Vom Winterlager zurück in die Sommerresidenz
Auf der Strecke durch drei Länder und zwischen zwei Zuhause.
Man sagt, für den kurzen Wochenendurlaub braucht man im Regelfall genauso viel Gepäck wie für eine dreiwöchige Urlaubsreise. Ich stelle die These in den Raum, dass das bei Halbjahres-Arbeitsplatz-Wechseln genauso gilt: Der Aufwand, mit dem lebens- und arbeitsnotwendigen Hausstand umzuziehen, ist kaum geringer.
Nun hatte ich mir das Prozedere zugegebenermaßen eigentlich auch wesentlich einfacher ausgemalt. Ich habe haufenweise Maler-Filzdecken dabei, damit mache ich einen großen Bereich zwischen meinen Anhängern zum sauberen Ablageplatz, dann räume ich einmal alle relevanten Sachen aus dem Wohnwagen, meinem Badanhänger und der Höhle aus, sortiere sorgfältig und mit Augenmaß, und packe dann ordentliche Häufchen zum Mitnehmen und zum Wieder-Einräumen in die Schränke zum spanischen Verbleib.
Wieder einmal habe ich jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht, an diesem Wochenende in Persona des Wettergottes. In dem Land, von dem ich irgendwann einmal behauptet hatte, dass es hier niemals regnet, strahlte bis Donnerstag die Sonne vom Himmel. Ja, selbst während ich Freitagvormittag in meiner wöchentlichen Telefonkonferenz saß, lugte noch ab und an der orangene Ball durch die inzwischen aufgezogenen Wolken. Doch pünktlich zum Freitagnachmittag setzte der Regen ein. Und wie es bei ungebetenen Gästen so Usus ist, er wollte einfach nicht mehr gehen.
Mähähä, klingelklingel, mähähä, so drang es wieder einmal vom Campo hoch. Es gibt auch noch andere Menschen, die sich die Wetterlage nicht aussuchen können, zu der sie draußen arbeiten müssen. Also gab ich irgendwann das Fluchen auf und machte mich ans Werk. Die Camping- und Zelt-Urlauber kennen das Problem mit Sicherheit. Man legt einen Koffer aufs Bett. Macht einen Schrank auf und sortiert Wäsche. Zum Zusammenlegen braucht man Platz, also klappt man den Koffer zu und stellt ihn in den schmalen Gang. Irgendwann hat man zahlreiche Wäschestäpelchen auf dem Bett und Durst. Doch zur Küche kommt man nicht, weil der Koffer im Weg ist und den Koffer zum Packen wieder aufs Bett legen kann man auch nicht, weil da liegen ja die Wäschestapel. Und während man versucht, sich gelenkig über den Koffer hinweg zur rettenden Wasserflasche zu bewegen, reißt man noch die Kiste mit den vorher schon irgendwann gepackten Computersachen vom Sideboard, deren Inhalt sich auf dem für solche Ungeschicke dann gefühlt schon wieder fußballfeldgroßen Raum unter den Sitzbänken und sonst wo verteilt. Bei mir waren es keine Koffer, sondern Klarsichtboxen von Ikea, aber das ändert nichts am Prinzip. Ich komme mit dem Leben im Wohnwagen prächtig klar. Aber für manche Anforderungen des Alltags brauche ich halt eben doch zwingend den Platz draußen als Ergänzung. Warum muss es denn ausgerechnet heute regnen?!
„Du bist doch nicht aus Zucker“, so pflegte meine Großmutter immer zu schimpfen, wenn ich mich als Kind zierte, bei Regen nach draußen zu gehen. Die Lebenserfahrung von heute hätte ich in den Gesprächen von damals gebraucht. Klar, ich als menschlicher Körper bin wasserfest, wenngleich man doch selbst bei den angenehmeren spanischen Temperaturen irgendwann in nassen Kleidern zu frieren beginnt. Doch es geht ja weniger um mich, als um die Dinge, die es hin und her zu tragen gilt. Ich weiß nicht, wie oft an dem Tag ich den Tisch vorm Wohnwagen trockengewischt habe, um mir nicht Sachen von unten nass zu machen, die ich kurz drauf auf den Beifahrersitz stellen wollte. Dass ich mir mit jedem Rein und Raus trotz fehlendem Profil an meinen Hausschuhen Berge von nassem Dreck in die Teppiche drinnen eingearbeitet habe, braucht auch nicht separat erwähnt zu werden.
