Es tut sich was. Aber es gibt auch noch ausreichend zu tun.

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Es tut sich was. Aber es gibt auch noch ausreichend zu tun.

24. Februar 2026 Campo-News 1

wieder Campo Vida Sencilla, La Raja, bei La Zarza, Jumilla (Murcia)

Die eigenen Kinder hat man im Regelfalle nahezu tagtäglich um sich herum und erlebt deren Wachstum als Selbstverständlichkeit. Bei den Kindern anderer Leute gibt es jedoch schon Beobachtungslücken. Und mehr als einmal ist mir es schon untergekommen, dass ich Kinder von Menschen, die ich über Jahre hinweg nicht mehr gesehen hatte, schlichtweg nicht mehr erkannt habe aufgrund der schier gigantischen Veränderungen. Ich vermute, im Laufe des Älterwerdens erlebt jeder Mensch einen solchen Schreckmoment aus der Metamorphose anderer.

Nun kann man Gartenarbeit nicht wirklich mit Kindern vergleichen, auch wenn viele Begrifflichkeiten deutlich überlappen, sei es die Befruchtung oder das Wachstum. Ja, wie mich eine Freundin aus dem floristischen Gewerbe einmal aufklärte, stammt sogar der vulgärsprachliche Begriff „geil“ eigentlich aus der Botanik. Also erlaube ich mir für mein Stellplatz-Einricht-Projekt auch die liebkosende Umschreibung, dass es sich aktuell um mein ‚Baby‘ handelt.

Und wie es nun mal so ist, treibt mich auch dieses Kind ab und zu in den Wahnsinn. „Steine“, sage ich da nur. Piedras, wie die Dinger im Spanischen genannt werden. Ich glaube manchmal, ich habe mit dem Campo bei La Zarza den einzigen magischen Flecken Erde auf diesem Globus erwischt, auf dem tatsächlich Steine nachwachsen.

Lleno“ gehört zu einer der ersten spanischen Vokabeln, die in meinem ansonsten leider nur schwach aufnahmefähigen Hirn hängen blieb. Mir sind bislang in Spanien nur zwei Sorten Tankstellen begegnet: die einen, bei denen überhaupt kein Mensch mehr vorhanden ist und man sich mit einem bestenfalls englischsprachigen Display herumschlagen muss. Und die anderen, bei denen eine Tankwartin schon mit dem Füllstutzen in der Hand neben dem Auto steht, noch bevor man ausgestiegen ist. Und ja, irgendwie habe ich das Gefühl, Tankstellen sind in Spanien überwiegend in weiblicher Hand. Bevor der Tankvorgang beginnt, wird man mit der Frage ¿Cuánto? konfrontiert, „wie viel?“. Logischerweise versteht hier jeder auch ein „full“, doch wenigstens bei dieser immer wiederkehrenden Situation wollte ich mit Spanischkenntnissen brillieren. Also lernte ich schnell: lleno heißt voll. Und satt. Aber das ist das Gleiche, nur nicht mit Diesel, oder?

Worauf will ich mit dem kleinen Exkurs hinaus? Auf die Tatsache, dass meine persönliche Definition von „lleno“ in Bezug auf Schubkarren und Baueimer einer gewissen Flexibilität unterliegt. Um nicht gar zu sagen, der Eichstrich, bei dessen Erreichen ich von „voll“ sprechen würde, scheint jede Woche ein bisschen weiter nach unten zu wandern. In der Anfangszeit habe ich streng nach dem Motto „Der Esel trägt sich auf einmal tot“ die Schubkarre genauso wie den Eimer in der gleichen Weise gefüllt, wie ich es mit meiner Teetasse auch mache: Ein Tropfen mehr und sie läuft über. Inzwischen ist der auf dem Foto zu sehende Füllstand schon vollkommen ausreichend, um über ein Leermachen nachzudenken. 

Natürlich gehen mir die Erinnerungen an den Physikunterricht in der Schule vor Ewigkeiten durch den Kopf, während ich die Schubkarre die Steigung zur Höhle hochschiebe. Die Ermittlung von „Arbeit“ in der Physik ergibt sich aus der Multiplikation von Kraft mal Strecke. Bedeutet: Weniger Kraftaufwand ist gleich mehr Wegstrecke. Ich laufe diese Steigung somit öfter. Viel öfter, wenn es drauf ankommt.

Der Weg zum Eingang der Höhle ist aber auch ein guter Aufhänger für einen Vorher-Nachher-Vergleich. Hierbei allerdings weniger für das Hochschieben von mit Steinen beladenen Schubkarren, sondern eher das Runterschieben von haufenweise Erdmaterial. Zwei Monate liegen zwischen den beiden Bildern oben und unten. Und ich schätze, etwa zwei Millimeter Verlust der Gummisohle meiner Arbeitsschuhe, so oft, wie ich diesen Weg in der Zeit gelaufen bin.

