahieren einzelner Themenblöcke kümmert, welche ich dann wiederum in 10-Minuten-Videoclips umsetzen kann. Sollte das nun tatsächlich der von mir so lange gesuchte Arbeitsschritt sein, bei dem mir eine KI unter die Arme greifen kann? Ich will jetzt nicht von Euphorie sprechen, doch insgesamt gefiel mir die Idee. Allerdings nur die zweite Hälfte. Nicht der Anfang mit dem Diktieren. Als ich vor …, meine Güte, das ist ja auch schon wieder so lange her, zwanzig Jahren im Zuge eines Sanierungsauftrages temporär zum Geschäftsführer einer Rehaklinik wurde, hatte ich erstmals in meinem Leben den Luxus, über eine persönliche Sekretärin zu verfügen. Es hat schon was, wenn man sich nicht mehr um alles selbst kümmern muss. Ich hätte mich dran gewöhnen können. Was ich seit dieser Zeit jedoch ziemlich genau kenne, ist meine Unfähigkeit zum Diktieren. Woher soll ich wissen, wie ich mich ausdrücken will, solange ich nicht sehe, wie meine gerade geschriebenen Worte aussehen? So ungefähr lässt sich das Problem darstellen.
Ich habe zusätzlich zum Smartphone seit langem auch noch ein simples altmodisches Diktiergerät im Einsatz. Okay, nicht so altmodisch, dass es noch Kassetten nutzt. Ist schon ein Speicherstick drin verbaut und ein USB-Anschluss dran. Aber außer Diktate aufnehmen kann das kleine Teil halt eben gar nichts. Und ich bringe es ab und zu fertig, da meine spontanen Gedanken drauf festzuhalten, denen ich zwei Tage später beim Abspielen ja höchstselbst nicht mehr folgen kann. Wie soll ich dann von einem anderen Menschen erwarten, aus den ununterbrochenen Gedankensprüngen einen brauchbaren Fließtext zu generieren? Nein, den Ansatz mit dem Diktieren brauchen wir nicht weiter zu verfolgen. Ich schreibe selbst. Das ist noch wirr genug, um es anschließend zur Aufbereitung auseinander zu pflücken.
So saß ich heute früh mit einer ersten Tasse Kaffee in meinem Wohnwagen, lauschte dem leichten Prasseln der Regentropfen auf dem Blechdach und tippte vor mich hin, als das Brummen meines Handys auf eine Neuigkeit in Komoot hinwies. Mein sportlicher Vermieter der hübschen Casita meiner ersten beiden Überwinterungen hier in Spanien hat einen 6km-Spaziergang absolviert, so konnte ich es da lesen. Den Mann hält aber auch kein Wetter vom Gang nach draußen ab, denke ich so bei mir, während ich mich an die ständigen Berichte aus Gernsheim erinnere, in denen mir von strahlendem Frühlingswetter berichtet wird. Hier in Spanien will das graue Regen-Wind-Gemisch irgendwie gar nicht mehr enden, scheint es. Verkehrte Welt. Habe mich dennoch meiner täglichen Dosis Steine gewidmet. Und zwischendurch ein Brot gebacken. Und zur Quelle gefahren bin ich, um meinen Bestand an Wasser wieder auf einen knappen halben Kubikmeter aufzufüllen. Auf dem Rückweg habe ich es mir nicht nehmen lassen, dann auch noch auf einen Chicken-Burger einzukehren, um es dem rumzickenden Gedärm heimzuzahlen, das mich in der Nacht zuvor so gequält hatte. Während des Essens veränderte ich meinen Carche-Plan. Statt wie ursprünglich vorgesehen das Fahrrad auf die Ladefläche des Autos zu werfen und „mal kurz“ eine Runde nach oben zu drehen, könnte ich ja auch direkt vom Campo aus hin radeln. Damit bliebe am Ende zwar nicht mehr viel von dem Tag übrig, aber was soll’s? Immerhin ist Sonntag, da macht man sowas wie Ausflüge, habe ich irgendwann mal sagen hören, bevor ich den Lebensweg eines ewigen Schreibtischsitzers einschlug.
Konzentrieren aufs Tippen wollte mir nicht mehr gelingen. Also habe ich mir drei Eier mit Speck in die Pfanne gehauen und vier Orangen ausgepresst. Ein echtes Sonntags-Frühstück. Würde doppelt so gut schmecken, wenn ich es draußen genießen könnte.