Um die Geschichte abzukürzen: Die Grundlage war geschaffen, dass ich nicht nur mit Sicherheit irgendwelche wesentlichen Dinge zu packen vergesse, sondern auch meine Laune irgendwo jenseits des Gefrierpunktes rangierte. Und ich startete in dieses Wochenende ja insgesamt schon nicht mit Vorfreude, denn eigentlich wollte ich doch immer noch gar nicht von hier weg.
Mein Auto war überzogen von Gewitterwürmchen. Heute habe ich mir diese winzigen Fransenflügler mal genauer angesehen. Also nicht die Tiere, auch wenn ich sicher bin, dass ich durch mein vieles Ans-Auto-Lehnen ausreichend Exemplare an mir hängen habe. Nein, angesehen habe ich mir den Stand des Wissens der Menschen um diese Lebewesen. Dabei bin ich erstmals über den Begriff „Flug-Plankton“ gestolpert. Insekten, die so leicht sind, dass sie undenkbare Höhen erreichen und vom Wind auf alle Kontinente verteilt werden. Interessant auch: Trotz ihrer winzigen Größe sind unter den hunderten Arten einige, die es schaffen, in die menschliche Haut zu beißen und mit ihrem Speichel für Juckreiz zu sorgen, der dem eines Mückenstichs kaum nachsteht. Seitdem ich mir dieses Wissen angeeignet habe, juckt es mich überall. Noch mehr unnützes Wissen gefällig? Es gibt bei den von den Wetterbedingungen zu Boden geworfenen Insekten zwar Männlein und Weiblein, doch wir Stammhalter haben weniger zu melden, denn die Vermehrung erfolgt auch durch Jungfernzeugung.
Während die Tropfen auf mein Blechdach prasselten, habe ich die Gelegenheit aber nicht nur zum Recherchieren genutzt, sondern auch ein Nickerchen nach dem nächsten eingelegt, denn vor mir standen ja doch einige Stunden Fahrtzeit, in denen Müdigkeit eine ganz schlechte Eigenschaft darstellt.
Wohl wissend, dass dieser Tag irgendwann kommen wird, habe ich meine Badezimmer-Schränkchen von Beginn an nicht nur mit Rädern versehen, sondern auch noch extra-massiv verschraubt, damit ich sie auch auf schwerem Untergrund bewegt bekomme. Doch es handelt sich um ausrangierte Küchenmöbel, die niemals für mobilen Einsatz gedacht waren. Sprich, die Teile wiegen leer schon Tonnen. Die Regenpausen nutzte ich also für ein Fitness-Programm, das mich ebenfalls zu einem klatschnassen T-Shirt brachte. Schweiß statt Regenwasser. Irgendwas ist halt immer.
Dann war es so weit, in den Anhänger kam mein Drahtesel als würdiger Pferde-Ersatz. In Clarkcher Manier extragut vertaut. Der Hänger hat keine Schlösser, doch sollte sich wirklich ein Dieb während meiner Pausen daran versuchen wollen, wird er an meinen Knoten verzweifeln. Die kriege ich selbst ja kaum mehr auf. Wie soll das ein anderer schaffen?
Der nächste abzubauende Punkt war nicht weniger schweißtreibend. Da ich meine Powerstation mit nach Deutschland nehme, brauchen die Solarpaneele nicht mehr draußen zu liegen. Nur sind die Teile nicht wirklich handlich. Dass es während meiner Arbeit an den Teilen schon wieder anfing zu regnen, erleichterte mir die Arbeit auch nicht gerade.
