Von Schmutzfinken und anderen Vögeln

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Von Schmutzfinken und anderen Vögeln

12. März 2026 Campo-News 0

Campo-Umgebung bei La Zarza, Jumilla (Murcia)

Vor vielen Jahren startete ein Freund von mir auf seinem Katamaran zu einer Einhand-Weltumsegelung. Für die Nicht-Nautiker unter den Lesern: Vom Einhandsegeln redet man, wenn nur eine einzige Person an Bord des Schiffes sich um alles kümmert. Richtig spektakulär wird das Ganze, wenn der Segler dann auch noch auf seiner Fahrt auf Landkontakt verzichtet und nennenswerte Etappen überbrückt, beispielsweise einmal den Globus umrundet. Tatsächlich eine gemessen an der Segeltradition noch recht junge Wettkampfart, die erstmals in meinem Geburtsjahr von einem Briten geschafft wurde. Verbrachte die arme Socke damals noch geschlagene 312 einsame Tage auf seinem nicht einmal 10 Meter langen Schiff, liegt der aktuelle 2016 aufgestellte Rekord bei gerade mal 49 Tagen. Ich glaube, solche sieben Wochen würde ich es auch ohne menschlichen Kontakt auf meinem Campo aushalten.

Eine der Herausforderungen für unterwegs ist das Bunkern von Proviant und Wasser. Eine andere ist die Navigation und Kommunikation. Mein Freund hatte sich für diesen Zweck damals ein Satellitentelefon zugelegt, da auf hoher See die Sendemasten klassischer Mobilfunkanbieter noch seltener anzutreffen sind als außerhalb deutscher Ballungsgebiete. Da der Informationsaustausch über Satellit jedoch im Zeitalter vor Elon Musks Starlink sowohl wackelig als auch ziemlich teuer war, hatten wir damals abgesprochen, dass mein Freund von unterwegs nur kurze Informationsfragmente zu mir auf den Weg bringt und ich diese dann in Fließtext gewandelt über eMails und seine Website in die weite Welt hinaus weitergebe. Aus einem kurzen Text einen langen machen kann ich. Umgedreht tue ich mich zugegebenermaßen ein bisschen schwer.

Aber warum erzähle ich all dies? Weil ich gerade an die damaligen Unterhaltungen mit meinem Freund zurückdenken muss, die wir über die Frequenz des Nachrichtensendens führten. Während ich als Buchhalter selbstredend ausnahmslos von einer ordentlichen Fixierung ausging, quasi montags, mittwochs und samstags jeweils um Punkt 18:00 Uhr einmal auf Senden zu drücken, bestand er darauf, von Beginn an ein gewisses Durcheinander loszutreten. Immer mal wieder zwischendurch auch absichtlich Löcher in die Kommunikation einbauen. Seine einfache Begründung: Wenn man von ihm regelmäßig Nachrichten erwartet und er aufgrund irgendwelcher Umstände mal nicht dazu kommt, irgendwas zu schicken, und sei es nur, weil er lieber in der Hängematte die Sonne genießen möchte, würden sich die Leser der Nachrichten sofort anfangen Sorgen zu machen. „Er ist doch sonst so pünktlich. Bestimmt ist ihm etwas passiert!“

Sonderlich viele Veröffentlichungen brauchte ich damals nicht aufzubereiten. Er musste wegen Schäden am Boot sein Vorhaben schon nach wenigen Tagen abbrechen. Aber an seine Worte in Sachen Regelmäßigkeit denke ich heute noch. Beispielsweise während ich diese Zeilen hier gerade an einem Donnerstag tippe, statt an dem eigentlich in meiner To-do-Liste für den Newsletter fixierten Freitag. Nun ist morgen erstens Freitag der 13te. Und zweitens hat das mit dem Freitag in den ganzen letzten Wochen nicht funktioniert, weil mir ständig zu viel Arbeit dazwischen kommt. Dieser schnöde Mammon, den es nach wie vor irgendwie zu verdienen gilt, hat mich ja längst schon von meinem ursprünglich traumtänzerischen Ansatz abgebracht, drei oder vier Newsletter pro Woche zu produzieren. Aber wenigstens einer sollte es bleiben. Wenn auch vielleicht absichtlich immer mal an einem anderen Tag.

