Wer nicht im Wind frieren will, muss ins Schwitzen kommen
Auf dem Campo bei La Zarza, Jumilla, Spanien, im Norden Murcias
Am späten Freitagnachmittag habe ich ein Steuerbüro in Ungarn angeschrieben, weil ich Unterstützung bei einer Gehaltsabrechnung brauche. Dass die dortige Beraterin mir am späten Abend noch antwortete, ging bei mir glatt unter. Und erstmals seit vielen Monaten habe ich es fertiggebracht, weder am Samstag noch am Sonntag nach den Postfächern meiner Kunden zu schauen. Okay, Jahresend-bedingt lag auch in meinem eigenen Posteingang ausreichend Ablenkung vor. Montagfrüh habe ich die Rückmeldung der Ungarin entdeckt und eine eMail als Antwort begonnen. „Sehr geehrte Frau, vielen Dank für Ihre rasend schnelle Antwort und das Angebot, am heutigen Montag zu telefonieren. Leider ist mein Kalender heute ziemlich voll, daher würde ich gerne…“ Weiter bin ich nicht gekommen, da klingelte mein Telefon. Um zehn Uhr bin ich dann in die erste Telefonkonferenz eingestiegen. Und abgesehen von zwei Essenspausen habe ich mit dem Headset auf den Ohren auch den Rest des Montages verbracht. Irgendwann am späten Abend setzte ich meine begonnene eMail dann mit dem Vorschlag eines Telefonates am Dienstag fort und klickte auf Senden. Woraufhin ich prompt eine Abwesenheitsnotiz zurückbekam, dass meine gewünschte Gesprächspartnerin vom 23.12. bis zum 04.01. im Weihnachtsurlaub weilt.
Das nehme ich mir jetzt zum Anlass, doch einfach selbst auch ein bisschen den Fuß vom Gas zu nehmen. Langsam aber sicher ist die Phase im Jahr erreicht, in der ohnehin das meiste von dem, was man sich noch für kurz vor knapp vornimmt, am Ende aufs nächste Jahr rutschen wird.
Also habe ich am heutigen Dienstag vor dem Mittagessen meinen PC einfach ausgeschaltet. Und nach ausreichender Kalorienzufuhr meine Arbeitsstiefel angezogen und mich zum Büsche-Stutzen auf den zukünftigen Wohnwagenstellplatz begeben. Hatte ich echt irgendwann einmal gedacht, ich könne mein Weihnachtsfest schon in der neuen Umgebung feiern? Wieder einmal einer der Fälle totaler Selbstüberschätzung. Das wäre vielleicht zu schaffen gewesen, wenn ich mir komplett von der Arbeit freigenommen hätte. Aber bislang habe ich gerade mal zwei halbe Samstage und heute Nachmittag knapp drei Stündchen investiert. So bringe ich hier am Ende mein ganz persönliches typisch deutsches Projekt zustande: dauert um Jahre länger, als geplant und wird vermutlich auch am Ende eine Schippe teurer, als ursprünglich kalkuliert.
Aber der Reihe nach. Ich habe in meinen bisherigen Newslettern zwar hier und da schon meine hobbymäßigen Gartenarbeiten erwähnt, doch den richtigen Einstieg hatten wir noch nicht. Nachdem heute wieder einmal der Sturm an meinem Wohnwagen rüttelt, ist das aber ein guter Anlass, auf meinen Wunsch nach einem etwas windgeschützteren Plätzchen zu sprechen zu kommen. Also machen wir heute einen kleinen Zeitsprung zurück zum Nikolaustag, an dem ich erstmals Hand angelegt, respektive Spitzhacke und Schaufel geschwungen habe.
Was ich in dem Zusammenhang auch erstmals gemacht habe, ist ein Video über das Campo hier auf YouTube hochzuladen. Der Clarksche Perfektionismus ist mit der Aufnahme lange noch nicht zufrieden, doch wie schon im allerersten Newsletter erwähnt, gebe ich mir jetzt hier und da mal einen Schubs, verzichte auf den letzten Feinschliff und haue auch Ergebnisse raus, die noch sichtlich Luft nach oben haben.
