Was nutzt der grüne Daumen an der linken Hand?
Schöfferstadt Gernsheim, Office-Fensterbank in Ost-Ausrichtung
| Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor 20 Jahren. Die zweitbeste Zeit ist jetzt. Wie alles, was nach gesundem Menschenverstand klingt, bekommt der alte Konfuzius diese Worte in den Mund gelegt. Doch tatsächlich ist die weise Erkenntnis viel jünger und stammt angeblich aus den Vereinigten Staaten. Ich für meinen Teil muss das Sprichwort jedoch ohnehin noch um einen Nachsatz ergänzen: Die drittbeste Zeit ist in einem halben Jahr. |
Schonmal was von Xeri, Ygglev und Zeno gehört? Ich bis zur Recherche für diesen Newsletter auch nicht. Inzwischen sind wir wieder bei den für unsere Zungen leichter auszusprechenden Alexander, Boris und Cornelius. Die Rede ist selbstverständlich von den Hochdruckgebieten, unter deren Hitzeglocke Europa in den letzten paar Wochen sich schon in Sommerfreuden baden konnte. Vor einem Jahr zu dieser Jahreszeit startete ich mein Experiment und machte meinen Wohnwagen langstreckentauglich. Am 8. Juni 2025 rollte mein Gespann erstmals aufs Campo, wo ich dann zwei Monate lang Erfahrungen mit dem spanischen Sommer sammeln konnte. Pünktlich zum Fischerfest war ich wieder zurück in der Schöfferstadt. International ist sicherlich hinreichend bekannt, dass dieses Gernsheimer Volksfest jährlich am ersten vollständig in den August fallenden Wochenende stattfindet.
Fernab von allem Menschentrubel konnte ich in den zwei Monaten auf dem Campo erleben, mit welchen Herausforderungen die Natur dort zu kämpfen hat. Vor ein paar hundert Jahren war das Land noch zu mehr als drei Vierteln vollständig bewaldet. Dann kam irgendein ‚kluger‘ Mensch auf die Idee, man könne zum Zwecke des Schiffsbaus doch einfach mehr Bäume fällen, als nachwachsen. Ein paar Kriege später lagen all die spanischen Wälder auf dem Grund der Meere. Direkt neben den britischen Wäldern, doch dort regnet es mehr, was die Insel grün gehalten hat.
Ein lauschiges Plätzchen unter einem schattenspendenden Baum, das war auf jeden Fall recht schnell mein sehnlichster Wunsch. Über acht Hektar Land und darauf nur ein paar brusthohe, ums Überleben kämpfende Mandelbaumskelette und jede Menge Steine. Ein Zustand, den es zu beseitigen galt, das war mir ganz schnell klar.
Nun zieht sich jedoch die juristische Grundstücksteilung im Sinne der alten Bac-Werbung in die Länge. Mein Bac, Dein Bac, Bac ist für alle da.(kennt die überhaupt noch einer?)
Während meiner beiden bisherigen Aufenthalte habe ich mich jedenfalls mit Anpflanzungen zurückgehalten, solange noch nicht klar ist, dass ich den Baum nicht später wieder ausbuddeln und ein paar hundert Meter weiter erneut einpflanzen darf. Doch damit muss jetzt Schluss sein, diesen Herbst geht es los mit der Spanien-Begrünung. Hugh, ich habe gesprochen.
Auf dem Grundstück von Bekannten in Valenciana hat sich das Wurzelwerk eines Baums in die Fäkalien-Sickergrube vorgearbeitet und dem Gewächs damit einen Booster verschafft, auf den ich richtig neidisch war. Robinia pseudoacacia, wie mir meine schlaue App mitteilte. Eher bekannt als Robinie oder, wie der zweite botanische Namensbestandteil es schon andeutet, „Falsche Akazie“. Ursprünglich aus Nordamerika stammend, steht sie auf der Liste der invasiven Arten, die Wurzeln versauern den Boden und machen ihn damit für nahezu alle in Spanien einheimischen Pflanzen unbenutzbar. Wird als einzelne Zierpflanze toleriert, aber ein weiteres Anforsten ist zu unterlassen. Schade auch, davon hätte ich zehn und mehr Ableger bei den Bekannten mitnehmen können.
