Hollywood schwächelt und Schwein gehabt. Leider.

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Hollywood schwächelt und Schwein gehabt. Leider.

26. Dezember 2025 Campo-News 0

Nueva Condomina, Murcia und die RM-A10 zwischen A-33 und La Zarza

Weihnachten ist in Spanien nur ein Tag. Den britisch „Boxing Day“ genannten zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es nur in einzelnen Regionen, flächendeckend handelt es sich jedoch um einen ganz regulären Arbeitstag. Nun, ich bringe hier ein bisschen deutsche Gewohnheit mit und setze für den 26.12. ein ausgiebiges Ausschlafen an. Denn in der Nacht vorher lasse ich es einfach mal wieder spät werden.

Der padthaiwok, bei dem ich letztens meinen ‚Arroz Frito con Pollo‚ verspeist habe, liegt im Einkaufszentrum direkt neben dem Eingang des Kino-Komplexes. Mein Kino-Jahr 2025 war bislang ziemlich dünn ausgefallen. Da geht noch was, dachte ich mir, und habe das Programm etwas genauer betrachtet. „3D“ steht bei einigen Filmen dabei. Das mit dem Brille-Tragen kennt man ja hinreichend, für mich als Nahezu-Einäugigen leider ein halbwegs wertloses Unterfangen.

Bei einigen anderen Vorführungen fand ich jedoch die vier Buchstaben „VOSE“, die mir so rein gar nichts sagen wollten. „Voice Original, Subtitulos en Espanol„, bekam ich nach ein bisschen Recherche heraus. Interessant. Wird sowas in deutschen Kinos auch angeboten? Ist mir noch nie aufgefallen, was aber auch daran liegen mag, dass ich nie auf dergleichen geachtet habe. Aber eigentlich wäre mir so eine kryptische Abkürzung doch schon allein aus Neugierde ins Auge gefallen. Nun, egal. Mit einer solchen Option rückt auf jeden Fall ein Kinobesuch hier in Spanien wieder in greifbare Nähe. Als Disney vor einigen Jahren „Jungle Cruise“ mit The Rock Dwayne Johnson rausbrachte, brauchte meine Tochter nicht viel Überredungskunst, um mich dazu zu bewegen, im Kino mal die Originalfassung zu betrachten, statt die deutsch synchronisierte. Okay, ich gebe zu, dass mich fast die Hauptdarstellerin des Films mehr lockte, ich mag das vielseitige Talent von Emily Blunt.

Wenn es einen Blockbuster gibt, der aktuell die Werbung dominiert, dann ist das wohl der dritte Teil von Avatar. Wobei das vermutlich mehr an der für den Film gerührten Werbetrommel liegt, als an der Filmqualität selbst. Als ich mir auf YouTube die Kritiken anschaute, kam da doch ein ziemlich deutliches „James Cameron sollte langsam über seinen Renteneintritt nachdenken“ rüber. Ein Film, der so dermaßen korrekt sein möchte, dass er absolut überhaupt keine Überraschungen mehr liefert. Rundherum glatt geschliffen ein Klischee an das andere reihend, angesehen von den genretypisch phänomenalen Landschaftsaufnahmen ein Werk, dass als Bewertung das Prädikat „langweilig“ verdient. 

Genau der richtige Film also, um den Blick manchmal weniger auf das Hauptgeschehen zu fokussieren, als denn auf das Mitlesen der Untertitel. Mit dieser Erkenntnis klickte ich direkt auf „Sitzplatz reservieren“ und anschließend auf „kaufen inklusive Popcorn und Cola“. Kino ohne Popcorn geht ja gar nicht, oder?

Selten einen so verregneten Tag erlebt. Eine alte Redewendung trifft hier in Murcia auf den ersten Weihnachtstag zu: heute regnet es nur einmal. Das Wasser prasselte aufs Dach, als ich aufwachte. Und es prasselte immer noch aufs Dach, als ich am Abend zum Auto lief, um zum Kino zu schwimmen. Man merkt schon, dass die spanischen Straßen nicht für solches Wetter gebaut sind. Oder vom krass gegenteiligen Wetter im Laufe der Jahre dermaßen in Mitleidenschaft gezogen wurden, dass sie mit Wassermassen einfach nichts anfangen können. Aquaplaning in den Spurrinnen; selbst beim  Hochfahren meiner Campo-Einfahrt konnte ich mich im Driften üben. Die Einheimischen fahren aber überwiegend vernünftig. So konnte ich mich hinter ein langsam die Straße bis zur Autobahn zuckelndes Autochthon klemmen und einfach den Scheibenwischer seine Arbeit machen lassen.

