Aspe, die Stadt aus der DIE Silvester-Trauben kommen
Aspe, Vinalopó Mitjà, Alicante (Valenciana)
Obwohl wir in einer immer besser vernetzten Welt leben, steigt die Anzahl der sich einsam fühlenden Menschen immer weiter an. Aus der Depressionsforschung weiß man, dass einer der unzähligen Triggerpunkte die ständige Vermittlung des Gefühls des Nicht-gut-genug-Seins ist. Gemessen am vorgegeben anzustrebenden Optimal ist man selbst einfach nicht schön genug, nicht klug genug, nicht reich genug, nicht liebenswert genug. Vor der Erfindung der maximalen Mobilität ist man in einem regional überschaubaren Umkreis von Menschen aufgewachsen. Man kannte sich gegenseitig von Kindesbeinen an. Man bekam als Kind indirekt aus den Unterhaltungen der im gleichen Haushalt wohnenden Großeltern mit, welcher Lapsus dem Schustershugo am anderen Ende des Ortes gerade wieder unterlaufen ist. Unzulänglichkeiten waren Alltag und wurden nicht an die große Glocke gehängt. Ganz im Gegenteil, sie wurden in simplen Lebenserfahrungs-Sprüchen verpackt, wie „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ oder „nach fest kommt ab„.
Jeder kennt diese Sprüche, doch kaum einer denkt über ein kurzes Schmunzeln hinaus über deren Herkunft nach. Ein Nebeneffekt der Mobilität ist leider die Anonymität. „Ich schlaf‘ hier nur im Ort, Leben und Arbeiten tue ich woanders“ ist ein Satz, den ich während meiner Mitgliederwerbeversuche für die örtliche Feuerwehr so oft als abwehrende Entschuldigung zu hören bekam. Man hat sich gegenseitig aus den Augen verloren. Familien sind über Distanzen auseinandergerissen, die eine Teilnahme am gegenseitigen Leben nicht mehr möglich machen. Für das Leben des Nachbarn interessiert man sich nicht, ja man kennt meistens nicht einmal seinen Namen. Einen Blick in die Welt erhält man nur noch aus den Medien. Und der ist leider entweder extrem negativ aufgeladen, damit er Klicks einbringt, oder halt eben ausnahmslos übertrieben optimiert dargestellt. Das eingangs erwähnte „nur absolut perfekt ist gerade eben noch ausreichend; alles darunter ist Schund“.
Dieser geistige Ausflug in meine Arbeiten an dem philosution-Konzept ging mir durch den Kopf, als ich mich gestern mit meiner Dolmetscherin unterhielt, die mich zu einem Notartermin begleitet hatte, der eigentlich vollkommen überflüssig war. Ein weiterer dieser Sprüche ging mir nämlich dabei mehrfach durch den Kopf: „warum denn einfach, wenn es auch umständlich geht“.
Wenn ein Mensch zu überraschend verstirbt, überfordert das die Angehörigen häufig. Wenn es in dem Moment ohnehin nur noch zwei Angehörige gibt, von denen eine bettlägerig krank und selbst dem Ableben näher als der Genesung ist, kann es schwierig werden, aus der Hüfte geschossen die klügsten Entscheidungen zu treffen. Geschieht der Todesfall dann auch noch in einem fernen Land, dessen Sprache man nicht spricht, wo man aber auf Menschen trifft, die es mit zahlreichen Ratschlägen gut meinen, diese jedoch mangels Übersetzungsfähigkeit nicht richtig rüberbringen können, liegt der Gedanke nahe, sich einen Rechtsanwalt in diesem Ausland zu suchen, dem man eine Generalvollmacht zur Abwicklung erteilt und dann darauf hofft, dass man irgendwann nur zusammen mit der Rechnung die Meldung „erledigt“ zugeschickt bekommt.