Der Gedanke verfolgte mich. Dass ich heute das Steine-Sammeln ausfallen lasse, hatte ich schon geplant. Eigentlich ja zugunsten von Schreibtisch-Zeit. Aber warum nach der angenehmen Erfahrung vom letzten Wochenende nicht noch einmal eine Exkursion einlegen?
Okay, ich könnte jetzt neben dem grauen Himmel mit Regenwahrscheinlichkeit jenseits der 60 % noch eine ganze Latte weitere Gründe aufzählen, die dieses „Warum“ untermauern würden. Habe ich aber bleiben lassen, mir stattdessen die Stiefel angezogen und mich mit meinen Müllbeuteln auf den Weg zu den fast einen Kilometer entfernt stehenden Abfallbehältern gemacht. Sollte es unterwegs anfangen zu regnen, kehre ich um. Bleibt es trocken … nun, dann entscheide ich dann weiter.
Irgendjemand hat vor Monaten eine Matratze zu den Mülleimern gestellt. Nachweislich wurden die seither schon mehrfach geleert. Das Riesending, welches nach dem vielen Regen inzwischen vermutlich eine Tonne wiegt, steht weiterhin zwischen den Behältern herum. Immerhin den Müll nicht in der Landschaft entsorgt. Doch so richtig gelöst ist das auch noch nicht.
Ich bin tatsächlich lieber zu Fuß unterwegs, als mit dem Rad. Zumindest in dieser Region, in der die Piste unter den Rädern immer einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Als Fußgänger hat man weit mehr Gelegenheiten, nach allerlei Details in der Landschaft zu schauen. So fällt beispielsweise auf, dass der Wetterhahn auf einer Garage gar kein Hahn ist, sondern eher ein Zeugnis des hier in Zentralspanien sehr weit verbreiteten Sports des Karnickel-Ballerns.
Wobei der blecherne Hund und die Flinte seines Herrschens irgendwie weniger auf ein ziemlich bodennah gebautes Tier fokussiert zu sein scheinen. Trägt ein Jäger eigentlich einen Helm? Wie auch immer, ich weiß nun, dass der leichte Wind gerade aus Norden kommt. Tut er in letzter Zeit ständig.
Etwas weiter am Wegesrand hat ein Anlieger seinen Zaun rundherum mit teils gut zwei Meter hohen Oleander-Pflanzen umgeben. Letzten Sommer standen die in voller Blüte und haben mich echt begeistert. Ich habe meine PictureThis-App gezückt, um mich schlau zu machen, wie man diese Pflanze denn vermehren kann und wie schnell sie wächst.
Da teilt mir die App mit, diese Pflanze sei krank und benötige dringend eine Verbesserung ihrer Lage. Neugierig habe ich auf „mehr Details“ geklickt. Und musste direkt einmal loslachen.
„Zu wenig Licht“ und „Überwässerung“. Ja, mit genau diesen Problemen haben auch die Menschen hier in Spanien aktuell zu kämpfen, nicht nur die Pflanzen.
„Vía Pecuaria“, also zu Deutsch Viehtriebweg, so steht es an der Straßeneinmündung geschrieben. Womit gut 15 bis 20 Meter links und rechts neben dem Weg als Bauland tabu sind und die behördlich vorgeschriebene 10-Meter-Abstandsgrenze für Gebäude erst daran anschließend gemessen wird, wie mir der Ingenieur bei meinem Besuch letztens erklärte.
Aber „Bauen“ ist erst einmal kein angestrebtes Thema. Mein Wohnwagen ist das perfekte Domizil.
Auf dem Weg hier habe ich auch noch nie eine Ziege gesehen, wohl aber auf dem Rest meines Campos. Vermutlich hat den blökenden Vierbeinern nie einer das Lesen beigebracht.
Die Straße, von der der Feldweg zum Campo abgeht, kenne ich inzwischen gut genug. Aber davon gehen ja noch viele Wege mehr ab. Jetzt als Spaziergänger kann ich mir die mal genauer ansehen gehen. Und tatsächlich handelt es sich um die Zufahrt zu einigen hinter den Bäumen versteckten Häusern. Ein bisschen neidisch auf dem alten, großen Baumbestand bin ich ja schon.