Mein Pferdeanhänger hat keine Boden-Ösen zum Festzurren von irgendwas. Pferde werden selten am Boden verspannt. Bedeutet, alles, was ich in den Hänger stelle, fliegt da drin während der Fahrt wild hin und her. Daher habe ich im Anhänger nur meine mitzunehmenden Pflanzen und einige Kartons und etwas Werkzeug so rund um mein Fahrrad auf dem Boden verteilt, dass sich alles ein bisschen gegenseitig an Ort und Stelle halten sollte.
Alles andere habe ich als erfahrener Tetris-Spieler auf der Ladefläche meines Autos verstaut. Schmutzwäsche und Schuhe wurden so in die Lücken gestopft, dass sich auch hier nichts mehr bewegen konnte. Perfekte Raumnutzung, ich war richtig stolz auf mein Werk.
Ein letzter Gang auf die entgegen meiner Ursprungsplanung niemals fertiggestellte neue Parzelle. Wegbringen des letzten Kompostbeutelchens und dem Kiri-Baum Lebewohl sagen. Er muss ab jetzt alleine klarkommen. Keiner mehr da, der alle zwei Tage Wasser in den Schlauch gießt, um die Wurzeln zum Wachsen zu animieren. Ich bin gespannt, in welchem Zustand ich den Baum erlebe, wenn ich das nächste Mal wiederkomme.
Dann war ich startklar. Die Sonne war inzwischen schon fast verschwunden. Die ganze Packerei hatte mich inklusive der furchtbar vielen Regenschutz-Pausen weit mehr Stunden gekostet als geplant. Aber jetzt! Reinsetzen, 4-Rad-Antrieb zuschalten und ab geht es, die Einfahrt hoch.
Der starke Diesel hätte keinerlei Probleme damit, den Anhänger mitsamt zwei Pferden darin die Steigung hochzuziehen. Nur mit dem Fahrrad und den paar Bierdosen mit Feigenbaum-Stecklingen darinnen sollte das Auto den Anhänger gar nicht spüren. Doch man merkte dem Wagen eine enorme Anstrengung an. Der Hänger verweigerte die Zusammenarbeit.
Also ließ ich mich rückwärts wieder runter rollen. Was nicht einmal bis zur Ausgangsposition gelang. Denn „Rollen“ war nicht drin. Ein Gang um mein Gespann herum zeigte mir die Ursache: Auf der Beifahrerseite saßen beide Bremsen fest.
Ich hoffte auf Selbstheilung, zerrte den Anhänger einige Male mit Gewalt die Einfahrt hoch und ließ ihn zurückrollen. Schob ihn auch mal ein Stück mit Druck nach hinten. Irgendwann löste sich das hintere Rad. Doch das vordere blockierte weiter. Ich klemmte Wäscheklammern in die Felge, um sehen zu können, welches Rad sich dreht.
Klopfen gegen das Rad, Zerren am Bremsseil, tausendmal Öffnen und Schließen der Bremse und nochmal und nochmal einen Versuch, die Bremse durch Bewegen des Anhängers mit dem Auto gelöst zu bekommen. Keine Chance. Das Rad saß fest.
Was nun? Inzwischen dunkle Nacht. Meine Laune nach dem Tag ohnehin im Allerwertesten. Und jetzt noch das. Kein Gas und kein Strom mehr im Wohnwagen. Nicht mal mehr ein nutzbares Klo. Es würde mich Stunden kosten, all mein Abbauen rückgängig zu machen, um noch ein paar Tage hier zu bleiben, damit ich am Montag Kontakt mit einer spanischen Werkstatt aufnehmen könnte. Doch was dann? Am langen Mai-Wochenende einen erneuten Aufbruch wagen, wohl wissend, dass dann schon meine zahlreichen Kundenarbeiten für die Monats- und Quartalsabschlüsse vorliegen und mir drei, vier Tage abseits eines PCs richtig weh tun werden? Noch später fahren? Dann gerate ich langsam wirklich mit meinen nächsten anstehenden Terminen in Deutschland in Probleme. Vor allem aber verlangt ja mein langsam klapprig werdender Körper nach der Konsultation eines Arztes, letztendlich war das der wesentliche Punkt für meine aktuelle Abfahrtsterminfestlegung.
