Ich wollt ich wär‘ ein Huhn …
La Tosquilla bei La Zarza, Jumilla (Murcia)
Nachmittag, 18:00 Uhr, Clark’che Tea-Time. Endlich schönes Wetter, also ab nach draußen. Der kluge Beobachter wird sich fragen, warum ich denn mit dem Rücken zur schönen Aussicht sitze. Der Grund bläst mir ziemlich unangenehm mit 28 km/h ins Genick. Zudem strahlt die Sonne vom Sitzplatz aus gesehen in Blickrichtung vom nur leicht diesigen Abendhimmel. Doch der Hauptgrund ist und bleibt der Wind. Es ist nun mein vierter Aufenthalt hier in Spanien und ich muss leider feststellen, dass diese häufig ins Belästigende aufdrehende Luftbewegung gefühlt immer penetranter wird. Der letzte Restfunken in mir, der noch darauf hofft, dass die unzähligen Klimawandelleugner auf dieser Welt am Ende doch Recht behalten, träumt aber weiterhin davon, dass es sich nur um eine vorübergehende Wettererscheinung handelt.
Nach guten acht Stunden im vor der Sonne schützend abgedunkelten Wohnwagen war es mir jetzt jedoch ein Anliegen, endlich mal wieder nach draußen zu kommen. An einer ausblasgeschützten Stelle habe ich mir meinen Gasgrill angeworfen und ein vorgefertigtes Huhn mit Zwiebeln und Knoblauch verfeinert. Und während der Wartezeit aufs Essen dann genau das wieder gemacht, was mich zur schon drinnen zum Rumsitzen zwang: mein Notebook aufgeklappt. Dabei langsam meinen binnen anderthalb Minuten kalt geblasenen Tee getrunken. Die Kekse hatte ich sicherheitshalber gar nicht erst fürs Foto auf den Tisch gelegt, die hätte es weggeblasen.
Huhn ist aber ein gutes Stichwort. Bevor ich mich heute früh an die erste Buchhaltung setzte, chattete ich kurz mit meiner englischsprachigen Nachbarin. Wie kommt man auf die Idee, sich Hühner als Haustiere zu halten? Bekommt man ein Huhn irgendwie stubenrein? Am liebsten würde ich die Frau mit einem ganzen Katalog an Fragen überfallen. Nur ist die Sprache nicht das einzige Hindernis. Nebenbei gilt es ja für jeden von uns auch noch ein bisschen Alltag zu stemmen. Aber mal von vorne.
Ihr erinnert Euch noch an meinen kurzen Radausflug zum nahegelegenen Wäldchen und meinen Bericht über La Tosquilla? Inzwischen habe ich die Herstellerin des von mir seinerzeit fotografierten Schildes kennengelernt. Nennt mich Sherlock Clark, viele von meinen damaligen Vermutungen erwiesen sich als korrekt. Inklusive meiner Einschätzung, hier eventuell eine Art Gesinnungsgenossen zu finden.
Doch um so etwas herauszubekommen, muss erst einmal der Kontakt hergestellt werden. Wobei, man soll es nicht glauben, ich mich echt schwertat. Ein alter Sack quatscht in einer fremden Sprache zwei junge Frauen an, die außerhalb der Zivilisation an einer Bude herumbasteln. Das gibt den Stoff für einen Thriller ab. Doch ist nicht genau das zu einem unserer zentralen Gesellschaftsprobleme geworden? Diese uns selbst auferlegte, eigentlich vollkommen grundlose Distanz untereinander?
Als ich in einem anderen Jahrtausend mit meiner ersten Lebensgefährtin zusammenzog, entkamen wir beide aus dem Kinderzimmer im Elternhaus. Wir zogen in das ziemlich renovierungsbedürftige Häuschen meiner Großeltern, das in einem kleineren Örtchen etwas abseits des gesellschaftlichen Trubels stand. Inzwischen haben passend zum krankhaften Gewinnstreben längst sämtliche Läden in dem kleinen Ort dichtgemacht, doch damals gab es noch einen Getränkehandel, einen kleinen Supermarkt und zwei Bäckereien.
Wenn wir schon auf dem Land leben, kaufen wir aber auch beim Landwirt ein, war der Ansatz meiner Freundin. Also schnappte sie sich eines Tages ihren Rattankorb und lief zum Bauer um die Ecke. Selbstbedienung war da noch nicht so angesagt, man wurde beraten und versorgt. Auf die Frage nach zehn Eiern nahm sich die Bäuerin eine gebrauchte Schachtel, setzte handgeprüft sorgfältig zehn Eier hinein, schloss den Deckel der Pappschachtel und wandte sich an meine Freundin. Mit verschränkten Armen presste sich die Frau vom Lande die Eierschachtel an die Brust, schaute meine fast einen Kopf größere Freundin von unten an und fragte „wie schreibe Sie sich denn?“
Sprachen zu lernen ist mehr als Worte und Grammatik zu pauken. Vermutlich muss man in deutschen Schulbüchern lange nach einer solchen Satzkonstellation suchen. Das Verb „heißen“ hätte als Antwort den Vornamen angefordert. Mit dem Verb „schreiben“ ist jedoch der Nachname gefragt. Als Zugezogene war der Nachname meiner Freundin unbekannt, aber sie schaltete schnell und ergänzte meinen Namen, von dem schon eine Generation im Ort gelebt hatte. Mit einem zufriedengestellten Nicken händigte die Bäuerin nun die Eier aus. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit waren meine Freundin und ich an diesem Abend Gesprächsthema an zahlreichen Küchentischen im ganzen Ort.