Bäume sind aber auch mein neu angesetztes Ziel des Spaziergangs. Zwischen der Häuseransammlung von La Zarza und meinem Campo liegt ein kleines Wäldchen. In dessen Mitte ein Hinweisschild am Straßenrand den Weg zu „La Tosquilla“ anzeigt. Normalerweise würde ich dergleichen keine Bewandtnis schenken, da hier jeder zweite Einsiedler an die Hauptstraße ein Schild stellt, um darauf hinzuweisen, wo man zum „Casa Roja“ oder der „Finca Felix“ kommt. Doch dieses La Tosquilla hat irgendjemand auf Google Maps als „Historische Sehenswürdigkeit“ eingetragen, ohne ein Bild dazu zu speichern. Sowas macht neugierig. Und wenn es schon nur zweieinhalb Kilometer von mir entfernt ist, kann ich es ja mal anschauen gehen.
Ein Wäldchen, durch das man mit dem Auto ratzfatz durchgerauscht ist, hat für einen Fußgänger schon etwas andere Dimensionen. Zudem entdeckt man auf einmal Wege, die während des Durchfahrens nie aufgefallen sind. Ist zwar die falsche Straßenseite, um direkt zu meinem Ziel zu gelangen, aber der Himmel hält sich mit seinen Ergüssen noch zurück, also trieb mich die Neugierde einmal in diesen Seitenweg rechts rein.
Wieder eine dieser Gitterbox-Wildtier-Fütterungsstellen, wie ich eine verwaiste auch auf meinem Grundstück stehen habe. Absolut identische Bauart, nur dass diese hier zusätzlich auch noch mit zwei Drähten am Boden befestigt wurde. Als ob man verhindern wollte, dass irgendein sehr großes Tier das ganze Ding umwirft. Die zugehörige Wassertonne war leer, aber der Getreideeimer noch halb voll. Sprich, hier macht noch ein Mensch den regelmäßigen Kümmerer. Auf Facebook hatte ich einmal eine Umfrage gestartet, ob jemand eine Idee hat, was das sein könnte, doch bislang ohne Ergebnis. Irgendwann werde ich es noch herausfinden.
Hätte ich einen Hund, wären mir durchs Gassigehen all diese Wege vermutlich längst bekannt. Dieser von mir gerade erkundete Seitenweg scheint früher einmal die eigentliche Straße gewesen zu sein, die man irgendwann aufgegeben und der Natur überlassen hat. Diese Brücke über eine schmale Rambla (laut Google Maps „Schlucht von Toconal“) macht den Eindruck, für die Ewigkeit gebaut worden zu sein. Tja, es gab tatsächlich mal Zeiten, in denen die Menschheit Bauwerke errichten konnte, die ein bisschen länger halten.
Schon aus meinem allerersten Überwinterungs-Aufenthalt in Spanien kenne ich dieses Phänomen gut genug. Man darf sich bei spanischen Seitenwegen niemals darauf verlassen, dass sie irgendwohin führen. Viele davon enden auch einfach irgendwo. Plötzlich steht man vor einer Schlucht oder einem Acker oder wie in diesem Fall einem Haufen auf die Straße gekippter Felsbrocken und danach ist einfach Schluss mit „Weg“. Insbesondere mit dem Fahrrad bin ich in diesem Land schon sehr, sehr viele Strecken wieder zurückgeradelt, die sich erst nach Kilometern als unüberwindliche Sackgasse herausstellten. Es bedarf ein bisschen der spanischen Gelassenheit, um in solchen Fällen nicht ins Fluchen zu geraten.
Hier heute ging aber wenigstens direkt vor dem abrupten Ende des längst verwitterten Asphalts ein Feldweg rechts den Hügel hoch. Zwar wollte ich eigentlich runter und zudem lag mein Ziel himmelsrichtungsmäßig eindeutig links von mir, aber was soll’s. Ich bin ja zum Erkunden unterwegs und das Wetter meint es weiterhin gut mit mir.
Wie erwartet kam ich erst ein gutes Stück hinter dem von mir gesuchten Abzweig wieder auf die Straße zurück. Doch es ging bergab und Autos sind hier selten. Die beiden Autos, die heute an mir vorbeikamen, während ich den Seitenstreifen entlang lief, waren am Hupen und die Insassen am Winken. Wieder einmal hat mich wohl mein Hut verraten. Ich habe den Menschen freundlich zurückgewunken, muss jedoch gestehen, dass es mir nicht gelungen ist, die Gesichter zu erkennen. Durch meine Teilnahme an verschiedenen Events kennen mich hier eindeutig mehr Einheimische, als ich denn Leute kenne.