Nein, ich musste heute fahren. Warum agiert man eigentlich noch mit irgendwelchen Plänen, wenn man am Ende doch immer wieder auf Ausweichlösungen zurückgreifen muss? Sollte man vielleicht am besten den Plan A von vorneherein in die Tonne werfen und immer gleich mit Plan B starten? Lag darin das Geheimnis für ein erfülltes Leben, nach dem ich bislang erfolglos suchte? Keine Zeit zum Philosophieren. Ich machte mein Tetris-Projekt auf der Ladefläche in Teilen rückgängig, traf zahlreiche Spontanentscheidungen, was es zurückzulassen gilt, darunter auch mein Fahrrad, und redete mir unentwegt ein, dass dies nun ein Hinweis darauf sein sollte, einfach früher als geplant wieder nach Spanien zurückzukommen. Nur dann halt eben auch mit weniger Sachen als geplant, denn meine Ladekapazität fehlt ja dann auch.
Katzen haben ein Gespür dafür, wann Menschen Heilung brauchen, ist auch so eine wissenschaftlich vermutlich eher nur dünn belegte Hypothese. Irgendwie meinte es der Campo-Gato an diesem Abend jedoch besonders gut und lief mir ständig über die Füße. Selbst das Aufheulen meines Motors bei den Rangieraktionen störte den Kater kein bisschen. Doch so sehr es mich auch lockte, mich einfach hinzusetzen und zu schauen, ob sich ein schnurrendes rotes Bündel auf meinem Schoß breit machen würde, trieb ich mich mit einem Blick auf die Uhr dazu an, bei der Arbeit zu bleiben. Rumsitzen konnte ich in den kommenden 24 Stunden noch genug. Wenn auch ohne Katze. Die sehe ich erst irgendwann in vielen Monaten wieder.
Viertel nach elf in der Nacht. Annähernd zwölf Stunden hinterm Zeitplan, dazu ohne Anhänger und weit mehr ausgepowert, als es mir für den langen Ritt lieb war, hängte ich nun endlich die Kette an der Einfahrt zum letzten Mal während dieses Aufenthaltes wieder in ihr Schloss.
Sonntag um viertel nach vier am Nachmittag könnte ich zuhause sein, meinte das Navi. Im Geiste packte ich da mal noch sechs bis acht Stunden für Pausen, Tanken und Staus obendrauf. Gute Ankunftszeit, um noch gepflegt ins Bett zu gehen, wenn schon das Ausladen da nicht mehr klappen wird.
Noch ein Zwischenstopp an den Müllcontainern, um meinen Beutel mit Restmüll zu entsorgen. Gelber Sack und Altglas habe ich in der Höhle zurückgelassen. Transportkapazität war ja nun ein rares Gut.
Normalerweise rolle ich ja abgesehen von einem Tankstopp erst einmal bis nach Frankreich durch und suche mir dort einen der meist recht attraktiven Rastplätze. Doch wie manch ein Medizinmann ja nicht müde wird aufzuklären, ist es unmöglich, Schlaf vorzuholen. Man kann ihn nur nachholen. Und den positiven Effekt meiner diversen Nickerchen über den Tag hinweg hatte ich mit meiner nächtlichen Umpack-Aktion komplett verbraucht. Kurzum, nach 360 Kilometern, also noch weit vor Barcelona, musste ich einsehen, dass es Zeit für die Nachtruhe wird.
Ein fast leerer Parkplatz. Lehne zurück, Decke über die Beine, Nackenhörnchen um den Hals, Mütze über die Augen und schon war ich tief und fest eingeschlafen. Bis ich gegen halb sechs geweckt wurde. Wie auf allen Autobahnparkplätzen tuckerten irgendwo um mich herum die Dieselmotoren von stehenden Lkws. Doch selbst der Verkehr auf der nur wenige Meter entfernt liegenden Autobahn ging in einer anderen Geräuschkulisse unter. Vogelgezwitscher. Dem Krach nach viele hundert Vögel, die sich da beste Mühe gaben, in den Baumwipfeln um die Wette zu twittern. Ein durchaus angenehmes Wecksignal, gebe ich zu. Aber trotz des schönen Sounds war mir die Kulisse des Parkplatzes ansonsten fürs Frühstück etwas zu unwirtlich. Außerdem … Frühstücken noch vor sechs Uhr am Morgen? Mein Magen wüsste zu dieser Uhrzeit mit Nahrungsmitteln doch noch gar nichts anzufangen. Also ab hinters Steuer, kurzer Halt an der Zapfsäule, wenn ich schon mal da bin, und weiter auf die Autobahn gen Norden.