Doch gab es denn überhaupt etwas zu berichten? Während ich von zu Hause Schönstwetter-Mitteilungen zugeschickt bekam, versuchte Neptun die iberische Halbinsel zu sich ins Meer zu schwemmen. Ich habe längst meinen Standardspruch von früher aufgegeben und werde garantiert niemals mehr von Spanien als dem Land, in dem es niemals regnet, sprechen. Und wenn es mal nicht regnete, dann stürmte es. Und wenn Regen und Sturm tatsächlich gleichzeitig mit Abwesenheit glänzten, stand eine Suppe in der Luft, durch die man kaum zehn Meter weit schauen konnte. 

Kurzum, die Stadtverwaltung von Jumilla, der ich auf den Social Media folge, kam gar nicht schnell genug hinterher, die zahlreichen gelben und orangenen Warnstufen der Wetterbehörden weiterzugeben.

Für mich persönlich hatte das den Vorteil, dass ich keinen Grund hatte, mich weiter von meinem Wohnwagen zu entfernen, als es zum Erreichen der Sanitäranlage erforderlich war. Kein Schubkarren-Schieben, kein Steine-Sammeln. Einfach nur von morgens bis abends am Bildschirm sitzen und die Kunden mit einer Reaktionszeit von 30 Sekunden auf eingehende eMails verwöhnen. Was, ich weiß, auch ein Fehler ist.

Apropos Sanitäranlage. Ich wurde inzwischen schon mindestens fünfmal drauf angesprochen. Meine kleine technische Ausstattungsbeschreibung kommt noch. Versprochen! Ich würde manche Dinge dazu nur gerne einmal in die Sonne stellen zum schöner Fotografieren. Sonne ist jedoch in Spanien gerade selten. Aber das Thema ist nicht vergessen. Insbesondere meine Anschaffung dieses zwar betagten, aber für meine Zwecke absolut perfekten Anhängers werde ich gelegentlich noch thematisieren.

Gestern Abend war es dann endlich so weit. Der Frühling hält nun auch hier unten im Süden seinen Einzug. Zum Betrachten des Sonnenuntergangs muss ich zwar vom Campo die Einfahrt hochlaufen und mich auf den Feldweg stellen, doch ab und zu ist mir das sogar den Aufwand mitsamt einem Hocker und einem Glas Wein in der Hand wert.

„Abendrot – Schönwetterbot, Morgenrot – Schlechtwetter droht“, so weiß es die uralte Bauernregel zu berichten. Mit entsprechender Hoffnung bin ich dann ins Bett gegangen und habe den heutigen Tag erwartet.

Und tatsächlich, der Tag heute startete mit einem Sonnenaufgang, der sich hat sehen lassen. Eine Freundin schrieb mir aus Deutschland, dass sie vom Vogelgezwitscher geweckt worden sei. Als ich die Worte um halb acht las, lauschte ich nach draußen. Stille. Hier und da ein einzelnes „Tschieb“. Aber richtiges Zwitschern? In meiner kargen Gegend gäbe es wohl keine Singvögel, so lautete dann das vernichtende Urteil.

Als ich um halb zehn nach einem ausgiebigen Haarewaschen mein Auto zur Fahrt in die Stadt fertigmachte, blieb ich kurz stehen, weil mir der morgendliche Plausch nochmal einfiel. Und tatsächlich, rund um mich herum war es am Zwitschern und Trillern, wie es sich für einen sonnigen Frühlingstag gehört. Hier in Spanien laufen die Uhren einfach ein bisschen anders. Absolut perfekt auf meinen eigenen Biorhythmus ausgelegt: Alles startet ein bisschen später als anderswo.

Auf geht es nach Jumilla. Ich habe einen Brief zur Post zu bringen und langsam werden die Unterhosen knapp. Der Waschsalon will einmal mehr mit Umsatz versehen sein.

Ich bin ja normalerweise ein „Nachmittags-Einkäufer“, fahre also normalerweise eher gegen Abend in die Stadt. Nur ist die Post in Spanien wie in Deutschland eine Quasi-Behörde. Und in Spanien auch noch nicht an irgendwelche Kiosks wegdelegiert. Aber einen Haken haben all diese Correos-Filialen: Sie machen landesweit morgens um halb neun auf und mittags um halb drei zu. Keine Abendöffnung, keine Ausnahme. Brauchst Du eine Briefmarke, dann komme morgens.

Okay, das geht mit Sicherheit in Spanien auch alles schon irgendwie digital. Aber soweit bin ich dann doch noch nicht vorgedrungen. Stattdessen habe ich die Gelegenheit genutzt, einmal die Allee entlang zu schreiten, die ich bisher nur einmal vollgepackt mit Marktständen erlebt habe. Ist schon irgendwie ein Hingucker, dieses Jumilla.