Als Ziel meiner Reise habe ich den Parkplatz vom Baumarkt eingegeben. Der Mensch ist halt eben doch ein Gewohnheitstier. Langsam erkenne ich auch ein System hinter den gefühlten dreißig Kreiseln, durch die man durch muss, um von der Autobahn zum „Nueva Condomina“ zukommen. Wenn ich noch hundert weitere Male hingefahren bin, finde ich den Weg vielleicht auch mal ohne Navigationssystem. Dass der Baumarkt an Weihnachten geschlossen hat, war mir klar. Dass der dazugehörige Parkplatz jedoch ebenfalls Weihnachtsferien macht, hatte ich nicht erwartet. Doch die geschlossene Schranke ließ nicht mit sich diskutieren, mir blieb nur, weiterzufahren bis zum nächsten Kreisel, um einmal ums Gelände zu fahren und mir die blau beleuchtete Garage des Einkaufszentrums erstmals vorzunehmen.

In selbiger mehr Absperrungen als Wegweiser für Verwirrung bei den Autofahrern sorgten. Der unentwegt aufs Auto prasselnde Regen und das Glitzern der tausend Lichter in den zahllosen Pfützen machte das Erkennen von irgendwelchen wegweisenden Linien auf dem Boden auch nicht leichter. Um mir einen Überblick zu verschaffen, bin ich erst einmal rechts ran auf eine ausgewiesene Ladefläche gefahren, damit das hinter mir her rollende Auto vorbeikann, statt durch den ortsfremden Touristen ausgebremst zu werden. Brav rollte der Wagen auch erst einmal auf die Ladezone, hielt kurz und kam dann erst ganz langsam an mir vorbei. Zwar ein spanisches Kennzeichen, aber ganz offensichtlich war das Pärchen in dem Wagen ebenfalls das erste Mal hier. Die Frau hinterm Steuer suchte hochkonzentriert nach einer Möglichkeit, irgendwie an den Absperrungen vorbeizukommen. Nun war ich so böse, überließ ihr den Job als Scout und klemmte mich an ihre Stoßstange.

Tesla sei Dank – furchtbar, dass ich das mal schreiben muss. Aber die Ladestelle für die Stromer war besser ausgeleuchtet, als mancher Flughafen, und bot uns ausreichend Orientierung. Die ersten leeren Parkplätze, die wir fanden, standen knöcheltief im Wasser. Etwas weiter hinten waren haufenweise Plätze frei, ich zögerte nicht lange, stellte mein Auto ab … und durfte zu Fuß erkennen, warum diese Parkplätze frei geblieben waren. Der zugehörige Eingang zum Einkaufszentrum war geschlossen. Blieb nichts anderes, als einmal durchs geflutete Treppenhaus die Etage wechseln und übers obere Parkdeck durch den strömenden Regen zum anderen Eingang laufen. Ich tropfte wie ein Kieslaster, als ich endlich durch die Schiebetür ins warme Innere des Bauwerks trat. Aber ich war nicht alleine. Die meisten, die vor und hinter mir kamen, verursachten Pfützen auf den ersten Metern im Gebäude. Nein, ganz eindeutig ist die Infrastruktur hier nicht für solch einen ausdauernden Regen ausgelegt. Wenn das in Sachen Klimawandel und Starkregenhäufigkeit so weitergeht, wird man sich hier noch etwas einfallen lassen müssen.