So ein Sonnenaufgang hat ja schon was, muss ich bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen ich ihn zu Gesicht bekomme, ja neidlos zugeben. Aber extra nur dafür früher aufstehen? Nee, so weit geht die Liebe dann doch nicht. Die Sonne scheint später auch noch. Übrigens: Für den heutigen Sonntag war nun auch über meinem Campo wieder strahlender Sonnenschein angesagt. Ich habe mir treffsicher als Packtage die ganz wenigen Regenzeiten ausgedeutet.
Etwas später ein Versuch, das spanische Mittelmeer durchs Beifahrerfenster zu fotografieren. Doch die beste Stelle dafür habe ich verpasst. Irgendwo da hinter dem ganzen Grün schimmert herrliches Blau.
Um halb zehn meldete sich mein Magen dann doch langsam mit einer Auffüllungserwartungsmeldung. Kleine Parkplätze hat es alle paar Kilometer, also habe ich den Blinker gesetzt und mich unter den riesigen Hinweistafeln breit gemacht, auf denen in vier Sprachen darauf hingewiesen wird, dass es in ein paar Kilometern Entfernung auf der nächstgelegenen Raststätte doch viel bequemer wäre. Dieser Parkplatz diene nur dem kurzen Aufenthalt.
Um seinen Müll in die Landschaft zu werfen, reicht auch der kürzeste Stopp, daher hat man vor die anderen Schilder noch einen großen Hinweis gebaut, der auf die Nutzung der überall vorhandenen Abfalleimer hinweist. Direkt davor auf dem Boden eine aufgerissene Präservativpackung, etwas weiter dahinter das entrollte Verhüterli und ein Taschentuch. Meinen die Spanier das mit einem „kurzen Aufenthalt“? Eindeutig hatte hier eine Umweltsau in der Nacht zuvor eine schöne Zeit.
Doch jetzt hatte ich den ganzen Parkplatz für mich alleine. Sitzgelegenheiten brauchte ich keine, war im Gegenteil ganz froh, mal stehen zu können. Denn nun fing auch mein Genick an, seine Anwesenheit zu signalisieren. Gesundheit definiert man als Abwesenheit von Krankheit. Als Scherz formuliert kennt das jeder: Wer meint, gesund zu sein, wurde nur noch nicht ausreichend genug untersucht.
Fakt ist aber auf jeden Fall, dass man sich selbst meist dann als gesund bezeichnet, wenn der eigene Körper schlichtweg ohne irgendwelche Rückmeldungen seinen Dienst tut. Doch irgendwann stellt sich bei jedem der Zustand ein, dass der Bauch zwickt, die Gelenke knacken, das Adlerauge schwächelt und die täglich einzuwerfende Pillenmenge schon als zweite Mahlzeit durchgeht.
Aber wenn ich schon 4kW/h Speicherkapazität mit dabei hat, kann ich mir auch mal über das Kaffeewasser hinaus noch eine Wärmflasche fürs Genick füllen. Eine Tätigkeit, die ich auf der weiteren Strecke noch mehrere Male wiederholt habe, um das Aufziehen von Kopfschmerzen zu verlangsamen.
Nach dem Blick auf meine für Langstreckenfahrten mit allem unterwegs greifbaren Zeugs ausgestatteten Beifahrersitz hier noch eine Ansicht meines Frühstückstisches. In der Thermoskanne hatte ich mir vorgewärmtes Wasser mitgenommen, um auch ohne Wasserkocher mal schnell einen Instantkaffee anzurühren. Doch was habe ich natürlich in all dem Packstress vergessen mit auf die Reise zu nehmen? Genau: eine Tasse. Also Wasser zur Hälfte wegschütten und den Kaffee direkt in der Thermoskanne machen. Schnute verbrennen beim Trinken anschließend garantiert.