Ein Schlüsselloch oben in der Mitte des Brettes zeugt davon, dass es sich um recyceltes Baumaterial handelt. Kein einziger Fleck auf dem makellosen weiß bedeutet, vor noch nicht ganz so langer Zeit frisch gestrichen. Die von Hand gemalten Buchstaben sauber zentriert zwischen die beiden etwas fehl dimensionierten Metallwinkel platziert. Irgendwie wirkt das alles nach einer privaten Initiative, die hier mit viel Engagement und kleinem Budget etwas zu erschaffen gedenkt. Warum gibt es im Internet so wenig Informationen über diesen Ort?
Zum zweiten Mal während meines Spaziergangs musste ich aber beim Betrachten des Objektes lachen. Während anderenorts die Anwohner nicht davor zurückschrecken, ihren privaten Briefkasten an öffentliche Hinweisschilder zu dübeln, scheint es diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit privaten Anliegern komplett an einem Briefkasten zu mangeln, den sie hätten anbringen können. Den Postboten hat das nicht davon abgehalten, sich den Weg nach hinten zu sparen. Er hat den Brief einfach mit einem Gummiband an dem Hinweisschild befestigt. Vom vielen Regen der letzten Tage war das Papier längst durchweicht.
Ich werde auf jeden Fall bei der Postzustellung an die nächstgelegene Repsol-Tankstelle bleiben. Da liegt meine Post deutlich geschützter.
Wie nennt man die Steinekundler, die sich mit der Beschaffenheit von Böden auseinandersetzen? Irgendwann muss ich mir mal einen Fachmann zu Rate ziehen, der mir ein wenig über die Entstehung der iberischen Halbinsel erzählt. Es ist echt faszinierend, wie viele unterschiedliche Gesteinsarten hier auf so kleiner Fläche nebeneinander existieren. Diese gelben Brocken haben mit den Kieseln auf den Äckern auf jeden Fall nichts zu tun. Schon irgendwie wild, die Landschaft hier.
Dafür eignen sich die Steine wohl hervorragend zum Erstellen von Gebäuden. Auch wenn diese später irgendwann wieder aufgegeben werden. La Tosquilla würde ich aufgrund seiner Größe glatt als ehemaliges Kloster einschätzen, auch wenn es an einem Kirchturm fehlt. Vielleicht auch einfach nur ein landwirtschaftliches Gut. Auf jeden Fall ziemlich groß. Und schon lange kaputt.
Ich glaube, die Urheber des Hinweisschildes gefunden zu haben. Ein junges Pärchen war auf dem Eingangsweg mit dem Einpflanzen von Mandelbäumen beschäftigt. Er quälte die Kreissäge, sie schleppte irgendwelche Bretter von links nach schräg, und ja, mir fehlte mit meiner Sprachbarriere der Mut, die beiden anzusprechen, was das hier denn wird. Allerdings bekam ich auch ein paar Regentropfen ab, was mich dran erinnerte, dass ich vielleicht langsam das heimische Campo aufsuchen sollte. Ich werde wiederkommen und die beiden fragen, ob sie Englisch sprechen. Denn meine Neugierde zügeln, bis ich ausreichend Spanisch spreche, wird mir kaum gelingen, glaube ich.
Ein paar Schritte weiter stapeln sich riesige Steinblöcke. Sollte es sich vielleicht um einen historischen Steinbruch gehandelt haben? Aber woher kamen die Steine? Berge hat es hier doch gar keine. Und Löcher im Boden, die darauf hinweisen, dass hier mal jemand gebuddelt hat, ebenfalls nicht. Alles sehr rätselhaft. Auf jeden Fall soll man auf dem historischen Müllhaufen nicht herumklettern, erklärt das prominente Schild, welches man weit oben auf den Steinen angebracht hat. Einer der Fälle, in denen ich was darauf verwetten würde, dass durch ebendieses Verbot das Klettern doppelt so attraktiv für insbesondere die jüngeren Besucher wird. Ich habe es mir verkniffen, da hoch zu kraxeln und mich lieber dem weiteren Verfolgen des Weges gewidmet.
Einen teilweise ziemlich schlammigen Weg, den kurz vor mir ganz offensichtlich ein etwas schweres Huftier entlang gewandert ist.
Ich hatte eigentlich gedacht, Wildschweine treten immer nur in Rudeln auf. Oder nennt man die dann Rotten? Hier scheint es jedenfalls auch zahlreiche Einzelgänger zu geben.
