Last Minute Shopping – Erinnerungen an die Vergesslichkeit
24.04.2026 im Rückblick: Innenstadt von Fortuna (Murcia)
Immer mal wieder bekomme ich vorgeworfen, ich würde zu weit ausholen. Wenn ich die teils als langweilig empfundenen Hintergrundinformationen in meinen Newslettern weglassen würde, käme ich mit einem Drittel an Text aus, was viel leichter zu lesen wäre, so der generelle Tenor. Argumentativ drehe ich den Spieß dann häufig gerne um und verweise auf das Credo meiner philosution-Idee: „Nichts ist wirklich neu, alles war schon einmal da“. Daher ja der Ansatz, dass in der Philosophie die Solution zu finden ist.
Ich gebe zu, Kurzfassen ist nicht meine Kernkompetenz. Und diesen „Mangel“ habe ich nicht nur beim Generieren von Output, sondern auch beim Sammeln von Input. In meiner Jugend habe ich mich gerne in einem simplen Universallexikon verloren, indem ich ein Schlagwort nach dem nächsten vollkommen themenübergreifend nachschlug. Einen erheblichen Teil meines neben der Schule mühsam hinzuverdienten Geldes habe ich damals verwendet, um zu den Ersten zu gehören, die „Microsoft Encarta“, die erste multimediale Enzyklopädie auf einer CD ROM ihr eigen nannten. Nicht mehr mühsames Blättern, sondern ein Klick und schon war man beim nächsten Thema, manchmal mit kurzem Video. Das ganze Wissen der damaligen Menschheit auf einem silbernen Scheibchen. Heute wissen viele schon gar nicht mehr, was eine CD ROM sein soll.
Ab und zu erliege ich aber noch immer diesem Informations-Wissensdurst. Stöbern in vollkommen nutzlosem Wissen, nur damit es vielleicht irgendwann doch nützlich sein könnte. Auch wenn ich es bis dahin meistens längst wieder vergessen habe.
So kam ich heute beispielsweise auch mal wieder mit Shakespeares Drama Hamlet in Kontakt. „Sein oder nicht sein“ kennt ja jeder. Doch auch weniger an Literatur des 15ten Jahrhunderts interessierte Menschen kennen vielleicht den Ausspruch „Wankelmut, Dein Name ist Weib“. An diese von meinem Vater während manch einer familieninternen Entscheidungsfindung gerne mal ausgerufenen Worte musste ich denken, als ich in der römischen Mythologie nach der Schicksalsgöttin recherchierte, welche in ihrer Gabenverteilung ohne Rücksicht auf Rang und Namen der Beglückten eben ziemlich wankelmütig aus ihrem Füllhorn die Schicksalsschläge verteilte. Sie gehörte zu den wenigen Gottheiten, die es – selbstverständlich degradiert zur simplen Dienerin – auch in den christlichen Glauben schafften.
Eine Hälfte des Schicksals ist das Glück. Statt sich auf Leistung und Können zu berufen, greifen auch ein paar Fußballvereine auf den Namen dieser Göttin zurück. Für mich als in Fußballdingen vollkommen unbewanderten Menschen überraschend zu sehen, dass ausgerechnet sowohl in Köln als auch in Düsseldorf die professionellen Kicker sich auf göttliches Glück berufen, wo doch ansonsten die beiden Orte eine mit dem Offenbach-Frankfurter-Verhältnis vergleichbare Hassliebe verbindet.
Aber „Orte“ ist dann auch eine gute Überleitung, denn nach der wieder einmal recht lang ausgefallenen Einleitung will ich auf das eigentliche Thema zu sprechen kommen – den Erinnerungen an meinen letzten Ausflug in eine Stadt vor meiner Abfahrt Ende April: die Stadt Fortuna im Südosten Spaniens, ziemlich genau in der Mitte zwischen meinem Campo und der Stadt Murcia gelegen.
Wie ja schon in meiner Abreisebeschreibung berichtet, waren die letzten Tage meines Aufenthaltes im Land, in dem es niemals regnet, von einer ziemlich dicken Wolkendecke und reichlich beim Packen störenden Regen geprägt. Die Natur wandelte das begehrte Nass umgehend in ein sattes Grün um, welches dann doch verhinderte, dass in mir gar so viel Missmut aufkommen konnte. Dafür bin ich einfach viel zu gerne auf diesen Straßen bei diesem Anblick unterwegs.