Zurück auf die Straße. Porta Catalana. Nun verlasse ich dann Spanien und wechsele ins schöne Frankreich über. Von dem ich mir schon so oft vorgenommen habe, mal die Mautstrecke zu meiden und stattdessen über die Landstraßen zu zuckeln. Irgendwann, irgendwann werde ich das auch mal machen.
Das französische Mittelmeer versteckt sich nicht hinter Bäumen, sondern reicht regelrecht bis zur Straße heran. Da klappt auch das Fotografieren besser.
Ansonsten Straße und Straße und Straße. Anbetracht des Weltgeschehens war mir irgendwie nicht nach einem Hörbuch über reale Sachverhalte. Seit einiger Zeit folge ich den Reels von Ashley Ottesen. Als Schauspielerin ist mir die Frau mangels ausreichendem Filmkonsum völlig unbekannt, aber ihre kurzen Parodien über die himmlische Eingangspforte bringen mich immer mal wieder zum Schmunzeln. Zudem verschlingt die Frau Bücher ohne Ende und gibt entsprechende Empfehlungen ab. Eine davon war die „Throne of Glass“-Reihe. Eine Fantasy-Geschichte mit einer leicht arroganten Assassine als Protagonistin. Die erste Stunde der Geschichte im ersten Buch erforderte schon ein bisschen Durchhaltevermögen. Es dauert ein wenig, bis man sich in die sympathische Seite der jungen Berufsmörderin eingefunden hat. Was aber vielleicht auch daran liegt, dass meine persönliche Messlatte hier enorm hoch liegt. Als Referenzwerk gilt es den Weitseher-Zyklus von Robin Hobb zu schlagen. Das gelingt dem gläsernen Thron definitiv nicht.
Doch versunken in die Geschichte schmolzen die Kilometer unter den Reifen dahin. Und die von mir schon so oft gelobte Kombination aus Geschwindigkeitsbegrenzung mit mautbedingt geringer Verkehrsbelastung machen auch das Einschalten des Tempomats und einfaches Rollenlassen leicht.
Diese Art des Autofahrens liebe ich einfach. In solchen Momenten kann ich Trucker-Fahrer verstehen, die ihren Job gerne ausüben. Vor allem auf anderthalbtausend Kilometern keine einzige Baustelle. Hach, das Leben ist schön.
Irgendwann wird es Zeit fürs Mittagessen. Ich erwischte eine Raststätte, an der richtig was los war. Ein richtiger Menschenauflauf drinnen wie draußen. Und das bei nur halb vollem Parkplatz. Man rechnet hier also ab und zu mit noch größerem Andrang.
In den von mir besuchten Innenstädten habe ich schon öfter die Elektro-Ladestellen fotografiert. So kommt nun auch dieses Bild hier in meine ständig wachsende Sammlung. So kann man den Ausbau der Ladeinfrastruktur auch umsetzen, statt denn ein einsames, ewig kaputtes Säulchen hinterm Klo an der dunkelsten Stelle eines Rastplatzes zu positionieren, wie es in Deutschland leider immer noch Usus ist. Okay, hier in Frankreich handelt es sich überwiegend um Atomstrom. So hat jedes Land noch anzugehende Baustellen vor der Nase.
Meine eigene Baustelle war leichter zu lösen. In der Kinderecke auf einem für mich viel zu niedrigen Hocker bekam ich noch ein Plätzchen, nachdem ich meinen Versuch, in dem riesigen Außenbereich einen Sitzplatz zu ergattern, aufgegeben hatte. Sind in Frankreich gerade Ferien? Wo kommen denn nur all die vielen Menschen her?
Da war ich fast schon froh, als ich wieder alleine im Auto saß und den blauen Himmel über der grünen Landschaft genießen durfte. Landschaftlich ist Frankreich definitiv eine besuchenswerte Perle. Nur nicht mit Wohnwagen oder Wohnmobil in den von Langfingern überbevölkerten Touristengegenden, wie man leider immer mehr zu lesen und hören bekommt. Und wie ich es beim Transfer meines eigenen Wohnwagens letztes Jahr ja am eigenen Leibe zu spüren bekam.