Das mit der Hoffnung ist jedoch so eine Sache. Wenn es etwas gibt, was ich in drei Jahrzehnten Selbständigkeit als Lebenserfahrung habe erlernen müssen, dann die Tatsache, dass „Aufgaben delegieren“ in deutlich mehr als der Hälfte der Fälle nur bedeutet, die Arbeiten irgendwann später unter barbarischem Zeitdruck dann doch selbst zu machen. Wahrhaft hilfreiches Delegieren funktioniert nur an Menschen, die man entweder selbst ausgebildet hat oder bei denen man eine konstante, lückenlose Supervision sicherstellt. Klingt nach einer harten Erkenntnis, glücklicherweise durfte ich auch Ausnahmen davon erleben, doch im Großen und Ganzen würde ich diese Aussage gerne in jedem Business-Ausbildungs-Buch abgedruckt sehen wollen.
Fakt ist jedenfalls, dass der beauftragte Rechtsanwalt, nun, sagen wir mal, nicht so ganz die erwartete Performance an den Tag legte. Bekam er einen Schubs, bewegte sich eine Akte eine Handbreit auf der Schreibtischplatte. Blieben die Schubse aus, verstrichen über drei Jahre seit dem Ableben des Auswanderers, ohne dass dessen Erbe endlich abgewickelt war. Ein Erbe, zu dem auch ein Campo auf dem Altiplano im Morden Murcias gehört, in das sich der hier gerade tippende Buchhalter aus Deutschland verguckt hat. Ein Buchhalter, der sich daraufhin in die verwaltungstechnische Abwicklung eingeklinkt hat, um endlich ein bisschen Bewegung in die Sache zu bringen.
Noch ein Spruch gefällig? „Es kommt erstens immer anders, zweitens als man denkt„. Eineinviertel Jahr lang bin ich nun an der Geschichte schon dran. Mein ehemals rotes Haupt ist der Farbe Grau ein gutes Stück nähergekommen, was sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, dass gefühlt aus jedem gelösten Problem zwei neue entstanden. Und dazwischen immer wieder einiges an Wartezeit, bei der man niemals so genau weiß, ob diese nun systemisch bedingt ist oder nur wieder irgendein Beteiligter in der ausufernden Kette gerade über der Bearbeitung eingeschlafen ist. Die mir selbst gestellte Aufgabenstellung lautete ursprünglich: Informationen sammeln, an die richtigen Leute weiterleiten, Entscheidungen treffen und die Geschichte in Bewegung halten. Irgendwann schlichen sich da zwei weitere Punkte in die Liste mit ein: Verzweifeln und den Glauben an die Qualifikation einzelner Berufsgruppen verlieren. Graue Haare, ich schrieb es bereits.
Aber auch die zähste Geschichte kommt irgendwann zu einem Ende. Auch wenn man auf dem Weg dahin vielleicht drei, vier Umwege einlegen muss. Ein solcher Verwaltungsakte-Umweg war nun das Bevollmächtigen eines Unterbevollmächtigten zur Unterzeichnung der Eintragungsvorbereitungen der Erbschafts-Umtragungs-Unterlagen. Jetzt müssen nur noch ein paar Schubkarrenladungen voll Papier einige tausend Kilometer kreuz und quer durch Spanien transportiert und mit Stempeln und Ratifizierungen versehen werden. Dann kann der ganze Vorgang in die nächste Runde gehen. Ich hatte vor meiner Abfahrt zum Notar gestern schon meine letzte Flasche aus Gernsheim mitgebrachtem Sekt in der Hand. Kam dann aber zu dem Schluss, dass es dafür dann doch noch ein bisschen zu früh ist.
Auf jeden Fall brachte mich die ganze Geschichte gestern einmal mehr in die Zivilisation, dieses Mal in das Städtchen Aspe vor den Toren von Alicante. Seit Montag hält nun endlich der Frühling auch hier in Spanien seinen Einzug. Zumindest vorübergehend, denn zum kommenden Wochenende sind schon wieder Regenschauer angesagt. Jedenfalls lud der strahlende Sonnenschein dazu ein, ein bisschen durch die Innenstadt zu wandern.