Einen Kiri-Baum hatte ich mir nun auf meiner zweiten Fahrt mitgenommen. Botanisch „Paulownia tomentosa“, gemeinhin weit besser bekannt als Blauglockenbaum. Mein Auswahlgrund für diese Pflanze war das naturgemäß schnelle Wachstum bei gleichzeitig ziemlich geringen Pflegeansprüchen. Wer braucht denn schon Wasser? Luft und Liebe aus regelmäßigem Zusprechen genügt im Zweifel auch, ganz der chinesischen Askese angepasst, aus deren Kulturkreis der schön anzusehende Baum mit seinen riesigen Blättern ursprünglich stammt. Die Schweizer haben den Baum bereits verboten, andere Länder überlegen zu folgen. In Spanien wird er in den meisten Communidades noch toleriert, doch Empfehlungen im World Wide Web legen nahe, umfangreichere Anpflanzungen vorab behördlich genehmigen zu lassen.
Alles, was schön ist und meinen Anforderungen nach Schatten noch zu meinen Lebzeiten gerecht wird, ist verboten, scheint es. Also habe ich mich an den allwissenden Gott der Neuzeit gewandt und ChatGPT befragt. Es entwickelte sich ein sehr, sehr langer Chat zwischen mir und der KI, in dessen Verlauf ich tatsächlich ab und zu geneigt war, meine Meinung über solche Systeme zu überdenken. Doch lange hielten diese Eindrücke selten an, dann riss die maschinengeschaffene Unintelligenz den nächsten Klopper und bestätigte meine fest verankerte Skepsis erneut.
Einer der Reibungspunkte zwischen ChatGPT und mir war das Beharren der Maschine auf dem Anpflanzen von Büschen. Mein Prompt: „ChatGPT, ich brauche trockenheitsresistente Bäume“. KI: „Du solltest über das Anpflanzen von Büschen nachdenken“. Clark: „Können wir später drüber reden, jetzt brauche ich eine Liste von möglichen Bäumen“. KI: „Aber denk doch mal über Büsche nach, die wachsen auch schnell und sind gut für den Boden“. Clark: „ICH! WILL! BÄUME!“ Leider zeigt sich die KI von Großbuchstaben unbeeindruckt.
Irgendwann hatte ich dann endlich eine Auswahl unterschiedlicher Bäume. Und, ja, am Ende halt eben dann doch auch einige Büsche. Pflanzen all dieser Sorten gehen in größeren Stückzahlen richtig ins Geld. Aber warum nicht die Zeit meines Aufenthaltes in Deutschland sinnvoll nutzen und mich ums Heranziehen von Pflänzchen selbst kümmern? Okay, die Antwort auf diese Frage könnte nun einfach lauten: weil ich Buchhalter bin und sowas noch nie gemacht habe. Aber will ich mich deshalb abhalten lassen? Nein, ab an die Tastatur und nach Händlern für die Samen gesucht.
Zwei Sorten Baum führen die Liste an: die ohnehin in Spanien allgegenwärtige Olive sowie der gern gesehene, in der gewerblichen Nutzung jedoch wenig ertragreiche, daher seltenere Johannisbrotbaum, botanisch Ceratonia siliqua. Einziger Haken, wegen des ich mich lange mit der KI um potentielle Alternativen stritt: Der zuletzt genannte Baum wächst ziemlich langsam. Der zuerst genannte wächst gar sehr, sehr laaaangsam. Sofern die Medizin nicht in absehbarer Zeit noch irgendwelche galaktischen Fortschritte in puncto lebensverlängernder Maßnahmen an den Tag legt, dürfte es äußerst fraglich sein, dass meine Wenigkeit es noch erlebt, unter einem dieser Bäume im gespendeten Schatten zu sitzen. Zeitgeist aktuell ist ja eher das globusumspannende Durchführen von lebensverkürzenden Maßnahmen. Aber was soll’s. Ich kann ja meiner Nachwelt auch irgendwas hinterlassen. Und seien es nur ein paar Bäume. Also habe ich auf „Bestellen“ geklickt und hatte ein paar Tage später diese Auswahl an Tüten und jeweils zugehöriger Anzuchtsanleitung vorliegen. Für alle Sorten außer die Johannesbrotbaumsamen, denn die hatte ich in einem Asia-Shop separat bestellt.