Irgendwann muss ich aus der Reise mal einen Urlaub machen. Statt am Stück die Strecke durchzuprügeln, einfach mal Zeit haben und über die Dörfer tuckern. Irgendwann.
So Pi mal Daumen in der Mitte meiner Transitstrecke durch Frankreich muss ich einmal den Großraum von Lyon durchqueren. Selbiger nicht Maut-beaufschlagt ist. Bedeutet für uns ungeübten Deutschen immer einen Stressmoment an den Mautstationen. Wann kriegt man nur ein Ticket und wann muss man zahlen? Kommt man mit dem Auto nah genug an den Automaten? Weil Tür aufmachen geht in der Enge nicht mehr. Doch die vielen Lackreste auf den Schutzstangen vor den Automaten erzählen Geschichten über Autofahrer, die es beim dicht ranfahren übertrieben haben. Und nach dem Zahlen, bleibt der Schlagbaum oben, bis ich meinen Geldbeutel verstaut habe? Wird der Fahrer im Auto hinter mir schon langsam ungeduldig? Mautstationen sind ein Temperamentstest, das steht fest. Man merkt es auf den riesigen Wiedereinfädelungsflächen nach den Automatenreihen. Von links und rechts wird man überholt, während man selbst noch nach Orientierung sucht. Andere Länder, andere Sitten der Energieverschwendung.
Ich begleite im Geiste meine Assassine, während sie sich durch den Wüstenpalast metzelt, um die Freundin zu stellen, von der sie verraten wurde. Währenddessen rollt mein Auto durch die ganz und gar nicht wüstige Gegend. Ab und an kehrt mein Kopf hinters Steuer zurück und grübelt kurz über die Unterschiede zwischen den in Deutschland als Abstandmarkierung genutzten Leitpfosten am Straßenrand versus den hier im Süden üblichen Unterbrechungen in der durchgezogenen Seitenlinie. Klar, die Pfosten bleiben im Winter bei Schnee länger sichtbar. Doch das ist im warmen Süden kein ernstzunehmendes Problem. Dafür kann man über auf den Boden gepinselte Striche leichter drüber mähen. Es ist wie immer: Der Gedanke, es gäbe für jede Herausforderung eine einzige, rundherum perfekte Lösung, ist ein Irrglaube. Und so fallen meine Sinne zurück nach Erilea, wo gerade zwei Liebende sich enorm schwertun, zueinander zu finden.
Man hört es immer wieder, dass auch das Lauschen eines Hörbuchs die Konzentration beim Fahren beeinträchtigt. Ich will dem in keinster Weise entgegen argumentieren. Nur habe ich im Laufe meines Lebens doch schon ein paar Tage Fahrpraxis, aufgrund derer ich behaupte, dass manche Abläufe beim Fahren mehr instinktiv als denn konzentrationsbewusst erfolgen. So auch das regelmäßige Schielen aufs Display meines als Navi dienenden Handys. Doch wenn dieses mir mitteilt, ich solle der aktuellen Autobahn nun 368 Kilometer folgen, schalte ich schon mal zur Schonung des Gerätes das Display ab. Verträumt, wie ich nun in meiner Romanhandlung war, habe ich jedoch nicht mitbekommen, dass auch solche 368 km irgendwann einmal geschafft sind. Und bin glatt an dem Autobahnkreuz vorbeigerollt, an dem ich hätte abfahren sollen.
Nun, so durfte ich auch mal die kleinere Variante der Mautstationen kennenlernen. Denn die einzige Möglichkeit, in die Gegenrichtung zu fahren, ist es, die Autobahn zu verlassen.
26 Kilometer Umweg. Nach meinen Nackenwärmflasche-Aufwärmstopps zwischendurch rechne ich schon gar nicht mehr in der Einheit „Zeitverlust“.