Ich schrieb es in früheren Berichten schon einmal: Obwohl es sich nur um wenige Kilometer handelt, merkt man einen erheblichen Unterschied in der Vegetation, sobald man die Landesgrenze von Murcia nach Valencia überschreitet. Alles wird irgendwie grüner. Gleichzeitig aber auch zivilisierter. Nein, nennen wir es touristischer. Vielleicht ist ansehlicher ein besserer Begriff? Ein Kreuz im Kalender, dem Clark fehlen die Worte.
Was es vor allen Dingen aber ist, ist voller. Als von schönen Landschaftsimpressionen leicht zu beeindruckender Touri gehe ich hier und da schon mal vom Gas und schieße aus dem dahinrollenden Auto ein paar Fotos. In der Einsamkeit auf den Straßen in Murcia kein Problem. Im turbulenten Valencia hat solch ein Handeln jedoch gleich ein Hupkonzert von Hinten zur Folge. Bei meinen Begegnungen mit den Landwirten auf ihren Traktoren in Murcia erlebe ich immer wieder ein freudiges Winken und Grüßen der Menschen. Die gestern auf der Landstraße mit erhobenen Händen lautstark artikulierend an mir vorbeirauschenden Autofahrer nahmen bestimmt auch Worte wie „Bauer“ in den Mund. Ich grüßte freundlich zurück und nahm mir vor, meinen Fahrstil wieder etwas mehr den Massen anzupassen, was leider zu Lasten der Fotomenge ging.
An der Costa Blanca konkurrieren insbesondere die Orte ohne mächtige Industrieansiedlung um die wichtigste Einnahmequelle der Region: den Tourismus. Aspe hat es da als 20 Kilometer vom Meer entfernt im Hinterland des in Deutschland bekannt-beliebten Schwergewichts Alicante liegend etwas schwer, schlägt sich aber tapfer, wie man den zwar abgenutzten, aber pieksauberen Straßen und der allgegenwärtigen Farbenpracht entnehmen kann.
Die Straßen sind knuddelig eng, doch wo immer sich ein freier Quadratmeter auftat, hat man einen Baum hingepflanzt. Es gibt Bushaltestellen alle paar Meter und haufenweise Hinweisschilder auf kostenlose Parkplätze für Touristen. Mit meinen Erfahrungen aus anderen spanischen Metropolregionen machte ich mich auf eine längere Suche nach einer Abstellmöglichkeit bereit, doch die Sorge war nicht berechtigt. Völlig untypisch für mich kam ich zehn Minuten zu früh am verabredeten Ort an.
Selbiger sich „Plaza Mayor“ nennt, was, wie mich mein Spanisch-Grundwissen bereits gelehrt hat, nichts mit einem „großen“ Platz zu tun hat, sondern ganz simpel mit „Rathausplatz“ übersetzt wird. Den langweiligen Bau des Rathauses hatte ich hier im Rücken, als ich die weitaus imposantere „Basilica Nuestra Señora del Socorro“ auf der anderen Seite des sonnenverwöhnten Platzes fotografierte. Minuten später fand ich mich dann auch schon von meinen beiden Bekannten und der mir bis dahin noch unbekannten Englisch-Dolmetscherin umrundet, so konnten wir uns direkt ins Geschehen des Amtswesens stürzen. Was ganz aufschlussreich erst einmal mit der spanischen Gemütlichkeit des Rumsitzens von über einer halben Stunde im Wartezimmer begann.
Der eigentliche notarielle Akt ist international gleich, scheint mir. Ein älterer Herr nuschelt in rasender Geschwindigkeit den Inhalt von gefühlten hundert Seiten Papier herunter, während er nebenbei allerlei Korrekturen am Text vornimmt. Egal wie hochpreisig eine Anwaltskanzlei auch sein mag, ich habe es noch nie erlebt, dass der vorlesende Notar nicht noch einige Fehler in dem von seinem Personal vorbereiteten Dokumenten gefunden hat. Bauen die Notariatsgehilfinnen die Tippfehler vielleicht absichtlich ein, um ihrem Chef das Gefühl zu geben, auch noch etwas beigetragen zu haben?