Wir werfen jeden einzelnen Tag kiloweise für Blödsinnswerbung verdrucktes Papier in die Mülltonne. Aber diese Anleitungen müssen in Schriftgröße 4 engst bedruckt auf einem kleinen Zettel mitgeschickt werden, um Papier zu sparen. Wie wäre es ganz zeitgemäß mit einem QR-Code zum Abscannen fürs Aufrufen einer Videoanleitung auf einem größeren Bildschirm? Was für ein Glück wusste ich wenigstens, wo in meinen noch immer seit der Heimreise nicht ausgepackten Kisten eine Lesebrille herumflog. Hatte ich heute das Altwerden schon thematisiert? Beschäftigt mich in letzter Zeit irgendwie öfter.
Ein Gang in den Keller, um Schmirgelpapier zu holen. Drei Tüten zu je 20 Samen hatte ich von dem Johannisbrotbaum bestellt und bezahlt. Es wurden nur zwei geliefert. Sollte ich nun wegen 3,49 € einen Aufstand proben? Vielleicht wächst aus den Samen nichts und ich muss ohnehin nochmal woanders neu bestellen. Also lassen wir es erst einmal beim Versuch, bis zu 40 Bäume zu produzieren.
Betonhart sind diese trockenen Kerne. Streng nach Anleitung habe ich mir Mühe gegeben, die Samen rundherum anzuschmirgeln, um sie aufzurauen. Dann mindestens 24 Stunden in Wasser einlegen. Was eignet sich dafür besser, als meine bereits für Pflanzenanzuchtszwecke erprobten spanischen Bierdosen. Ich habe mich aufgeopfert und mein letztes mitgebrachtes Mahou getrunken. Alles nur zum edlen Zwecke der Gärtnerei, versteht sich.
Aus einem Billigangebot habe ich mir acht kleine Plastikkasten bestellt. Auf Langlebigkeit sind die Dinger nicht ausgelegt, aber mit ein bisschen vorsichtiger Handhabung kriege ich mit Sicherheit zwei oder drei Generationen von Keimlingen darin gezogen. Die Kokosschalen-Anzuchts-Erdersatz-wieauchimmerdieteileheißen-Dinger habe ich auch aus dem Internet besorgt.
Manche weitere Samen anrauen, manche einweichen, teilweise sogar drei Tage lang, andere direkt trocken in die Erde. Manche auf die Erde legen, andere etwas eindrücken und bedecken. Mensch nee, das ist ja eine richtige Wissenschaft für sich. Hat vielleicht einen Grund, warum es Ausbildungsberufe mit dem Inhalt gibt.
Spanische Musik erfüllte mein Büro, während ich mir Mühe gab, meine Küche nach bester Möglichkeit einzusauen. Irgendwann war es dann vollbracht, nahezu alle Samen waren an ihrem Plätzchen in der Erde.
Acht gekaufte Plastikschachteln zu jeweils zwölf kleinen Fächern macht Pi mal Daumen 96 einzupflanzende Samen. Hätte ich beruflich etwas mit Zahlen zu tun, wäre mir im Vorfeld schon bewusst gewesen, dass das mit der gekauften Samenmenge niemals hinhauen kann. Aber dumm dran ist nur der, der sich nicht zu helfen weiß. Seit Jahren bringe ich es nicht fertig, die Plastikschachteln vom Obsteinkauf wegzuwerfen. Neben der gelben Tonne in der Küche hat sich ein ganzer Stapel entwickelt. Und tata … das Aufheben hat sich als gute Tat erwiesen. Clarkche Selfmade-Anzuchtskisten. Sollte ich mir vielleicht patentieren lassen. Manch ein Adlerauge erkennt als Untersetzer die in allen spanischen Supermärkten erhältlichen Fertig-Tortilla-Teller. Genau wie beim Bier habe ich auch davon die letzte längst verspeist.
In allen Anleitungen steht etwas von „Keimung kann vier Wochen und länger dauern“. Wie gesagt, für die Johannisbrotbaumsamen hatte ich keine Anleitung, daher konnten diese Samen auch nichts davon wissen, dass sie sich Zeit lassen sollen. Nach kaum mehr als einer Woche dokumentierte hier die Natur schon die unbändige Kraft des Wachstumsdrangs.