Etwas über 400 Kilometer noch bis nach Hause. Ein letzter kurzer Stopp zum Dehnen meiner verspannten Muskulatur, nochmal die Wärmflasche auffüllen, dann reite ich den Rest runter. So war mein Plan, als ich an diesem Parkplatz abfuhr, da mir mein Schädel inzwischen schon ziemlich übel wummerte.
Weder das warme Wasser im Genick noch die paar Schritte an der frischen Luft halfen wirklich. Ich bin zwar wieder auf die Autobahn aufgefahren und hätte gerne noch das restliche Tageslicht genutzt. Aber wenn die Kopfschmerzen irgendwann einen Zustand erreichen, in denen sie die Sehfähigkeit beeinträchtigen, sollte man die Vernunft walten lassen. Vorbei sind die Tage des unkaputtbaren jungen Hüpfers; ich muss lernen, mich den Forderungen meines Körpers zu stellen.
So bin ich bei dem übernächsten Parkplatz einfach wieder abgefahren und habe mich nach dem Einwerfen einer Paracetamol trotz des zum Greifen nahe liegenden Ziels erneut in den Schlaf fallen lassen.
Ein enorm erholsamer Schlaf, wie ich feststellen durfte. Nicht nur war ich binnen Sekunden wie ausgeknipst im Reich der Träume. Als ich um halb eins in der Nacht wieder wach wurde, fühlte ich mich richtig erholt und ausgeruht.
Eine Stunde später rollte ich an den Schildern „Polizeikontrolle“ vorbei, was mir schon aufgrund der Sprache mitteilte, dass es nun galt, den Rhein zu überqueren. Ein halbes Dutzend hell erleuchteter mobiler Untersuchungspavillons hat die Grenzpolizei hier aufgebaut. Die ihren Nachtdienst ableistenden Zollbeamten zeigten an mir jedoch keinerlei Interesse. Ich hätte auch wahrlich wenig Lust gehabt, nach diesem Tag jetzt mein Auto einmal zur Untersuchung komplett aus- und wieder einzuräumen. Als mein Vater sich eine Polin für die Rolle der Stiefmutter aussuchte, war das Ende der deutsch-deutschen Trennung noch lange nicht abzusehen. Wie oft stand ich als Junge frierend dabei, während die ostdeutschen Grenzer meinen Vater sogar die Rückbank und die Innenverkleidung des Kofferraums haben ausbauen lassen. Was ist mit der Menschheit schiefgelaufen, dass wir anfangen, solche Zeiten erneut herbeizuführen?
Bei Neuenburg rollte ich schließlich auf die heimische A5, keine 40 Kilometer später durch die erste Großbaustelle. Ich habe sie nicht vermisst. Dank der unchristlichen Uhrzeit gelang es mir aber tatsächlich, komplett staufrei nach Hause zu kommen.
Da ist man kaum mal fünf Monate weg und schon steht auf meinem Stammplatz ein anderes Auto. Wird Zeit, dass ich hier in Gernsheim wieder Präsenz zeige, so scheint es. Für die restliche Nacht parkte ich einfach an anderer Stelle. Wobei „Nacht“ vielleicht der falsche Begriff ist. In zahlreichen Fenstern gehen langsam die Lichter wieder an. Sogar ein eifriger Jogger lief an mir vorbei, während ich in den Untiefen meines Rucksacks nach dem ewig nicht mehr gebrauchten Haustürschlüssel suchte.
Mag sein, dass es fünf Uhr am Morgen ist. Mag sein, dass es Montag ist. Mag sein, dass andere jetzt ans Aufstehen und Arbeiten Gehen denken. Mir war das nach der Fahrt ziemlich wurscht. Ich habe nicht viel mit in die Wohnung genommen. Zahnbürste war wichtig.
Aber ein Absacker-Gläschen war nach diesem Trip irgendwie noch wichtiger.
Zwischen den beiden Destinationen liegt doch enorm viel Strecke. Landschaftlich schöne Strecke, ja. Aber auch anstrengend lang zu fahrende Strecke. Schon gar, wenn die Vorbereitungen nicht ganz nach Plan laufen. Aber würde mich das Abhalten, die Fahrt erneut in Angriff zu nehmen? Definitiv nein.
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