Irgendwann durfte ich meine drei Kreuzchen unter das umfangreiche Werk setzen, nach mir die anderen drei ebenfalls, dann quittierte der Notar mit seiner Unterschrift unter allem anderen, dass er uns bei dieser Tat zugesehen hat, verabschiedete sich und verschwand aus dem Zimmer, um direkt im gegenüberliegenden Raum zu den nächsten Wartenden überzuwechseln. Wir waren somit entlassen und durften uns den angenehmeren Dingen des Tages widmen. Was noch einen kurzen Plausch vor der Tür des Notariats zur Folge hatte, dann erwischte ich mich auch schon auf dem Weg zurück zum Auto.
Doch schon an der ersten Straßenecke stoppte ich. Warum denn den direkten Weg gehen? Es wird ja wohl Zeit für einen Umweg sein, dachte ich mir und bog einfach mal wahllos in die falsche Richtung ab. Zufälligerweise kam ich sogar am Tourismusbüro vorbei. Merkte mir aber nur die Position und trabte weiter, ohne reinzugehen. Für eine ausgiebige Erkundung sämtlicher Sehenswürdigkeiten der Stadt fehle mir dann nun doch die Zeit.
Als ich auf diese interessante Statue zulief, grübelte ich, was es hier in Spanien denn wohl mit den amerikanischen drei K auf sich hat. Beim Näherkommen entdeckte ich die Jahreszahl 1615. Okay, da prügelten sich auf dem amerikanischen Kontinent die Einwanderer noch mit den Einheimischen. Der kuttentragende Geheimbund entstand erst 250 Jahre später, als man in dem, was sich heute ‚United‘ States nennt, anfing, gegenseitig abzumeucheln.
Ein Blick in Google verriet mir, dass hier in Aspe eine kirchliche Bruderschaft gegründet wurde, die man bis heute mit einer heiligen Woche feiert. Ich bin sicher, dieses Örtchen hat noch eine Menge mehr an Historie zu berichten. Für „irgendwann mal“ ist das definitiv ein Ausflugsziel.
Die Sonne brennt vom Himmel, das Notebook lastet mir wie Blei auf der Schulter. Ich komme am Wochenmarkt vorbei, von dem jedoch Uhrzeit-bedingt inzwischen sämtliche Stände abgebaut werden. Noch ein paar Schritte weiter lese ich an einer Fassade das Wort „Helado“.
Ja, ein Eis, das passt jetzt zu dem Wetter. Auf meinen ratlosen Blick vor der gigantischen Auswahl drückte mir der nette Eisverkäufer nach meiner Erstwahl „Schokolade“ einfach zwei kleine Löffelchen in die Hand, auf die er passende Geschmacksorten in wahrlich nicht sparsamer Menge gehäuft hatte. Kinder Bueno als Eis ist eine kleine Sünde, habe ich gelernt. Und die oberste Kugel, die an ein Hundehäufchen erinnert und deren Namen ich nicht mehr weiß, würde ich tatsächlich auch nochmal kaufen. Aber Eis und Sonne verträgt sich nicht. Was hatte ich auf einmal klebrige Finger und Flecken auf dem Hemd. Wird Zeit, das Navi zu fragen, in welcher Himmelsrichtung ich meinen Parkplatz finde.
Mitten durch die Stadt zieht sich eine Rambla. Ich diesem Falle eine, die so wirkt, als würde sie niemals richtig trockenfallen. Was man der Vegetation am Wegesrand durchaus auch ansieht.