Ich war überrascht, wie viel Betrieb doch hier herrschte. Außer Teilen der Gastronomie und dem Kino hatte nichts geöffnet. Die Gänge zu den Einkaufsläden waren abgesperrt. Aber nur alleine das Kino hat 15 Spielsäle. Da passen schon ein paar hundert, gar tausend Menschen rein. Ich warf mich in die Massen und ließ mich treiben. Überlegte kurz, mir zur Feier des Tages einen Besuch beim edleren Italiener zu gönnen, kam dann aber zu dem Schluss, dass ich mir Pizza und Pasta auch jederzeit selbst machen kann, wohingegen asiatische Küche rund ums Campo rar gesät ist. Also kehrte ich erneut beim Thai ein und ließ mir den gebratenen Reis munden.

 

 

 

Viel zu früh wanderte ich dann ins Kino und versorgte mich an der überraschend kleinen Verkaufstheke mit meiner vorbestellten Kalorienbombe. Man bekommt hier nur einen leeren Becher mit Deckel und Papptrinkhalm in die Hand gedrückt. Füllen darf man nach Lust und Laune an einem der vier Spender selbst in Angriff nehmen. Was manch ein motorisch überforderten Zeitgenossen vor Herausforderungen stellt, die mich überlegen lassen, ob es nicht sinnvoller wäre, die hier ununterbrochen mit dem Wischmopp aktive Arbeitskraft besser direkt zum Ausschenken der Getränke einzusetzen.

Als ich dann meinen im Durchmesser wenige Millimeter zu großen Kunststoffdeckel nach dem Füllen des Ein-Liter-Pappbechers zu befestigen und das wabbelige Behältnis mit einer Hand anzuheben versuchte, revidierte ich meine Einschätzung über ungeschickte Menschen etwas. Wenn man in einer Hand den Rucksack, in der zweiten Hand seine Jacke und in der dritten Hand den übervollen Popcornbehälter trägt, wird es schon schwierig, mit der vierten Hand dieses instabile Getränkebehältnis verschüttungsfrei zu jonglieren. Mag sein, dass die spanische Variante der Cola-Becher umweltverträglicher ist, als die mir aus deutschen Kinos bekannte Fassung. Aber der Becher könnte durchaus mit dem Zersetzen in seine Bestandteile bis nach dem Film warten.

Als ich mich letztens zum Besuch der Weihnachtsfeier des Nachbarschaftsvereins vorbereitete, schrieb mir eine Freundin, ich solle bloß nicht typisch deutsch absolut pünktlich kommen. Immerhin sei ich in Spanien, also schön langsam machen. Daran musste ich denken, als ich mich um 20:24 Uhr in den Kinosaal setzte, in dem um 20:30 Uhr der Film beginnen sollte. Zwei Reihen hinter mir ein Pärchen. Und ich. Sonst niemand da. Dass diese VOSE-Filme nicht überragend besucht sein werden, hatte ich ja schon vermutet. Aber soo wenige Besucher hatte ich dann doch nicht erwartet. Nun, ich sollte mich auch irren.

 

 

 

Schwarze Sitze sind die „normalen“ Plätze, rote Sitze sind die VIP-Plätze. Auch hier war ich (noch) ganz alleine. Mit meinen 182 cm Körpergröße gehöre ich wahrlich nicht zu den größten Vertretern meiner Spezies, doch hier hätte ich mir gerne ein bisschen mehr Beinfreiheit gewünscht. Ich nahm mir vor, vor dem Gehen nochmal einen schwarzen Platz auszuprobieren, ob das wirklich Ryan-Air-Feeling lostritt. Natürlich habe ich das später dann vergessen. Aber mit den 9,70 € fürs VIP-Ticket denke ich, auch bei zukünftigen Besuchen auf den roten Plätzen bleiben zu können.

Es wurde halb neun, es wurde fünf nach halb neun, dann endlich kam Leben auf die Leinwand. Ja, und gleichzeitig in den Füllstand des Kinos. Genau wie in Deutschland auch gehören die ersten fünfzehn Minuten der reinen Werbung für Parfüm und andere Luxusbegierden. Interessanterweise keine Eis-Werbung, obwohl es hier nahezu überall Ben&Jerry’s zu kaufen gibt. Aber das mag an der Jahreszeit liegen. Ist nicht das Wetter für Cookie Dough.