Wie in allen spanischen Städten hat es auch in dieser Allee Sitzgelegenheiten ohne Ende. Hier in gefliester Form. Jede der Bänke mit einem anderen Motiv. Vermutlich erzählen diese Bilder eine Geschichte. Bei Gelegenheit muss ich mich mal schlaumachen, ob es Stadtführungen gibt, die dergleichen beschreiben. Heute habe ich aber keine Zeit zum Hinsetzen. Zumindest nicht hierhin.

Denn nach der Post war das hier mein Ziel. Ich hatte bislang nur ein einziges Mal Churros mit Schokoladensauce gegessen und das war damals ein Erlebnis zum Abgewöhnen. Seitdem habe ich mir Churros nur noch mit Zimt und Zucker gegönnt. Und mich gewundert, warum mir denn jeder von dem braunen Süßpappzeug mit synthetischem Chemiegeschmack so vorschwärmte. Bis ich dann letztens auf Arte einen Karambolage-Clip dazu anschaute. Und mir vornahm, dieser spanischen Spezialität noch einmal eine Chance zu geben.

Also habe ich Google nach den besten Churros in Jumilla gefragt und bekam die Churreria Sota empfohlen. Keine Sitzplätze drinnen, ein reiner Imbiss „to go“. Macht morgens um halb sechs auf und um zwölf Uhr ist Schluss. Auch hier kein Nachmittags-Angebot, passend zur Post. Immerhin isst man Churros in Spanien auch überwiegend zum Frühstück. Was liegt also näher, als den ersten sonnigen Vormittag seit langem gleich mit einer süßen Versuchung zu starten.

Und was soll ich sagen? Ein Gedicht! Die vielen positiven Bewertungen des Ladens sind absolut gerechtfertigt. Fettig, ja, aber das muss ein frittiertes Produkt ja auch sein. Süß, ja, aber auf eine unaufdringliche Art. Nichts, bei dem man anschließend das dringende Gefühl hat, erst einmal aus Notwehr in eine saure Gurke beißen zu müssen. Kein künstlicher Beigeschmack, sondern echtes Aroma. Rundherum eine absolut perfekte Erfahrung.

Und die Portion Churros plus die Tasse Kaffee zusammen 6 €. Wenn ich mir am Frankfurter Hauptbahnhof aufgrund eines mal wieder ausgefallenen Zuges einen Coffee to go gekauft habe, war ich den gleichen Preis los und hatte nichts dazu gegessen. Also auch hier perfekt. Zu diesem Imbissstand wird es mich bei den zukünftigen Besuchen öfter ziehen, vorausgesetzt, ich bekomme mich dazu aufgerafft, zukünftig auch öfter morgens schon in die Stadt zu fahren.

Einen Haken gab es allerdings. Hatte ich mich morgens auf dem Campo noch an dem Gesang der Vögelchen erfreut, hätte ich mir beim Churro-Essen das Ausleihen einer Schrot-Wumme meiner jagenden Nachbarn gewünscht. Während ich auf meiner kalorienreichen Sünde herumkaute und eine Katze unter dem mir gegenüber geparkten Auto betrachtete, machte es auf einmal „klatsch“ neben mir. Halb auf der Tischkante, halb auf dem Boden ein grüner nasser Fleck.

Ich schaue nach oben, jede Menge Äste, aber einen Vogel konnte ich in dem riesigen Baum nicht entdecken. Wird wohl weggeflogen sein, denke ich bei mir und schaufele die nächste Teigstange mit dem Umweg über die Saucentasse in meinen Mund. Glücklicherweise beuge ich mich dabei nach vorne über meinen Teller, denn genau da macht es erneut „klatsch“. Doch dieses Mal ein Volltreffer auf meinen Kopf.

Was eine Scheiße. In jederlei Hinsicht. Normalerweise kennt man solche Situationen nur aus schlechten Filmen. Während ich mir fluchend einige Servietten aus dem Spender auf dem Tisch ziehe, kommt auch schon die Bedienung lachend mit einer Packung Feuchttücher zu mir gelaufen. „Pasa aqui a menudo, tenemos mascotas“ meint die gute Frau. „Passiert hier öfter, wir haben Haustiere“. Ja, super. Sagt das Euren Gästen doch mal vorher. Dann hätte ich meinen Hut beim Essen aufgelassen.

Hier heute ging aber wenigstens direkt vor dem abrupten Ende des längst verwitterten Asphalts ein Feldweg rechts den Hügel hoch. Zwar wollte ich eigentlich runter und zudem lag mein Ziel himmelsrichtungsmäßig eindeutig links von mir, aber was soll’s. Ich bin ja zum Erkunden unterwegs und das Wetter meint es weiterhin gut mit mir.