Als jemand, der sich nun seit über zwei Monaten mit der Spitzhacke im Garten abmüht, weiß ich, wie unfassbar schwer es ist, in diesen steinigen Untergrund vorzudringen. Da es hier in dem Land auch eigentlich niemals anhaltenden, ernstzunehmenden Frost gibt, liegt die Idee nahe, die in Deutschland übliche 80cm-Tiefe nicht zu beachten und Leitungen etwas flacher zu verbuddeln. Hier in diesem Falle war die Grabungstiefe für das Wasserrohr jedoch augenscheinlich ein bisschen arg zu knapp bemessen. Der massive Regen der vergangenen Tage hat die Leitung einfach wieder freigelegt. Ob das lange gutgeht?
Eine direkte Verbindung zu meinem Campo gibt es nicht. Die Feldwege führen mich weit außen herum. Aber zumindest ist es bei wenigen Tropfen vom Himmel geblieben. Ich darf im Trockenen weiter wandern. Sicherheitshalber befrage ich aber bei jeder Weggabelung Google um Rat. Zwar sind einige der Pfade gar nicht eingezeichnet, aber als Hinweisgeber für das Einhalten der Himmelsrichtung taugt es allemal.
Ein Brunnen am Wegesrand. Hat nachweislich schonmal bessere Tage gesehen. Aber es scheint noch Wasser unten drin zu geben. Okay, das könnte auch eine Pfütze sein, die sich durch den extremen Regen der letzten Wochen da unten gebildet hat.
Ganz viel Gegend. Und eine Wolkendecke wie im tiefsten Herbst. Doch was auf dem Foto fehlt, ist das allgegenwärtige Vogelgezwitscher. Es frühlingt eindeutig immens. Das Schmuddelwetter hält die Federtiere nicht von der Eiproduktion mit all ihren Folgen ab.
Es gibt nicht genug Grün in Spanien, ist so ein der Aussagen, mit der ich oft konfrontiert werde. Ja, in den Sommermonaten ist es hier ziemlich dürr. Doch gib der Natur ein bisschen Wasser und sie macht was draus.
Uns Menschen ist das aktuell deutlich zu viel Wasser. Wobei ich persönlich gestehen muss, dass mir der ständige Regen immer noch lieber ist, als der zerstörerische und an den Nerven zehrende Sturm.
Mein Weg führt an der verlassenen Hacienda vorbei. So weit bin ich also schon vom Kurs abgekommen. Sollte ich den Schlenker einfach einlegen? Zu dem Haus, das zur Filmkulisse des Klassikers „Das Geisterhaus“ passt, scheint der graue Himmel das richtige Ambiente zu bieten.
Was muss das mal für ein imposanter Anblick gewesen sein, als dieses Gebäude in voller Blüte stand und bewohnt war. Damals rundherum gepflegte Mandelplantagen, so weit das Auge reicht.
Aus der Nähe betrachtet sieht man dann schon, welche Spuren der Zahn der Zeit an dem Gebäude hinterlassen hat. Doch auffällig ist auch: keinerlei Setzrisse. Wo andere Bauten sich nach der Aufgabe irgendwann dem Einsturz nähern, trotzt diese Villa allen Widrigkeiten. Mir gehen die gleichen Gedanken wie bei meinem ersten Besuch im vergangenen Jahr durch den Kopf. Eigentlich gehört dem Bau ein zweites Leben verpasst. Ein Sanierungsprojekt für eine Schule beispielsweise. Schüleraustausch mal anders, mit praktischem Anpacken und Erlebnisgarantie.
Das Wohnzimmer. Reichlich Schäden, ja. Aber wie in allen anderen Räumen auch, eher durch Vandalismus, als denn durch Alterungsschäden. Die Decke nach oben sieht ein bisschen wild aus, daher habe ich mich nicht nach oben getraut. Das würde ich nur in Begleitung einer zweiten Person machen.
Wie gesagt, die einzige Gefahr für dieses Bauwerk geht vom Menschen aus. Ohne den sähe dieses Sideboard auch noch anders aus.
Richtig auffällig wird es in der Küche. Ja, es fehlen Fliesen. Aber nicht, weil die aus Altersschwäche von der Wand gefallen sind. Dann würden sie ja als Bruch auf dem Boden liegen. Nein, irgendwer hielt das Motiv für hübsch und hat sich die fürs heimische Badezimmer erforderliche Anzahl einfach abgemacht und mitgenommen.