Diese fest kalkulierte Werbesendezeit nutzt der konventionelle Spanier auf jeden Fall, um seinen Sitzplatz im Kinosaal aufzusuchen. Es herrschte auf einmal reges Treiben zwischen den Sitzen, die dann am Ende beim Start des eigentlichen Films tatsächlich zu gut zwei Dritteln auch komplett belegt waren. Die meisten der Besucher sprachen dabei spanisch. Das Interesse der Spanier am Kommunizieren in englischer Sprache ist also echt stark ausgeprägt.

 

 

 

Über den Film will ich nicht spoilern. Die Kritiken im Internet sind berechtigt, ja. 

Der Streifen wird tatsächlich politisch dermaßen korrekt gehalten und reiht wirklich nur Geschehnisse aneinander, die man in tausend anderen Filmen schon einmal gesehen hat, dass es an echten Überraschungen völlig mangelt. 

Ein Nebeneffekt des überdrehten Pathos war, dass mir die Bösewichte des Geschehens glatt deutlich sympathischer rüberkamen, als die eigentlichen Protagonisten. Colonel Miles Quaritch ist ein übles Arschloch, ja. Aber er befolgt einfach nur konsequent und hochintelligent seine Befehle, legt sich dazu sogar mit seiner Vorgesetzten an und zeigt recht häufig echt menschliche Gefühle. Da wirken Jake Sully und Neytiri in ihrer ewigen Wankelmütigkeit deutlich nervtötender. However, wie gesagt, ich will nicht weiter spoilern. Nur soviel: das gesamte Ende des Films ist so ausgelegt, dass man problemlos noch einen vierten Teil hinten dran flanschen kann. Und nur allein die Landschaftsaufnahmen sind auch dann einen Kinobesuch wert.

Für mich war es eine interessante Erfahrung, dass mich die doppelte Sprach-Anforderung doch ein bisschen herausforderte. Den englischen Dialogen zu folgen war zwar nicht schwer, aber mein Hirn musste dennoch unentwegt eine gewisse Übersetzungsleistung im Hintergrund absolvieren. Was zur Folge hatte, dass das gleichzeitige Lesen der spanischen Untertitel deutlich anstrengender und mangels ausreichendem Vokabular teilweise gar nicht möglichem Übersetzen zu einer echten Anstrengung ausartete. 
Ich glaube, ich sollte es andersherum versuchen, also spanisch zu hören und englisch zu lesen. 

Nun, es war ein Experiment. Und alles in allem würde ich es als gelungen bezeichnen. Zumindest aber auf jeden Fall als wiederholenswert.

Irgendwo gut zwanzig Kilometer außerhalb von Murcia hörte dann auf meinem Heimweg endlich der Regen auf. Laut Wettervorhersage sollte damit um Mitternacht Schluss sein, inzwischen war es fast ein Uhr, also beinahe schon gutes Timing der Wetterfrösche. Als ich die Autobahnabfahrt „La Zarza“ von der A-33 runterfuhr, stoppte ich kurz, um ein Foto in Himmelsrichtung Mittelmeerküste zu machen. Ist das der Mond, der da gerade hinter den Wolken am Horizont durchleuchtet? Oder ist das Ballungszentrum rund um Alicante tatsächlich so gut ausgeleuchtet, dass es dem Begriff der Lichtverschmutzung eine ganz besondere Bedeutung verpasst?

Ich rollte auf der Landstraße weiter und unterdrückte gleich drauf ein Fluchen, als der Regen wieder einsetzte. Was soll’s, die letzten zehn Kilometer auf der Landstraße kriege ich auch mit nur 50 km/h irgendwie bewältigt. Ich bin ja mutterseelenallein unterwegs und vom Kinobesuch noch viel zu emotionalisiert, als dass ich denn wirklich schon ins Bett wollte. Nein, ich freute mich eher darauf, mir im Wohnwagen noch einen Glühfix-Beutel in einen Becher Rotwein zu werfen, und das heiße Getränk am liebsten unter freiem Himmel zu schlürfen, notfalls halt eben nur durch die Wohnwagen-Tür nach draußen in den Regen starrend.