Zuerst mal ein bisschen Werkzeug zusammensuchen. Aus allen Ecken meines heimatlichen Bestandes hatte ich bis hin zu zwei Schubkarren alles Mögliche an altem Gartengerät in den Anhänger geworfen, bevor ich nach Spanien aufgebrochen bin. Einzig einen Spaten habe ich mir hier im Baumarkt neu gegönnt.
Dazu eine Flasche Wasser, dann kann es losgehen auf meine „Baustelle“.
Halt, Stopp, nein, da fehlt was. Das wohl wichtigste Utensil. Bekanntlich gerate ich schon ins Schwitzen, wenn ich mich nur zum Schuhe-Binden bücke. Jetzt will ich ja doch noch ein bisschen mehr machen. Also brauche ich unbedingt ein Schweißtuch. Dafür laufe ich auch nochmal zum Wohnwagen zurück.
Schon hinter meinem aktuellen Stellplatz habe ich im Gebüsch einige alte Schuhsohlen gefunden. Insgesamt liegt auf dem neuen Platz tatsächlich recht wenig, ja fast überhaupt kein Unrat als Zeugnis früherer menschlicher Nutzung. Doch Schuhsohlen finde ich auch hier zwischen all dem Gestrüpp. Und eindeutig handelt es sich hierbei nicht um das Unterteil eines Schuhs, den man zum Begehen solch eines Terrains tragen würde.
Es gibt so Momente, da würde mich die Historie dieses Platzes wirklich brennend interessieren. Was hat es wohl mit den vielen Schuhen und Schuhsohlen auf sich?
Wenn man vor einem riesig dimensionierten Projekt steht, kommt man sich schnell sehr klein und unbedeutend vor. Dem alten Konfuzius wird ein Zitat zugeschoben, das mir in solchen Momenten in den Sinn kommt: „Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen“. Das Problem in solchen Momenten ist nur, dass es kaum hilft, klugschwatzend alte Philosophen zu zitieren, man muss halt eben auch Hand anlegen. Gleich nach zehn Minuten Schaufeln war mir so warm, dass ich die Jacke von mir warf.
Anfangs hatte ich ja noch vor, sowas wie eine ordentliche Treppe in den Abhang zu graben, die mir das Hoch- und Runtersteigen erleichtert. Doch der Boden hier ist zwar von Steinen unterschiedlichster Größe durchsetzt, was das Graben richtig anstrengend macht, andererseits aber auch gleichzeitig dermaßen pulvertrocken, dass wenigstens nichts an der Schaufel kleben bleibt. Nur irgendetwas „formen“ kann man hier ohne Einsatz von Zement völlig vergessen. Ich wechselte meinen Plan und habe zumindest bis zur halben Höhe des Abhangs von unten her Sand aufgeschüttet, um nun mit Anlauf hoch sprinten zu können. Den Rest gilt es jetzt Stück für Stück von oben aufzufüllen.
Oben habe ich auf beiden Seiten ein paar Steine abgelegt, um die Stelle zu markieren, an der ich ab jetzt alles an abgeschnittenem Gestrüpp und sämtliche Schubkarren mit Abraum über die Klippe zu kippen gedenke. Auf dass ich so im Laufe der Wochen irgendwann eine halbwegs brauchbare Rampe entwickelt. Die Ägypter haben angeblich vor 5000 Jahren mittels Rampen 150 Meter hohe Pyramiden gebaut. Da werde ich es doch wohl schaffen, die vier Meter Höhenunterschied zu überbrücken.
Verpackungen menschlicher Füße finden sich auf dem Gelände einige, das war mir ja bekannt. Bei dem Fundstück hier handelt es sich nun jedoch eher um den Fuß eines ehemals nicht wirklich kleinen Huftieres. Keine Ahnung, welche Art von Tier ein solches Kniegelenk und Unterschenkel aufweist. Ein Wildschwein vielleicht?
Worüber ich mir jedoch tatsächlich nebenbei ein paar Gedanken mache … welche Art von Tier schafft es, einem Kadaver solch ein Bein auszureißen und wegzutragen? Mir scheint, hier in der Region eben doch auch etwas größere Raubtiere, als ich es bislang vermutete.