Die Spanier bringen es ja schon immer mal wieder fertig, mich zwischendurch zum Lachen zu bringen. In einem Land, in dem man keine fünf Kilometer über die Felder fahren kann, ohne an mindestens einer Bauruine vorbeizukommen, wirkt es irgendwie etwas arg verwunderlich, wenn historische Ruinen als Betrachtungsobjekt herausgeputzt werden. So richtig mit archäologischer Grabungsstätte und hölzerner Besichtigungsrampe. Neugierig war ich ja schon, aber der Umweg zu dem erläuternden Schild auf der anderen Seite der Schlucht war mir zu weit. Ich erwähnte es schon: Ein Wiederkommen hat genug Anlässe.
Ein paar hundert Meter von der Ruine entfernt blieb ich gleich wieder stehen, um die städtische Regenwasserentsorgung in einem Foto festzuhalten. Einfach eine betonierte Rampe, die in die Senke führt. Auch in den heute während des Rumsitzens im Wartezimmer geführten Gesprächen habe ich wieder von den Einheimischen berichtet bekommen, dass sie einen so dermaßen stürmischen und massiv verregneten Winter wie den aktuellen noch nie erlebt haben. Es steht zu befürchten, dass es hier irgendwann nicht nur Wasser runterspült, sondern gleich Autos und alles andere, was nicht fest mit dem Boden verankert ist, auch. An der Infrastruktur muss noch ein bisschen optimiert werden.
Keine Ahnung, was der „PR-CV 433“ sein mag, aber verlaufen kann man sich in Aspe wirklich nicht, wenn man sich einmal in der Tourismus-Information mit dem passenden Kartenwerk ausgestattet hat.
Eigentlich fast schon ein bisschen schade. Wenn ich so an die Klassenfahrten meiner Schulzeit zurückdenke, in denen die Besichtigung bestimmter Orte zu einer regelrechten Schnitzeljagd ausartete. Kein Handy, kaum Schilder. Und doch haben wir die Ziele gefunden. Hier wird den Flanierenden eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 4 km/h unterstellt und sogar die Mühe des Überlegens, wie lange sie denn wohl bis zum nächsten Punkt auf der Karte brauchen, direkt abgenommen. Wo bleibt denn da die Abenteuerlust beim Erkunden von etwas Neuem?
In einem der früheren Newsletter erwähnte ich es schon: Spanische Innenstädte sind sehr passantenfreundlich angelegt. Bekanntlich gehört es ja auch ein stückweit zur spanischen Kultur, sich einfach auf der Straße zu treffen und plaudernd beisammen zu bleiben. Mit den allgegenwärtigen Sitzgelegenheiten bekommen es Einheimische und Besucher auch richtig leicht gemacht.
Warum ausgerechnet in der Natur, während meines Radelns durch die Sierra del Carche letztens, kein einziger solcher Rastplatz vorhanden war, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Heute fehlte mir die Zeit zum Rasten. Ich hatte ja noch ein weiteres Ziel.
Etwas über drei Monate halte ich mich nun schon auf dem Campo auf. Drei Monate, in denen ich zu einem echten Landei geworden bin, wie ich in solchen Momenten merke. Während ich rumstehe und das Glimmen der Terminator-Augen über mich ergehen lasse, sinniere ich, ob es in den vom Campo aus nächstgelegenen Ortschaften überhaupt sowas wie Ampeln gibt. Eigentlich lebt man auf dem Land nur mit Kreiseln.
In Fortuna stehen ein paar elektrische Verkehrsbehinderungseinrichtungen. Da ist schonmal ein Opi im Auto vor mir eingeschlafen und wurde von dem Zebrastreifen-überquerenden Menschen durch Klopfen an die Seitenscheibe wieder geweckt, bevor wir die zweite Grünphase verpassen konnten. Hupt da einer in der Schlange hinten dran? Natürlich nicht. Vielleicht war ich der einzige in der Autoschlange, der das Rotlicht nicht zum Nickerchen nutzte.