2,5 km noch der Landstraße folgen, dann noch einen Kilometer den Feldweg lang. Gegen viertel nach eins bin ich am Wohnwagen, sinnierte ich so vor mich hin, als ich den Kopf eines Ebers aus der Böschung rechts vor mein Auto springen sah. Trotz nasser Straße brachte ich meine Reifen zum Quietschen bei der Vollbremsung, während ich das Lenkrad im Schraubstock hielt. Doch die Distanz war einfach viel zu kurz. Mit einem lauten Knall krachte mein Wagen in das Wildschwein, bevor meine Räder endlich zum Stillstand kamen.

Hatte ich wirklich die ganze Zeit daran gezweifelt, dass es in der Region irgendwelche wildlebenden Tiere gibt, die größer sind als Kaninchen? Nun, jetzt hatte ich den Beweis in einer Blutlache hinter meinem Auto liegen. Was nun? Ein Blick in Google ließ mich wissen, dass man die 112 anrufen und die Polizei informieren solle. Also tat ich das dann auch. Eigentlich wäre ich während des Lauschens der Warteschleife gerne ausgestiegen, doch mein Handy hatte sich per Bluetooth mit der Freisprecheinrichtung des Autos verbunden. Aus Erfahrung wusste ich, dass jetzt Bluetooth zu trennen ein Beenden des Gesprächs zur Folge hat, also blieb ich im trockenen Auto sitzen.

Die spanische Frau in der Leitstelle, von der das Gespräch angenommen wurde, wechselte direkt in gebrochenes Englisch, als ich mich vorgestellt hatte, und fragte mich, ob mir als Sprache lieber Englisch oder Deutsch sei. Bei der Auswahl entschied ich mich natürlich für Deutsch, dann wurde ich gebeten, nochmal zu warten. Vorm inneren Auge stellte ich mir die Frau vor, die nun durch die Hallen der Feuerwehr flitzte auf der Suche nach irgendjemandem, der Deutsch spricht. Sie wurde fündig, ein Herr meldete sich kurz darauf. Und klärte mich auf, dass ich aufgrund der Einwahl meines Handys im Funknetz leider in der Leitstelle von Valencia gelandet sei, mein Unfallort jedoch in der Zuständigkeit von Murcia liege. Er könne mir daher nicht helfen, werde aber versuchen, mich direkt zu verbinden. Ein Hoch auf den Föderalismus, den ich schon mit unseren deutschen Bundesländern als überholtes Relikt untergegangener Königreiche betrachte. So steckte ich also das nächste Mal in der Warteschleife.

Während ich der abwechselnd in Spanisch und Englisch mich zum in der Leitung Bleiben auffordernden Stimme lauschte, kam ein Auto um die Ecke gefahren. Das erste Auto, das mir seit meinem Verlassen der Autobahn vor… ja, inzwischen fast 40 Minuten begegnete. Als dieses Auto meine Warnblinkanlage sah, ging auf dessen Dach das Blaulicht an. Eine Polizeistreife, die direkt neben mir zum Stehen kam und aus der ein Flutlicht in mein Gesicht leuchtete und mir eine Frage stellte, die ich nicht verstand. Ich stieg also aus und machte die drei Schritte zum Polizeiauto. „Accidente“ und „Cerdo“ genügten, um den Polizisten dazu zu bewegen, den Strahl seiner starken Taschenlampe aus meinem Gesicht zu nehmen und auszusteigen. Genau in dem Moment hörte ich dann aus meinem Auto eine Stimme rufen, ob es mich noch gäbe und ich noch Hilfe bräuchte.

Ich brachte den Uniformierten dazu, das Gespräch mit dem Herren der Leitstelle in Murcia zu übernehmen, der den Sachverhalt somit in guten Händen wusste und das Telefonat beendete. Wobei sich die guten Hände mir gegenüber dann auch als nur bedingt zuständig vorstellten, denn die Polizeistreife stammte aus Abanilla, nicht der Wache im für diese Landstraße zuständigen Jumilla. Meine Güte, die haben hier in Spanien ja genauso ein Zuständigkeits- und Kompetenz-Gerangel, wie wir in Deutschland, war einer meiner Gedanken in dem Moment. Aber die beiden jungen Polizisten waren superfreundlich und hilfsbereit. Vielleicht sogar dankbar dafür, in der trostlosen Nachtschicht einen einfachen Fall als Ablenkung zu bekommen.