Voller Stolz durfte ich auch feststellen, dass es keinerlei Unterschied zwischen dem Wachstum in den professionellen Schachteln und meinen Behelfskisten gab. Überall suchten Pflänzchen den Weg ans Licht.
Neben den Johannisbrotbäumen hatte es auch die Seidenakazie, botanisch Albizia julibrissin, eilig, nach oben zu schießen. Eine der Pflanzen, auf die sich ChatGPT und ich irgendwann als Kompromiss geeinigt haben. Wächst normalerweise als Busch, kann unter optimalsten Bedingungen aber durchaus auch zu einem bis zu acht Meter hohen Baum werden. Nur … wo hat man denn schon optimale Bedingungen?
Auf dem steinigen, windigen, trockenen Campo auf jeden Fall nicht. So oder so hat diese Mimosenverwandte laut Bildern im Internet aber recht schöne Blüten. Daher bekam sie meinen Zuschlag. Und der nun gezeigte Wachstumswille macht sie mir auch sympathisch.
Ich gebe zu, dass ich den Pflänzchen inzwischen regelrecht beim Wachsen zuschaue. Zehnmal am Tag wird geprüft, ob sich schon was verändert hat und wie lange es wohl noch bis zum nächsten Umtopfen dauern wird. In den Anzuchtsanleitungen stand zudem bei ausnahmslos allen Samen „feucht halten“, also stärke ich die Muskulatur meines Zeigefingers mit dem ständigen Betätigen der Wassersprühflasche.
Umso mehr war ich nach ein paar Tagen erschrocken und ratlos, als meine jungen Zöglinge eines Abends komplett zusammengerollt waren. Habe ich etwas kaputt gemacht? Fühlen sie sich bei mir nicht wohl? Erst aufgehen, nur um dann gleich kaputtzugehen? Die sofort durchgeführte Notfallanfrage an Dr. Google brachte Entspannung in die Situation. Einer der zahlreichen Trivialnamen dieser Pflanze lautet „Schlafbaum“, weil er nachts die Blätter zusammenklappt, also „schläft“. Boah eyh, aus mir wird noch ein Vegetationsspezialist, wenn das so weitergeht.
Doch in Sachen Eigenlob muss ich mich ein bisschen selbst bremsen. Sämtliche mitgebrachten Mandel-Stecklinge sind vertrocknet. Mein wenige Tage vor der Heimfahrt in Spanien geschnittener Geißklee (Cytisus) verwandelt sich mehr in ein Trockengesteck, als dass die Ästchen willig wären, Wurzeln auszubilden. Und meine in den Bierdosen ursprünglich so prächtig gestarteten Feigenstecklinge haben mir das Umtopfen echt übel genommen. Eine Erkenntnis: Bierdosen haben den Nachteil, sich nach oben zu verjüngen. Also muss man sie aufschneiden, um an die Pflanze zu kommen. Bei Wurzelwerk in Erde vermutlich kein Problem, da selbststabilisierend. Doch ich habe die Anzucht in Spanien ja in dem dort allgegenwärtigen Sand vorgenommen. Zum Wachsen für die Feigen ausreichend. Aber beim Zerlegen der Dosen fällt der Sand auseinander. Und zerreißt dabei die hoch filigranen Würzelchen der Feigenbäume.
Inzwischen haben alle Feigen-Triebe ihre Blätter verloren. Mal sehen, ob die Äste einen zweiten Versuch schaffen. Zum Gärtner-Lernprozess gehören leider auch Fehlschläge.
Eine Feige habe ich nicht in eine Bierdose, sondern in eine Wasserflasche gesteckt. Dieser Steckling trägt weiterhin seine volle Blätterpracht. Ich glaube, das Teil lasse ich mal bis auf Weiteres unangetastet. Keine Ahnung, wie ich den jemals aus dieser Flasche wieder rausbekomme.