Natürlich ist es nicht so, dass der Mensch nicht doch auch in dieser Gegend der Natur seinen Stempel aufdrückt. Alle paar Kilometer kommt man an mal größeren, mal kleineren Steinbrüchen vorbei. So wie man in Deutschland die als „Merkel-Lego“ verunglimpften großen Betonquader überall vorfindet, sind es hier die kleinwagengroßen Sandsteinblöcke, die allerorten gestapelt herumstehen.
Mann, Mann, Mann. Bei dem Wetter jagt man keinen Hund vor die Haustür, wie man so schön sagt. Doch der Clark muss unbedingt durch die Serpentinen cruisen. Wie kam es denn eigentlich dazu? Nun, die Antwort ist einfach gegeben: durch mangelndes Mitdenken während der vorausgegangenen Monate. Wer nicht kommt zur rechten Zeit, muss nehmen was übrig bleibt. Während langer Autofahrten fallen einem zahlreiche Redewendungen und Sprüche ein, mit denen man sich selbst kasteien kann.
Seinen Anfang genommen hatte es Anfang des Jahres in einer Telefonkonferenz mit einer Mitarbeiterin. Die Frau ist starke Raucherin und erinnerte sich daran, während ihres letzten Urlaubes in Spanien günstige Zigaretten gekauft zu haben. Entsprechend fragte sie mich, ob ich ihr zwei Stangen mitbringen könne, wenn ich wieder nach Hause komme. Als sie den Namen der von ihr präferierten Sorte nannte, kamen wir auf die Sprachentwicklung zu sprechen. Während im lateinischen Original „Fortuna“ noch vornehmlich für das „Schicksal“, also für Glück und Pech gleichermaßen stand, haben die Spanier wie auch die Italiener diesen Begriff rein aufs Positive reduziert.
Jetzt könnte man natürlich zur Diskussion stellen, ob das Qualmen von Glimmstängeln wirkliches Glücksempfinden lostritt oder eher eine Schicksalswette auf die Gesundheit ist. Aber obwohl ich mich dieses Lasters schon vor über zwei Jahrzehnten entledigt habe, will ich mir da keinen erhobenen Zeigefinger erlauben.
In Deutschland stehen die Zigaretten in jedem Supermarkt an der Kasse. Man schaut zwangsläufig drauf, während man aufs Kassieren wartet. Daher versprach ich meiner Mitarbeiterin den Kurierdienst und verließ mich auf die optische Erinnerung. Doch in Spanien ist man in Sachen Gesundheitsschutz der Bevölkerung schon ein bisschen weiter als in Good Old Germany. Zigaretten werden nur noch in speziell hierfür zugelassenen kleinen Shops verkauft. Man kriegt sie nicht mehr überall. Und schon gar nicht mehr gleichzeitig mit dem Wocheneinkauf von Lebensmitteln. Und wie es so ist mit dem „aus den Augen aus dem Sinn“, habe ich selbstverständlich in all den Monaten bei all den Fahrten in unterschiedliche Ortschaften einfach nicht mehr dran gedacht. Bedeutete entsprechend, jetzt explizit nur dafür nochmal loszufahren.
Von meinem Campo aus liegen die Städte Jumilla und Pinoso etwas näher als Fortuna. Durch meine zahlreichen Fahrten in die Stadt während dieses Aufenthaltes kenne ich mich inzwischen in Jumilla auch schon recht gut aus. Doch wenn ich schon auf der Suche nach gleichnamigen Zigaretten bin, ist auch ein Ausflug in die allererste überhaupt von mir in Spanien zu Einkaufszwecken aufgesuchte Stadt machbar. Ende 2023, als ich erstmals meine angemietete Casita in El Salado Alto bezog, hatten mir meine Vermieter den Weg zum Supermarkt Masymas in Fortuna erklärt. Kaum das Auto leer geräumt war das meine Kühlschrank-Grundstocks-Auffüllfahrt. Und bekanntlich haben solche Ersterlebnisse immer eine besondere Erinnerungswirkung.
Nur hatte ich damals wie auch bei all meinen folgenden Besuchen Fortuna noch nie so nass erlebt. In Spanien ist man es gewohnt, dass es nur selten regnet und wenn es mal regnet, dann gleich in großen Mengen. Daher setzt man gar nicht erst auf irgendeine am Ende dann doch zu klein dimensionierte Kanalisation, sondern lässt das Wasser oberirdisch abfließen. Mag für die normalen kurzen Sommergewitter eine praktikable Lösung sein. Doch dem nun schon seit Wochen immer wieder einsetzenden Regen ist die ganze Geschichte nicht mehr gewachsen, scheint es. Als Fußgänger sollte man auf Regenstiefel setzen. Oder die Schuhe weglassen, warm genug ist es. Oder aber am besten gleich einfach zuhause bleiben, was die meisten ja unübersehbar auch taten. Nur der Clark musste natürlich bei dem Wetter durch die Innenstadt wuseln.