In Jumilla und Pinoso fällt mir gar nicht erst eine Ampel ein. Und der Verkehr funktioniert trotzdem.
Aber hier nun in der „Großstadt“ … eine Ampel hinter der nächsten. Stop and Go, ständiges Aufpassen. Ich merke, es wird mir ein paar Tage lang schwerfallen, wieder in den Trubel des Rhein-Main-Gebietes zurückzufinden, wenn ich in einigen Wochen nach Hause fahre.
Mein Gas-Ofen im Bad-Anhänger zickt neuerdings etwas herum. Drücken wir es mal so aus: Die Sicherheits-Abschalt-Steuerung und mein persönliches Wohlbefinden sind etwas unterschiedlicher Meinung, welche Temperatur in einem angenehm geheizten Raum herrschen sollte. Fast drei Monate lang tat das Gerät brav seinen Dienst, neuerdings jedoch macht sich der Ofen einen Spaß daraus, zu warten, bis ich auf dem hölzernen Thron Platz genommen habe, um dann regelmäßig einfach auszugehen. Okay, das hält den Aufenthalt auf dem Örtchen kurz, doch so weit geht mein Verzicht auf Luxus dann doch nicht.
Also habe ich den Ofen am Morgen abgebaut, in den Original-Karton gesteckt, die Quittung aus dem Dezember rausgesucht und will die Gelegenheit heute nutzen, einen Garantiefall geltend zu machen. In Richtung Murcia bin ich ja öfter mal unterwegs, was durch die Autobahn recht bequem zu fahren ist. Elche, die Stadt neben Alicante, in der ich seinerzeit den Ofen gekauft habe, ist zwar kilometermäßig kaum weiter weg, aber nur durch Zuckeln auf der Landstraße zu erreichen. Doch ich muss gestehen, die zu fahrenden Strecken sind schon ein Augenschmaus.
Hatte ich wirklich erwartet, den kaputten Ofen hinzustellen und einen neuen mitzunehmen? Wie naiv von mir. Nein, wenn man einen Artikel einmal benutzt hat, auf dem noch Garantie ist, muss man eine Service-Nummer abrufen und sich mit dem technischen Kundendienst des Herstellers auseinandersetzen, so wurde ich aufgeklärt. Als Baumarkt sei man nach dem Verkauf des Artikels aus dem Rennen.
Vor lauter Frust bin ich nochmal in den Außenverkauf des Baumarkts getrabt, nachdem ich meinen streikenden Ofen wieder ins Auto gepackt hatte. Blumenerde und Zement sind hier teurer, als bei der ohnehin sympathischeren Konkurrenz. Es wird also Zeit, dass ich mal wieder nach Murcia komme. Aber Steine sind hier günstiger. Ist nicht so, dass es mir an Steinen mangeln würde, langsam entwickele ich schon einen Steine-Fetisch. Doch in diesem Falle ging es mir um Hohlblocksteine, aus denen ich einen tischhohen Unterstand basteln kann, in welchem ich meine Stromversorgung unterzubringen gedenke. Auf dass ich irgendwann einmal endlich auf die neue Parzelle umziehen kann.
Bevor ich mich auf den Heimweg machte, legte ich noch einen weiteren Zwischenstopp ein. Doch diesem widme ich den nächsten Newsletter, sonst meckert mein Verwaltungs-Tool wieder, dass meine eMails zu lang ausfallen. Wir Menschen sind ja manchmal sowas von Technik-hörig.
Hier dennoch zum Abschluss eine weitere Impression aus der unmittelbaren Umgebung des Campos. Endlich auch bei einsetzendem Frühlingswetter. Wurde Zeit, dass ich den Schönwetterberichten aus der Heimat mal eine des fernen Südens würdige Antwort entgegensetzen konnte.