Ich habe mich dann an meinem kleinen Tisch auf die andere Seite gesetzt und mein glücklicherweise sauber gebliebenes Essen weiter genossen. Soweit Genießen noch ging, denn natürlich grübelt man in solchen Momenten dann schon, ob nicht vielleicht noch ein Stück Vogeldreck auf der Stirn klebt. Da ich jetzt nicht mehr auf die geparkten Autos schaute, sondern auf die restlichen Tische des Imbiss auf der kleinen Fläche, durfte ich gleich noch zwei weitere Besucher erleben, die ein ähnliches Schicksal erlitten, wenngleich nicht in die Haare, sondern auf die Kleidung.

Ob das Federvieh von den genaschten Essensresten vielleicht Durchfall bekommt?

Beim Gehen habe ich mir den haushohen Baum dann von der anderen Straßenseite aus einmal genauer angesehen. Jahreszeitbedingt wenig Laub. Und auch aus diesem Winkel keine Vögel zu sehen. Wobei die abgeworfenen Dreckbomben auf Flugtiere in der Größenklasse von mindestens Tauben schließen ließen. Freunde machen sich diese Vögel hier auf jeden Fall keine.

Meinen Heimweg habe ich viermal unterbrochen, einmal zum Tanken, einmal beim Aldi zum Lebensmittel bunkern, einmal beim direkt daneben gelegenen Mercadona zum Trinkwasser-Kaufen und anschließend noch einmal am Kreisel der Autobahnauffahrt bei einem fliegenden Händler eine Kiste Orangen gekauft. Das Auspressen von drei bis vier dieser Vitaminträger ist mir langsam schon zum morgendlichen Ritual geworden. Mal sehen, ob das Obst des Landwirts den Mehrpreis gegenüber der Supermarkt-Ware wert ist. Ob ich irgendwann eigene Orangen auf dem Campo zur Verfügung haben werde?

Die Sonne versteckte sich langsam schon wieder hinter aufziehenden Wolken. Mit dem Trockenwerden der Wäsche wird das heute nichts mehr. Ein bisschen weiter in die Sonne stellen könnte ich meine beiden Wäscheständer ja schon, wenn ich dem dank des Regens völlig verwucherten Grünzeug zu Leibe rücken würde. Doch ich brauche den Platz nicht, also können sich da von mir aus die Bienen und anderen Tierchen dran gütlich tun. Wegräumen kann ich es immer noch, sobald es vertrocknet ist. Und die dazu passende Zeit wird kommen, davon ist auszugehen.

Ich mache mich also zum zweiten Mal an diesem Tag ans Haare Waschen. Irgendwie war mir danach. Beim Betrachten der Behelfstreppe vorm Hänger fällt mir der Vogeldreck auf den Steinen auf. Schon während meiner ersten Nächte im November lärmte ein nachtaktives Wesen rund um meinen Wohnwagen. Dem fiependen Ton nach bin ich damals von einem Nagetier ausgegangen. ChatGPT überzeugte mich davon, dass diese Laute nur von einem Vogel kommen können. Die KI besteht auf eine Zwergohreule. Beim Vergleichen der Ton-Beispiele auf YouTube bin ich nach wie vor nicht wirklich überzeugt. Doch die Hinterlassenschaften unterm Tisch auf den Steinen, auf den Beinen meiner Stühle, den Hinterreifen meines Autos … ja, überall, wo es sich für einen mindestens handgroßen Vogel gut sitzen lässt, sind eindeutig.

Gesehen habe ich von den Vertretern noch keinen. Vielleicht finde ich irgendwann mal jemanden, der eine automatische Kamera für Nachtaufnahmen zur Verfügung hat. Für heute habe ich aber auf jeden Fall genug von Vögeln. Ich werde mir ein Hähnchen zum Abendessen machen. Eine sinnvolle Verwendung fürs Federvieh nach meinen heutigen Erfahrungen. 🍗

Mit frisch gewaschenem Schopfe habe ich dann heute Abend auch noch einmal die Anhöhe in Richtung Sonnenuntergang erklommen. Erneut Abendrot. Morgen also nochmal bombastisches Wetter zu erwarten. Eigentlich zu schade, um den Tag am Schreibtisch zu verbringen, insbesondere, da ab Samstag schon wieder Sturm angesagt ist. 

Nun, bei Wind kann man prima Steine sammeln. Die fliegen nicht weg.

 

 

Vom nächsten Churreria-Besuch träumende Grüße

Euer Clark

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