Doch einen Vorher-/Nachher-Vergleich mit Bildern aufzusetzen ist müßig. Bevor ich mich Mitte Dezember 2025 erstmals mit Werkzeug ans Werk gemacht habe, bin ich mit dem Handy in der Hand übers Gelänge gelaufen. Den besten Vergleich zum damaligen Zustand bekommt man wohl hin, indem ich ungefähr den gleichen Weg noch einmal ablaufe.

Hier also die zweite Produktion aus der mit Videobearbeitung sichtlich überforderten Hand des spanischen Einsiedlers.

Ich habe das Video mit Absicht „Eigenmotivation“ getauft, denn tatsächlich sind mir in meinem Gedächtnis die vielen kleinen Zwischenschritte schon längst entfallen. Wenn man nur den Zustand „heute“ mit dem Zustand „gestern“ vergleicht, kommt schnell Frust auf. Bei einem Vergleich mit „vorvorgestern“ jedoch kann sich doch auch ein bisschen Stolz unter die Ungeduld mischen.

Wie lange ist es her, dass ich neben dem mühseligen Abtragen des ungleichmäßig hohen Erdwalls und dem Kampf gegen die widerborstigen Büsche die ersten drei, vier Eimer Steine aufgelesen habe? 

Sah es hier wirklich mal so wild aus?

Mein Mieter in Gernsheim ist leidenschaftlicher Hobbygärtner. Irgendwann hatte er etwas zu transportieren und bat mich um Hilfe. So kam ich in seinen Garten, wo er gerade mit dem Zurückschneiden von einigen Pflanzen beschäftigt war. Unter anderem lag auf seinem Rasen ein Berg Rosmarin-Zweige. Als Lohn für meine Hilfe bekam ich haufenweise Tomaten und Mangold, mit dem ich bis dahin so rein gar nichts anzufangen wusste (wird geschmacklich auch nie mein Gemüse). Von dem Rosmarin solle ich mir mitnehmen, so viel ich wolle, meinte er. Kommt sowieso auf den Kompost. 

Ich habe einige Zweige mitgenommen, aber man kann sich ja nicht tagelang von Rosmarin-Kartoffeln ernähren, also habe ich die Stängel in einen Eimer mit Wasser gestellt. Und siehe da, sie zogen Wurzeln. Normalerweise mangelt es mir am grünen Daumen, doch mit dieser Gewürzpflanze wurde ich zum regelrecht professionellen Balkonanbauer. In alle Himmelsrichtungen habe ich angefangen Rosmarin-Pflanzen zu verschenken. Und selbst hier nach Spanien habe ich einen kleinen Balkonkasten dieser Ableger mitgenommen.

 

 

Eine überflüssige Tat, denn das Zeug wächst hier auch wild in rauen Mengen. Nur während ich meine Vermehrungskünste der Pflanze auf Basis von konstantem Nasshalten umgesetzt hatte, scheint der spanische Rosmarin fast ohne Wasser auszukommen.

Während meiner Wanderschaften auf dem Grundstück sind mir Rosmarin-Büsche begegnet, die fast Mannshöhe hatten.

Für mich stand mit dieser kombinierten Erfahrung somit recht schnell fest, dass es sich bei dieser Pflanze weniger um ein aromatisches Küchengewürz handelt, als denn um die perfekte Begrünung meines ansonsten langsam immer grauer werdenden Stellplatzes.

Da ich ohnehin auf der verzweifelten Suche nach einer sinnvollen Verwendung der nicht enden wollenden Stein-Vorräte war, entstand die Idee eines „Raumteilers“ in Form eines reinen Rosmarin-Beetes. Jede Pflanze, die mir bei meinen Platzgestaltungs-Plänen im Weg ist, bekommt eine Chance in dem extra nur hierfür angelegten Oval. Und sobald ich mich auch wohnlich hier breit gemacht habe, bekommen die Sträucher auch ein bisschen mehr Wasser als üblich. Ich bin gespannt, ob dieses Experiment gelingt.

ChatGPT hat mich aufgeklärt, dass ich mit den Steinhügeln theoretisch für die Pflanzen etwas Gutes tue. Da es in Spanien selten regnet, aber wenn es dann mal regnet, gleich Unmengen von Wasser vom Himmel kommen, fließt das wertvolle Nass normalerweise einfach ab, ohne in den von der Sonne hart gebackenen Boden versickern zu können. Daher sorgen die Landwirte auf ihren Plantagen hier dafür, dass die oberste Erdschicht auf allen Äckern immer ganz locker und brockig ist. Ich habe mich bei einem Spaziergang letzten Sommer einmal verlaufen und musste am Rand eines solchen Ackers entlang gehen. Echte Schwerstarbeit, da man bei jedem Schritt zehn Zentimeter tief in dem absichtlich luftig gehaltenen Boden einsinkt. Diese Fluffigkeit hat aber den Vorteil, dass das Wasser nicht sofort weg fließt, sondern einsickern kann.