Warum ich denn den Notruf gewählt hätte, fragte mich der Polizist nach Anschauen meines Autos und Aufnahme meines Kennzeichens. Weil es im Internet steht, dass man das tun soll, war meine Antwort. Die beiden überzeugten sich davon, dass mein Auto weiterhin fahrbereit ist, nutzten Google Translate, um mir mitzuteilen, dass ich den Schaden meiner Versicherung melden solle und wünschten mir eine gute Weiterfahrt. Auf meine Rückfrage, ob ich denn noch mit zum Wildschwein kommen solle, meinten beide unisono, nein, das sei nicht nötig, sie kümmern sich schon um alles Weitere. Also tat ich wie befohlen, flüchtete aus dem inzwischen zum Nieselregen gewordenen Nass in mein Auto und rollte das letzte bisschen Strecke zu meinem Wohnwagen. Die Lust auf einen Glühwein als Absacker war mir nur inzwischen vergangen.

 

 

Ein neuer Tag. Und endlich ohne Regen. Irgendwann in der Nacht hatten die Wolkenergüsse aufgehört. Nun konnte ich mir auch den Schaden am Auto etwas eingehender betrachten. Ein so massiver Geländewagen, aber die Einzelteile dann doch nur aus filigranem Plastik gefertigt. Auf der Beifahrerseite hat es die Stoßstange einen guten Zentimeter nach innen gedrückt, wobei die Radkastenverkleidung und der Unterbodenschutz, beides logischerweise ebenfalls aus Plastik, aus ihren Schrauben oder Steckverbindungen gerissen wurden.

Mich hier auf den noch nassen Boden werfen und etwas zusammenfrickeln wollte ich jetzt nicht. Vielleicht finde ich eher eine Werkstatt, die mir hier auf einer Hebebühne einen genaueren Blick von unten auf die Lage bringen kann.

Jedenfalls habe ich den Zustand per WhatsApp an meine Versicherungsagentur gemeldet und glatt sofort eine Rückmeldung bekommen. Da ich seitens der Polizei keinerlei Dokument zur Bestätigung des Wildunfalles erhalten habe, brauche man wenigstens einen Nachweis über das Schwein. Meiner Vermutung nach wird das zwar gerade von einem Angehörigen eines der Polizisten in Filets zerlegt, aber ich will wenigstens meinen Beitrag zur Beweissicherung liefern und habe mich entsprechend aufs Fahrrad geschwungen. Meine erste Nutzung des Rades während dieses Aufenthaltes.

Das mit den „nur noch 3,5 km“ war eine ziemlich präzise Angabe, um den Ort des Geschehens schnell wiederzufinden. Zur Beseitigung des gröbsten Auslaufs hatte man ein bisschen Erde auf den Asphalt geworfen, den Rest hat der Regen erledigt.

Einen Kadaver als Beweisstück liefern kann ich nun also nicht, aber zum Beweis, dass es seit gestern nun ein Wildschwein weniger in Murcia gibt, sollte die Aufnahme des Tatortes vielleicht auch dienen. Die nächste Aufgabenstellung seitens des Versicherungsbüros gestaltet sich dann doch schon etwas schwieriger. Ich möge mir bei einer Werkstatt einen Kostenvoranschlag einholen, sobald ich zurück in Deutschland bin.

Nur … wann wird das sein? Bislang habe ich noch gar keinen Termin für eine Heimreise festgelegt. Und mir gefällt es hier eigentlich auch – mal abgesehen von solch unangenehmen Zwischenerlebnissen – gut genug, um noch so lange wie ich es arbeitstechnisch hinbekomme, hierbleiben zu wollen.

Diesen hier überall herumstehenden Schildern werde ich zukünftig noch etwas mehr Beachtung schenken, als bisher. Rudolph macht hier nicht nur Freudensprünge, weil er Santa vom Schlitten entkommen ist. Es handelt sich keineswegs um Traumgestalten, die es nur in historischen Erzählungen der Vorbesiedelungszeit gegeben hat. Nein, hier will tatsächlich manch ein Wildtier gelegentlich die Straße überqueren, ohne vorher brav nach links und rechts zu schauen. Wenn man nicht irgendeine Autowerkstatt reich machen möchte, sollte man daher immer auf der Hut sein.

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