Mein Genick macht mich wahnsinnig. Letztendlich ja einer der wesentlichen Gründe für das Timing meiner Heimfahrt. Stumpfes Rumsitzen im Auto über mehr als einen ganzen Tag hinweg verbessert den Zustand auch nicht wirklich. In ähnlichen Situationen am Schreibtisch habe ich mir eine Wärmflasche um den Hals gelegt. Allerdings produziere ich das warme Wasser im Wohnwagen auf dem Gasherd. Wie kommt man unterwegs an warmes Wasser? Nun, die Frage ist leicht zu beantworten, immerhin habe ich Batterien mit insgesamt 5 kW Ladung im Gepäck. Also bin ich auch im Hiperchino reingesprungen und sah mich dort mit einer Größenvielfalt an Warmwasserbereitern konfrontiert, die schon wieder ein Münze-Werfen erforderte.
Eine elektrische Kühlbox zum Transport meiner angebrochenen Lebensmittel bekam ich beim Chinagemischtwaren-Wirhabenalles-Fachhandel sehr zu meiner Überraschung jedoch nicht. Glücklicherweise hat es in Fortuna aber auch hierfür noch manch einen passenden Laden. Auch wenn ich dort am Ende locker das doppelte dessen bezahlt habe, was mich ein Kühlgerät gleicher Qualität beim großen A im Internet gekostet hätte. Nun, es zählt auch das gute Gefühl, den regionalen Einzelhandel beglückt zu haben, egal in welchem Land man sich gerade befindet.
Inzwischen hatte es endlich aufgehört zu regnen. Sonderlich vertrauenswürdig sah der Himmel zwar weiterhin nicht aus, aber ich wollte es mir dennoch nicht nehmen lassen, wenigstens noch ein bisschen in der Innenstadt spazieren zu gehen.
Immerhin führte mich der Fußweg auch an einem der wirklich winzigen Tabakwarenläden vorbei. So klein, dass die Kunden schon bis auf den Bürgersteig stehen. Sofern man Zigarren, Zigaretten und Vapes als Einheit ansieht, ein echter Ein-Produkt-Shop. Nein, falsch. Telefonkarten kann man hier auch noch aufladen. Sofern man es denn überhaupt noch analog und nicht gleich online tun möchte.
Fast 120 € ärmer und mit der begehrten Räucherware unterm Arm setzte ich meinen Spaziergang fort.
In meine Sammlung der E-Mobilitäts-Lobpreisung kamen auch gleich noch zwei Fotos. Laut Google Maps gibt es sogar noch ein paar Ladestellen mehr. Und allesamt Schnelllader, nicht die 11-kW-Tröpfelleitungen von zuhause. Wenn ich mich irgendwann einmal für längere Zeiträume hier niederlassen sollte und über ein kleineres Fahrzeug als den schweren PickUp nachdenke, kommt ein Stromer definitiv in Betracht.
Natürlich gehört zu einer Innenstadt auch eine Kirche. Oder mehrere. In diesen von außen völlig verwinkelt aussehenden Bau hätte ich gerne mal einen Blick geworfen, doch die Tür war abgeschlossen. Auf meiner Wanderschaft bin ich aber auch am Touristikbüro vorbeigekommen. Es wird nicht meine letzte Fahrt in die Schicksalsstadt Fortuna gewesen sein.
Man hat in diesem Land so unfassbar viel Platz und baut die Innenstädte dennoch so unglaublich eng. Dem schlechten Wetter genauso geschuldet wie der für Spanier noch viel zu frühen Uhrzeit, herrschte hier noch gähnende Leere. Doch ich bin sicher, dass in den Abendstunden die Stühle alle belegt sind und für Fußgänger kein Durchkommen mehr möglich ist. Auch noch so ein Erlebnis, das ich irgendwann einmal nachholen muss.
In den Seitengässchen fehlt es an Platz für Bäume oder andere Begrünung. Das hält manch einen Einwohner aber nicht davon ab, sich mit dem Gießen von hundert Töpfchen mehr Arbeit ans Bein zu binden, als andere durchs Gassigehen mit einem Hund zu bewältigen haben. Mir wäre dergleichen zu mühselig, aber hübsch anzusehen ist es allemal.
Auf der Hauptstraße die Blumenbeete dürften eher Sache der Stadtverwaltung sein. Und vor allen Dingen werden diese Beete nicht von Hand gegossen, sondern ein neugieriger Blick zwischen die Büsche lässt eine Bewässerungsanlage erkennen. Man gibt sich schon reichlich Mühe, eine sehenswerte Stadt zu generieren. Leider wirkt bei grautrübem Regenwetter alles ein bisschen fade.