Vom Landleben noch lange nicht satt gewordene Grüße
Euer Clark
2 Kommentare
Buenas tardes Clark
Ja, die vernetzte Welt. Die Menschen haben „Freunde“ in Bulgarien, Neuseeland, Island oder sonstwo und sprechen nicht mit ihren Nachbaren. Ich sehe auch niemanden mehr im Wirtshaus Skat spielen. Das wird auch Online durchgeführt. Ich selbst suchte in Darmstadt ein Lokal in dem wir alle 14 Tage skaten wollten. Neun von zehn Betreibern war das nicht recht. Das ist leider die andere Seite.
Auch bin ich voll bei dir beim Thema Rechtsanwalt / Notar / sonstige Serviceleistungen, die man unmöglich selbst regeln kann. Alle lassen dich verhungern. Sehr schön dargestellt von dir dieses Thema.
Demnächst muß ich das gelobte Kinder-Bueno-Eis probieren, obwohl ich kein Eisfreund bin.
Es grüßt
Gilbert Huber
¡Hola Gilbert!
Das Konzept „Straßenecken-Kneipe“ hat leider an Bedeutung verloren. Doch mit Begeisterung habe ich in meiner Heimatstadt Gernsheim bei der Rheinbar feststellen können, dass das Treffen zum gemeinsamen Spielen in der Gastronomie bei den jüngeren Generationen eine Renaissance erlebt. Allerdings hast Du Recht, die Akzeptanz in den klassischerweise rein auf Verzehr von Speisen ausgelegten Restaurants ist für dergleichen eher dünn. Das gilt nicht nur für die Suche nach einem Ort zum Skat-Spielen, sondern auch für beispielsweise politische Stammtische. Gruppen, unter denen sich Personen befinden, die vielleicht nur zwei Gläser Limo trinken und nichts Essen wollen, sind nicht gerne gesehen. Eine echte Marktlücke eigentlich, aber aktuell wohl noch mit zu wenig Nachfrage behaftet.
Hat nichts mit meinem Spanien-Projekt zu tun, aber ich habe das Thema auch anderen Ortes schonmal aufgegriffen, nämlich im Zusammenhang mit Coworking-Spaces. Immer mehr Café-Betreiber mokieren sich über von Computernutzern besetzte Tische und untersagen dies komplett. Klar, auch hier zählt am Ende der Umsatz für den Gastwirt. Rein betriebswirtschaftlich ist die Entscheidung verständlich. Doch auch hier stellt sich die Frage: warum gibt es eigentlich kein Angebot für diese Form der Nutzung? Ich hatte seinerzeit eine diesbezügliche Anfrage an die Betreiber von Loop5, einem Einkaufszentrum bei Darmstadt, gerichtet. Darin stehen unfassbar viele Ladenflächen unvermietet leer. Kann man nicht auf eine der Flächen ein paar Tische stellen, einen Router mit Free WLAN an die Wand schrauben und solchen mobilen Arbeitnehmenden einen Rückzug schaffen? Die machen zwar in der Fastfood-Gastronomie dann vielleicht nicht den absoluten Mega-Umsatz, ja, vielleicht geht einer mehr aufs kostenlose Klo, als dass er zum Betrieb des ganzen Ladens beiträgt. Aber würde nicht auf Dauer die Magnetwirkung der einfachen Nutzung das kompensieren? Immerhin nahm man sich damals seitens der Betreiber die Zeit, mir eine Antwort zukommen zu lassen, wenngleich diese eine strickte Ablehnung solch einer Idee war. Leerstand lässt sich vermutlich steuerlich besser abschreiben. Macht zumindest aber weniger Arbeit.
In Spanien habe ich glücklicherweise noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, wenn ich mich nach dem Essen in einem Restaurant in meiner Tastatur vergraben habe. Allerdings gilt es in der spanischen Gastronomie ohnehin eher als unhöflich, direkt nach dem Espresso die Rechnung zu verlangen und das Weite zu suchen. Ich bin zuversichtlich, dass der Wandel auch in Deutschland irgendwann einsetzen wird.
Viele Grüße
Clark