Einzelne Knochen sind mir immer mal wieder an unterschiedlichen Stellen begegnet. Ob vom gleichen Tier stammend, vermag ich nicht zu sagen, nachweislich aber über mehrere hundert Meter auf dem Gelände verteilt. Zusammen mit den Schuhen würde ich glatt eher auf streunende Hunde tippen, die irgendeinem Jäger den Fang streitig gemacht oder ein an Altersschwäche verendetes Huftier zerlegt haben. Aber es bleibt wohl eine Theorie, bis ich endlich irgendein Lebewesen mit erschreckend großen Eckzähnen im Gebiss leibhaftig zu sehen bekomme.
Ende von Tag Nummer eins auf der Baustelle. Mittels zwanzigtausend Schritten etwas über vierzehn Kilometer absolviert. Klingt eigentlich gar nicht mal so viel. Doch mein Rücken und meine Knie erzählen vom Bücken und Schleppen irgendwie etwas anderes.
Richtig enttäuschend ist es jedoch zu sehen, dass mein kleiner Beobachter am Handgelenk der Meinung ist, ich hätte trotz all der Plackerei mein Tagespensum an Kalorienverbrauch und Zeit im Stehen noch nicht erfüllt. Nur der mittlere Kreis des Trainings ist vollständig erbracht. Nun, mir langte es auf jeden Fall für den Tag, für das Wochenende, ja, für die ganze Woche.
Am vergangenen Samstag, dem 20.12., habe ich dann meinen zweiten Arbeitseinsatz in Angriff genommen. Dieses Mal mit ein bisschen Erdbewegung.
Und wenn Schaufeln keinen Spaß mehr machte, bin ich mit meiner Heckenschere und brachialer Gewalt über die Büsche hergefallen. Sieht man schon, dass ein paar fehlen? Irgendwie artet das zu einer Never Ending Story aus. Ist Miraculix in der Nähe? Die Teile wachsen schneller nach, als ich sie ausrupfen kann.
Dann halt eben Steine auflesen und zum Regenwasserschutzwall auftürmen. Irgendwie gibt es auf dem Gelände keine einzige Aufgabe, die nichts mit „Bücken“ zu tun hat. Für so einen Vollblut-Bürokraten wie mich eine besondere Herausforderung.
Piedras. Muchas piedras. Nicht nur die Büsche wachsen hier offensichtlich im Nullkommanichts nach, sondern auch die Steine scheinen sich unentwegt zu reproduzieren. Egal, wie viele man auch aufsammelt, sobald man das nächste Mal an die gleiche Stelle schaut, liegen da schon wieder welche. Auf und nieder. Wenn das mal nicht gesund ist.
Wenigstens habe ich laut meiner alles überwachenden Uhr damit mein Soll komplett erfüllt. Nun, genauso fühlte ich mich auch. Es wird Zeit für Feierabend.
Mit meinem kleinen Stellplatz-Projekt hier werde ich wohl noch einige Samstage füllen können. Und somit noch einiges zur Steigerung meiner Fitness beitragen können.
Die Sonne hat inzwischen Feierabend gemacht. Für den nächsten Sommer eine gute Feststellung, dass dieses Tal den größten Teil des Tages im Schatten liegt. Jetzt für die Wintermonate jedoch eher etwas unangenehm, denn so wird es sehr schnell sehr frisch. |
Doch mein Temperatur-Empfinden verteilt sich irgendwie gerade nicht gleichmäßig über den ganzen Körper. Während mir „oben rum“ inzwischen tatsächlich kalt wird, nachdem ich die Rackerei eingestellt habe, könnte ich auf meinen Knien das Abendessen kochen, scheint mir. Die glühen vor sich hin und signalisieren mir deutlich, mich heute keine hundert Schritte mehr tragen zu wollen. In meiner Hausapotheke finde ich ein Töpfchen Tiger-Balm. Das werde ich jetzt mal großzügig um die Gelenke schmieren, auf dass ich gut rieche und morgen wieder wie ein junger Gott durch die Gegend hüpfe.
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