Was in Fortuna selbstverständlich auch nicht fehlen darf, ist der von mir schon einige Male beschriebene Plastik-Kunstrasen. Mir persönlich dann doch schon wieder zu viel Grün. Nein, irgendwie das falsche Grün.
Eigentlich sollte ich mich als Buchhalter ja über saubere Konturen freuen. Doch tatsächlich ist es weder das Plastik noch die grüne Farbe, die mich stören. Es ist die vollkommene Fehlerfreiheit. Absolut schnurgerade Kanten, kein Grashalm, kein welkes Blatt, keine kippelnde Fliese. Kann etwas zu schön sein, um noch schön zu sein?
Bei vielen spanischen Leerstands-Gebäuden ist es mir schon aufgefallen, dass man die Fenster und Türen sicherheitshalber einfach zumauert, statt Glas einzubauen oder Bretter davor zu nageln. Mag fürs Auge gewöhnungsbedürftig sein, zweckmäßig sicher ist es auf jeden Fall. Nur entstehen dabei manchmal auch Kuriositäten wie diese hier. Ein simples Fahrradschloss an den Gitterstäben hätte den Zugang vermutlich ausreichend versperrt. Aber es geht natürlich auch eine Nummer sicherer mit Ziegelsteinen.
Brüder im Geiste. An diesen Spruch musste ich denken, wenn ich an solchen Häusern vorbeikam. Menschen, die eigentlich gerne irgendwo draußen auf dem Land wohnen wollen würden, aber durch irgendwelche Umstände zu einem Leben in der Stadt gezwungen werden. Einen Garten haben sie somit nicht zur Verfügung, denn Fläche ist knapp und teuer. Doch ganz auf das Grün vor dem Fenster verzichten wollen sie dann auch nicht. So wird aus dem Bürgersteig ein Pflanzensteig. Wer braucht schon Gehwege. Noch ein Spruch: Wozu ist die Straße da? Zum Marschieren.
Aus meinen früheren Fahrten nach Fortuna weiß ich, dass es sich um eine Stadt mit einem enorm großen Vorbesiedelungs-Areal handelt. Man kann in alle Richtungen etwas länger fahren und kommt doch noch an Höfen und alleinstehenden Häusern und regelrechten Villenanlagen vorbei, die allesamt noch zu Fortuna gehören.
Doch als ich bei meinem Spaziergang den Stadtrand erreichte, griff ich zum Handy und ließ mich zum Auto zurücknavigieren. Alle Last-Minute-Einkäufe waren inzwischen erledigt, jetzt wurde es Zeit, vielleicht noch ein bisschen Resttageslicht zum Vorbereiten des Packens zu nutzen.
Also wieder zurück auf die Straße zum Campo, jetzt endlich auch mal wieder ohne Scheibenwischer.
Ganz allgemein sagt man ja, dass ältere Menschen das Gefühl haben, die Zeit würde schneller vergehen. Nun bin ich ja eigentlich noch nicht soo alt, doch wie ganze fünf Monate hatte sich mein Aufenthalt hier in Spanien irgendwie doch nicht angefühlt. Vielleicht fehlte ein wenig der Freizeit-Faktor. Diese Straße hier bin ich während all meiner Aufenthalte bislang nur zwei Mal mit dem Fahrrad entlang gestrampelt. Gefühlt viel zu selten.
Ein bisschen sentimentales Heimatgefühl kam in mir beim Vorbeifahren am Ortseingangsschild schon auf. Da musste ich einfach kurz für ein Foto stoppen.
La Zarza, zu Deutsch der Dornenbusch. Jetzt könnte ich mich wieder in die Bibel verlieren oder über die wahrscheinlich eher namensgebende Pflanze der Aschwurz auslassen. Aber an dem Tag des Fotos war mir dann doch eher danach, mich zum Wohnwagen zu begeben und mit dem Packen für die Heimreise zu beginnen.
Mein letzter Abend auf dem Campo und selbst das Wetter zeigt sich von seiner traurigen Seite. Wieder einmal versteckt sich die Sierra del Carche hinter einer dichten Wolkenschwade. Ich habe in meiner Sammlung auch noch ein paar Schönwetter-Aufnahmen, doch die hebe ich mir für die nächsten Rückblicke auf. Heute lasse ich den Newsletter mit meinen verregneten letzten Eindrücken der Landschaft dort ausklingen.
Etwas fernwehgeplagte Grüße 🛣️
Euer Clark