Eine andere Vorgehensweise ist das Anlegen von Stauwänden. Auch die stoppen das Wasser und sorgen dafür, dass mehr in die Erde kommt. Die KI erläuterte mir auch einleuchtend, dass man eine Pflanze nicht „vor“, sondern „hinter“ einem solchen Stauwall einpflanzen sollte, denn dahin würde sich das Wasser in der Erde weiterbewegen. Mit diesem Wissen macht es dann auf einmal auch Sinn, dass auf meinem Areal so viele wild aufgegangene Mandelbäume ausgerechnet in den schrägen Hängen wachsen. Sie nutzen das oben drüber gestoppte Regenwasser.

Wirklich große Hoffnungen auf Wachstumshilfe durch meine Steinhaufen mache ich mir jedoch nicht. Mein Plan wird weiterhin bleiben, für eine künstliche Bewässerung zu sorgen, wenn auch eine sparsame. Ich muss nur noch jemanden finden, der bereitwillig die Gießkanne schwingt, wenn ich mich wieder nach Gernsheim absetze.

Was sicherlich auch für eine Durchwässerung des Untergrundes sorgt, sind die zahllosen Kanäle, die irgendein Tier hier überall in den Boden buddelt. Wenn ich mir überlege, welch Anstrengung ich trotz Werkzeug unternehmen muss, um in die steinige Erde zu kommen, fasziniert es mich, dass es Tiere gibt, die das mit ihren Pfoten (oder womit auch immer) hinbekommen. Die Löcher haben allesamt einen Durchmesser von bis zu 20 Zentimeter. Ein simpler Maulwurf ist das nicht. Google meint Kaninchen oder Ratten. Tendenziell eher Kaninchen, da Ratten angeblich den Auswurf vor dem gegrabenen Loch beseitigen. Und das ohne Schubkarre. Vor meinem inneren Auge habe ich die winzigen Laborratten, wie eine Schulfreundin früher eine zu Hause hielt. Doch für solche Löcher hier braucht es etwas andere Kaliber von Nagetier. Ich bin wirklich gespannt, ob ich irgendwann mal eine zu Gesicht bekomme.

Zeit für Feierabend. Noch ein bisschen die Abendsonne genießen, dann geht es zurück an den Schreibtisch. Die Frage der Namensgebung geht mir immer mal wieder durch den Kopf. Jetzt gehöre ich zwar nicht zu den Leuten, die ihren Autos Kosenamen geben. Mein Wohnmobil trugt beispielsweise beim Kauf vom Vorbesitzer den Namen „Klaus-Uwe“. Ich habe die Aufkleber schon beim ersten Waschen gleich entfernt. Es war für mich das ‚Womo‘. Genügt vollkommen zum Bezeichnen eines Fahrzeugs.

Aber bei einem Wohnwagen-Stellplatz, der zu einer Art Zweit-Zuhause werden könnte, sieht die Sache doch ein bisschen anders aus. Ungeachtet der Tatsache, dass ich seit meinem Besuch beim Fachmann aktuell gar nicht mehr so sicher bin, ob denn ein Wohnwagen zum Anmelden eines Zweitwohnsitzes ausreicht, braucht der Ort auch dann einen Namen, wenn hier ein anderes Domizil errichtet werden sollte. Es muss ja nicht gleich mit „Villa de …“ anfangen. Aber wie wäre es denn mit …

Plaza de Gernsheim‘ in Erinnerung an die Heimat.

Kiri-Plaza‘ als Dokumentation des ersten von mir hier gepflanzten Baums.

Plaza del Romero‘ aus oben dargelegten Rosmarin-Gründen.

Vielleicht kommen mir im Laufe der Zeit noch ein paar weitere Ideen. Vorschläge sind hier gerne willkommen!

 

In der Ferne höre ich Flugzeuge. Gleich vier Kondensstreifen entdecke ich am Himmel. Richtig was los da oben. Früher hätte der Gedanke an Fliegen sofort Fernweh bei mir losgetreten.

Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem die meisten Flugzeuge aktuell eher einen kriegerischen, als denn einen touristischen Hintergrund haben. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass ich mich hier auf diesem Campo einfach pudelwohl fühle.

Zumindest per Stand jetzt zieht es mich nicht wirklich irgendwo in die Ferne. Tja, aber auch irgendwie noch nicht zurück nach Hause.

 

So sah es hier vor zwei Monaten noch aus. Bis zum Beginn dieses Newsletters hier hatte ich das echt schon vergessen. Vielleicht sollte ich öfter mal einen Rückblick einbauen.

Eine Antwort

  1. Gilbert Huber sagt:

    Buenas tardes Clark
    Schöne Zeilen. Auch gut zu wissen, dass du weiterhin steinreich bist.
    Für den neuen Wohnwagenplatz habe ich folgenden Vorschlag zur Namensgebung:
    „Plaza de calma selestial“. Platz der himmlischen (Wind)-Stille.
    Es grüßt
    Gilbert

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