Eine Comtesse habe hier früher einmal gelebt, zumindest gehöre ihr all das Land und Gut, so bekam ich es von meinem Nachbarn berichtet. Ich kann mir richtig ein altes Mütterchen in edlem Gewand vorstellen, die sich in den damals noch ein bisschen besser aussehenden, aber sicherlich selbst zu diesen Zeiten bereits steinalten Sessel gesetzt hat.
Tagtäglich betrachte ich dieses Gebäude aus der anderen Richtung. Durch das Fenster neben dem Sessel schaut man direkt auf meinen Wohnwagen. In dem ein Wasserkessel darauf wartet, mir einen Kaffee zuzubereiten. Wird Zeit zum Weitergehen.
Draußen vor der Hacienda gibt es ein Brunnenhäuschen. Mit Dach darüber, hier kann es also nicht reingeregnet haben. Ich habe die Kamera auf Blitz gestellt und nach unten fotografiert. Was werden das sein? Acht Meter? Auf jeden Fall steht da unten Wasser. Das Grundwasser ist in der Region nicht unerreichbar weit weg. Stellt sich nur die Frage, wie lange man in diesem Boden buddeln muss, um solch ein Loch auszuheben.
Die Felder rund um die Hacienda sehen so aus, wie mein zukünftiger Stellplatz bis vor kurzem. Na ja, zu gut einem Viertel ja auch jetzt noch. Sicher ist auf jeden Fall: Wenn mir jemals die Steine ausgehen sollten, weiß ich, wo ich Nachschub finde.
Ein Summen und Brummen liegt in der Luft. Die Felder sind von einem Blütenmeer überzogen, so dicht, dass nicht einmal die alle paar Tage hier durchpflügenden Ziegenherden den Kräutern etwas anhaben können.
Interessant finde ich die strickte Grenze der Pflanzen. Während rechts des Weges die weißen und lilafarbenen Blümchen den Boden bedecken, findet man links auf „meinem“ Campo fast ausnahmslos nur gelbe Blüten. Was mir in diesem Moment jedoch weit intensiver ins Auge fiel, war die inzwischen schon vollkommen ungewohnte Farbe Blau in Fragmenten am Himmel. Sollte das Wetter aufklaren?
Ich hatte mich zu früh gefreut. Die Ansage aus der App behielt Recht. Kaum hatte ich mich mit einer Tasse Kaffee und meinem Notebook auf dem Campingstuhl vor dem Wohnwagen niedergelassen, begann es wieder zu Tröpfeln. Später am Abend ging der Spaß dann erneut in ausdauernden Frühlingsregen über, der auch bis in die Nacht anhielt.
Nun, die Natur hier kann es gebrauchen. Insbesondere diesen sanften, langsamen Regen, der dem Boden eine Chance zum Einsickern gibt. Ich bin am vergangenen Freitagnachmittag nach Pinoso einkaufen gefahren. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der sich Sturm und Starkregen vereint haben. In Pinoso wollte ich eigentlich nach dem Einkauf noch auf was zu Essen einkehren, doch mein Weg durch die Innenstadt war wegen überfluteten Straßen gesperrt. Ich bin am Ortsrand die Umgehungsstraße entlang gerollt mit Scheibenwischer auf Stufe zwei, wo aus den Kanalöffnungen am Straßenrand das Wasser raussprudelte, statt darin abzufließen. Die Abwasser-Infrastruktur hier gerät bei den Starkregen schnell an ihre Grenzen, scheint es. Klar, die sind extreme Regenfälle seit eh und je gewohnt. Aber nicht über Wochen und Monate hinweg immer und immer wieder. Murcia hat schon lange ein Wasserproblem. Der Klimawandel scheint es langsam zu lösen. Und schafft dafür ein ganz neues Wasserproblem.
Ich hoffe mal, dass das viele Wasser meinen diversen Anpflanzungen guttut. In etwa vier Wochen breche ich nach Hause auf. Dann gibt es für die Pflanzen mindestens sechs Monate lang keine einzige Gießkanne mehr. Lassen wir uns mal überraschen, was dann noch lebt.
Zum Abschluss oben noch ein Blick von der Hacienda aus auf die Sierra del Carche. Zwei Stunden, zwanzig Minuten bin ich marschiert, so sagt es Komoot. Sieben Kilometer. Nicht wirklich viel, aber durchaus schön anzusehen. Mal sehen, ob das Wetter demnächst eine kleine Foto-Tour aus der Zivilisation erlaubt. Natur hatten wir jetzt erst einmal genug, nicht?
Frühlingserwartende Grüße
Euer Clark