Wann wurde uns „Städtern“ denn irgendwann anerzogen, dass solch eine direkte Kontakteinforderung, wie sie auf dem Lande vollkommen üblich ist, als unhöflich anzusehen sei? Ist das nicht auch so eine der zivilisatorischen Neuerungen, die eher zu einer gesellschaftlichen Verschlechterung geführt hat?
Während meines ersten Aufenthaltes auf dem Campo im vergangenen Sommer hatte ich ja selbst auch schon einen ähnlichen Eindruck. Beim Spazierengehen über die Felder winkten mir die Bewohner – zugegeben, dem Klischee Recht gebend meist eher die älteren Bewohnerinnen – von den Höfen und Weilern freundlich zu. Ich hatte sehr häufig das Gefühl, dass „der Deutsche mit dem Hut“ in recht kurzer Zeit bei jedem Einwohner hier schon irgendwie bekannt war, nur ich selbst noch niemanden kannte. Irgendwann beim Müllwegbringen kam ich an einem Haus vorbei, auf deren Hof eine ältere Frau gerade am Fegen war. Sie wusste, dass ich auf dem Rückweg wieder an ihr vorbeimusste, also platzierte sie sich direkt auf der Straße. Ich musste mich quasi ausweisen, um zurück zu meinem Campo zu kommen. Mangels sprachlicher Möglichkeiten blieb unser Gespräch kurz, doch erneut machte ich die Erfahrung: keine Scheu! Für die Erstkontaktherstellung ist das Ablegen von Zurückhaltung erlaubt.
Ich gab meiner unangebrachten Schüchternheit also einen Schubs und stoppte beim nächsten Vorbeiradeln in La Tosquilla. Und lernte so zwei junge Menschen kennen, die nach einer ewig langen Suche irgendwann am Rande dieser seit Generationen aufgegebenen Ruine vor einem Gebäude standen, ihren Blick über die Landschaft rundherum streifen ließen und exakt wie ich vor zwei Jahren das Gefühl in sich verspürten, „ja, genau das ist es!“
Wobei ich gestehen muss, dass die beiden sich dabei für ein Gebäude in einem Zustand entschieden, von dem ja sogar ich in all meiner mir nachgesagten Verrücktheit die Finger gelassen hätte. Vielleicht habe ich in meinem Leben schon zu viele Häuser saniert, was mich an verschiedene Dinge mit einem etwas anderen Blick auf zu erwartenden Aufwand herangehen lässt.
La Tosquilla mag einmal ein lebendiger Weiler gewesen sein. Die Rückseite des Komplexes zeugt davon, dass manch ein anderer Bauherr sich hier im Laufe vieler Jahrzehnte schon des einen oder anderen Steins bedient hat. Doch wenn man den Blick von den Geröllhaufen abwendet und auf die noch stehenden Mauern richtet, erkennt man, mit welch einer Hartnäckigkeit diese in all der Zeit Wind und Wetter getrotzt haben. Vermutlich tue ich dem Gemäuer Unrecht und es ist gar nicht so morsch, wie es auf den ersten Eindruck wirkt.
Nach einem kurzen Austauschen der Telefonnummern wechseln wir seitdem alle paar Tage ein paar Zeilen, wie oben schon erwähnt. Neben dem Experiment, Ende letzten Jahres mit quasi Null Infrastruktur mitten ins Nichts zu ziehen, gibt es noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen uns, konnte ich dabei erfahren. Während ich mich im schriftlichen Festhalten meiner Gedanken rund um mein Campo-Experiment übe, haben die beiden einen YouTube-Kanal gestartet, in dem sie die ganze Entwicklung der Renovierungsarbeiten festhalten.
Die Erlebnisse von zwei Frauen, einem Hund, drei Katzen und zwei Hühnern, eins davon mit Namen Bonnie. Ein YouTube-Kanal aus meiner direkten Nachbarschaft, den anzusehen sich definitiv lohnt. Erfolge und Rückschläge. Kampf gegen Wind und Wasser. Und vor allem auch ein ewiges Ringen mit konstant nachwachsenden Steinen.
Schaut einfach mal rein, blättert durch die inzwischen schon 21 Videos und lasst den einen oder anderen motivierenden Daumen hoch da …
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