Noch ein bisschen Freiland-Beobachtung mehr. Meine beiden aus Spanien mitgebrachten Kermes-Eichen haben sich inzwischen im Hof mit den Gernsheimer Spinnen angefreundet und sich nahezu vollständig einweben lassen. Die beiden Bäumchen hatte ich bei einem Baumarkt-Besuch in Murcia mehr aus Spaß mitgenommen, als ich sie in einem Aussteller neben der Kasse stehen sah. „El arbol es vida“, ein Baum ist Leben. Sprach mich einfach an. Das mit der „Eiche“ habe ich erst zuhause realisiert. Kann im Laufe von 300 Jahren eine Höhe von 15 Metern erreichen. Ja, okay, so viel Geduld habe ich dann doch nicht. Ich habe sie daher aus der Kaufverpackung befreit, einen der drei Bäume in meinem spanischen Komposthaufen angepflanzt und nun sich selbst überlassen. Und die zwei Eichen in die erstbesten Behelfstöpfe gesteckt und mit nach Gernsheim genommen. Vielleicht finde ich noch irgendwo eine Stelle, an der die Kinder meines Kindes sich irgendwann in fernster Zukunft über die stacheligen Blätter ärgern können.
Eine Feige musste ich beim Entnehmen aus der Bierdose ihres kompletten Unterteils entledigen. Die habe ich ein bisschen abseits der anderen abgestellt, da ich sie nicht gleich wegwerfen wollte. Und siehe da, die macht gar nicht den Eindruck, als ob ich sie mit dem Entledigen der Wurzeln gekillt hätte. ChatGPT meinte bei meinen ersten Fragen zum Thema Feigenbäume einmal, im Gegensatz zu einer Mandel oder anderen einheimischen Bäumen würde eine Feige niemals sterben. Sie pausiert nur, wenn es ihr schlecht geht. Im Zweifel auch jahrzehntelang. Und sobald die Bedingungen besser werden, startet sie wieder durch. Nun, ob die Bedingungen am Luftauslass meines Grills so die besten sind, wird sich zeigen, wenn ich die nächste Pizza zubereite.
Was das Pflänzchen nebendran ist, weiß ich nicht. Das vegetiert vor sich hin. Richtig kaputtgehen will es nicht. Aber richtig wachsen auch nicht. Hatte ich in Spanien in Wasser gestellt und kurz vor der Heimfahrt in Erde gesteckt. Auch in eine Bierdose. Nun ist die Pflanze offensichtlich unentschlossen, was sie aus der Gernsheimer Gesamtsituation machen soll. Wenn sie wüsste, dass sie im Falle von Wachstum irgendwann wieder nach Spanien zurückkommt … 😊
Bleiben wir bei Sonderlingen und Pflegebedarf. „Das Grüne nach oben“ ist die einfachste Pflanzanleitung für Hobbygärtner, habe ich mal irgendwo gelesen. Doch das funzt nicht bei Samenkörnern. Auch die kann man „falsch herum“ in die Erde stecken und damit dem Trieb das Leben schwer machen. Irgendwie hatte ich Laie auch in meiner völligen Ahnungslosigkeit erwartet, dass aus einem Samenkorn heraus eine Pflanze nach oben wächst. Aber nein, aus dem Samen wächst die Wurzel nach unten und hebt irgendwann den ganzen Samen nach oben. Dann kommt der herausforderungsvolle Moment, in dem die Schale des Samens abgeworfen werden muss. Eine Aktion, bei dem ein geübter Gärtner dem Keimling helfend unter die Arme greift, während der rumpelige Buchhalter dem Trieb den Krotzen abdreht.
Nun, ich habe die Aktion am Ende ohne gar zu viele Verluste absolviert.
Umtopfen, umtopfen, Umtopfen. Mit dem Bedarf an weiteren Einpflanz-Behältnissen hatte ich mich nicht beschäftigt, muss ich zugeben. Glücklicherweise hatte mein Mieter noch einige Stapel alter Plastiktöpfchen. Doch ich werde voraussichtlich noch einige mehr brauchen. Vorzugsweise viereckige. Allerdings bin ich völlig unschlüssig, in welcher Größe. Möglichst groß, damit die Umtopferei nicht noch einmal erfolgen muss. Aber gleichzeitig möglichst klein, denn ich habe ja aufgrund des in Spanien zurückgelassenen Anhängers auf der nächsten Fahrt nur ziemlich begrenzte Ladekapazitäten zur Verfügung.
Eigentlich wollte ich den Bestand an zugekauftem Aufzuchtsbedarf möglichst gering halten. Doch irgendwann kam ich aufgrund der Menge an Keimlingen nicht mehr umhin und bin doch beim Toom Baumarkt eingekehrt, um zumindest für 28 Bäumchen eine Interimslösung zu schaffen.
Dieses Erde-Wasser-Stopf-Schnippel-Gebastel artet richtig in Arbeit aus, musste ich feststellen. Wehe, dieser ganze Aufwand lohnt sich nicht. Ich erwarte viele, viele gesunde und starke Bäume, wenn ich fertig bin.
Nochmal einige Tage in der neuen Erde „unter Dach“, dann habe ich die Haube des Kastens tagsüber weggelassen. Aus dem empfindlichen Hellgrün wurde binnen weniger Tage ein saftig-stabiles Dunkelgrün.
Abends beim Zähneputzen stehe ich nun vor dem Kasten und überlege mir, dass aus jedem dieser Winzlinge einmal ein 20 Meter hohes, 10 Meter ausladendes Ungetüm werden kann. Bis zu 40 Zentimeter Wachstum pro Jahr sind möglich. Aufgrund Wassermangel in Spanien ab dem Moment, ab dem sie im Freiland sein werden, voraussichtlich weniger. Es bleibt spannend.
Manch ein Pflänzchen geht nun schon in die Entwicklungsstufe 2 über. Fundament ist geschaffen, ab jetzt geht es nach oben raus. Jetzt in Braun, nicht mehr in Grün. Ein Profi wüsste immer schon vorher, ob das so sein soll oder ein Omen ist. Nun, Wasser drauf und warten. Mehr kann ich nicht machen.
Auch die Seidenbäumchen wollen es wissen. Hier hatte ich nur leider deutlich mehr Ausfälle, als bei den Johannisbrotbäumen. Acht Stück haben per Stand heute überlebt. Mal sehen, ob ich die alle groß gezogen bekomme. Wasser drauf und abwarten. Mehr bleibt nicht zu tun.
Ich hatte hier im Newsletter die PictureThis-App ja schon das eine oder andere Mal erwähnt. 35 € im Jahres-Abo, die sich echt lohnen, finde ich. Man kann sie auch kostenlos nutzen, aber wenn man sich einen eigenen Garten anlegen will, braucht man ein paar Funktionen mehr. Unter anderem bietet die App auch eine Gieß-Erinnerungs-Funktion an. Rein aus Jux habe ich schon meine noch winzigen Pflänzchen in die App abfotografiert und als Bestandteil meines Gartens hinterlegt.
Da bringt mir die App doch gleich beim Abspeichern schon die ersten Warnmeldungen. „Zu wenig Licht“ und „Überwässerung“ lese ich da in roter Farbe auf dem Handydisplay.
Ich lerne: Ganz so einfach ist das mit dem „Wasser drauf und warten“ dann scheinbar auch wieder nicht. Das „feucht halten“ der Anzuchtsanleitung endete in dem Moment, in dem aus dem Samen ein Pflänzchen wurde. Also nicht mehr „Wasser Marsch“, sondern jetzt „Wasser Halt“, zumindest bis mein Handy brummt und was anderes sagt. Was würden wir denn nur heutzutage ohne die Computer machen? Ja, klar: Pflanzen ertränken.
Für die zahlreichen anderen Samen gilt jedoch das „feucht halten“ offensichtlich weiterhin. Da tut sich rein gar nichts. Kein einziger Trieb. Nichts. Ob das noch was wird mit der Myrte, den Zistrosen und vor allem den 10 Olivenbäumen? Nach nunmehr vier Wochen habe ich langsam Zweifel. Aber wenn doch noch was kommt, wird das mit Sicherheit ausreichend Stoff für ein Update dieses Newsletters.
Im Herbst wird ein mit ziemlich viel Grünzeug beladener Pickup gen Süden aufbrechen. Auf dass ich irgendwann einmal an diesem Tisch vor meinem Wohnwagen sitze, übers Tal schaue und mehr sehe, als nur den hier ebenfalls nicht heimischen Pfefferbaum. Ich kann es kaum erwarten. Und ich werde weiter berichten.
Pflanzenflüsternde Grüße 🌳
Euer Clark