Eine Last-Minute-Ortskunde-Runde
24.04.2026 im Rückblick: Felder nördlich des Campos, La Raja, Jumilla (Murcia)
Ein Tag noch bis zur Abfahrt, so ist die Planung angesetzt. Wieder einmal sind Monate vergangen und ich habe viel zu wenig Zeit mit Ausflügen und Spazieren und Radfahren verbracht. Solche wehmütigen Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich mit meiner Tasse Kaffee in der Hand aus dem Wohnwagen trat und auf die Sierra del Carche schaute, deren hohe Hänge den vorbeiziehenden Wolken den Durchgang verwehrten.
Regnerisch grau soll es heute werden, so sagt es die Wetter-App. Keine guten Voraussetzungen, um meine Sachen für die Reise vorzubereiten. Vielleicht ein Zeichen, dass ich den Tag wenigstens in Teilen anders nutzen und einen kleinen Spaziergang einplanen sollte.
Doch man sollte nicht immer nur in die Ferne schauen. Direkt vor meiner Haustür wanderte ein Käfer vorbei, dessen phänomenale Größe mich durchaus erst einmal zurückschrecken ließ. Ein Käfer, den ich offensichtlich gerade bei seiner Darmentleerung störte, als ich ihm mit der Kamera zu Leibe rückte.
Okay, meine Laune wäre auch nicht die beste, wenn mich jemand besucht, während ich auf dem Thron sitze. Berberomeloe majalis, der „Schmucke Ölkäfer“. Mit sieben Zentimetern einer der größten Käfer Europas, so sagt es mir das sofort befragte Internet. In Deutschland nicht vorkommend, in Spanien hingegen ein normaler Zeitgenosse in dieser Gegend. Ein harmloses Tier, das aber bei Gefahr ein Öl absondern kann, welches für üble Verbrennungen sorgt. In den Mund nehmen sollte man den Käfer daher nicht, denn dieses Cantharidin genannte Gift kann für reichlich Ungemach im Körper sorgen. Während ich mich noch wundere, welcher Mensch wohl Käfer dieser Größe unfrittiert zu essen vermag, klärte mich der Folgesatz meiner Lektüre auf, dass man insbesondere beim Gassi-Gehen auf seinen Hund aufpassen möge.
Das Plingpling der Ziegenglocken lässt mich von dem Käfer aufsehen. Das sind weit über hundert Tiere, die da mit dem Schäfer über die Felder ziehen. Auch hier hatte ich mich ein bisschen eingelesen. Es ist tatsächlich üblich, Ziegen und Schafe in einer Herde zusammenzuhalten. Allerdings sollten laut der mir zugänglichen Literatur in dieser Region eigentlich mehrheitlich Ziegen der Gattung Murciano-Granadina anzutreffen sein, doch diese Tiere dürfen laut Zuchtvorschrift keine weißen Haare haben. Ist es nicht verrückt, was der Mensch alles normt?
Bei den über mein Campo wandernden, eindeutig nicht braunen Tieren handelt es sich also eher um Segureña-Schafe, benannt nach dem Fluss, der auch durch die Stadt Murcia fließt. Im Gegensatz zu den für ihre Milchproduktion gehaltenen Ziegen eher für ihr Fleisch geschätzt. Hach, ich habe tausend Fragen, die ich dem Schäfer gerne stellen würde. Doch das muss weiterhin warten, bis ich noch drei spanische Vokabeln mehr in meinem löchrigen Hirn eingespeichert habe.
Meine Kaffeetasse ist leer. Zeit, die Schuhe anzuziehen und einfach mal aufs Geratewohl einen Weg in Angriff nehmen, den ich noch nicht gar so oft gelaufen bin. Um ehrlich zu sein, eigentlich nur ein einziges Mal bisher und das war im Sommer des vergangenen Jahres bei einem ziemlich planlosen Wandern, das mich am Ende quer über eine Mandelplantage trieb, um vor der einsetzenden totalen Erschöpfung irgendwie wieder nach Hause zu kommen. Für heute habe ich mir vorgenommen, keine Experimente durchzuführen, sondern brav auf den existierenden Wegen zu bleiben. Eigentlich gibt es davon ja genug, auch wenn die manchmal nicht in die Richtung gehen, in die ich gerne wollen würde.
Noch ist Spätfrühjahr, selbst das Unkraut gibt sich beste Mühe, einen hübschen Eindruck zu machen. Schmunzelnd muss ich bei dem Gedanken an eine Freundin denken, die mich als ausgebildete Zierpflanzengärtnerin immer rügte, wenn ich dieses Wort verwendete. „Entweder ist etwas ein Kraut oder es ist kein Kraut. Aber es ist niemals ein Un-Kraut!“ schimpfte sie immer mit mir.
Eine Redensart, die ich im Zuge meiner Buchhaltungs-Ausbildungsarbeit ja sogar eins zu eins in mein eigenes Repertoire übernommen habe: „Entweder es handelt sich um Kosten oder es sind keine Kosten. Aber so etwas wie Unkosten gibt es nicht!“ Tja, dann begann ich mich mit Seefahrt zu beschäftigen und wurde erstmals mit dem Begriff der Untiefe konfrontiert … Sprache ist schon was Lustiges.
Gegend. Ganz viel Gegend. Während ich so zwischen den Feldern entlang wandere, designe ich im Geiste schon die Wanderkarten für die Gäste meines Campingplatzes. Von der Einrichtung des Gewerbebetriebes bin ich noch unendlich weit entfernt. Bedeutet, Ausflugsratgeber werde ich noch lange, lange nicht benötigen. Aber ein bisschen träumen darf man ja dennoch.
Am Wegesrand hat irgendjemand ein über drei Meter hohes Holzkreuz aufgestellt. Zu welchem Zweck erschließt sich mir nicht, aber die Person hatte sich viel Mühe gegeben, das Kreuz mit solarbetriebenen Lichterketten zu umwickeln. Irgendwann muss ich mal eine Nachtwanderung in Angriff nehmen und etwas weiter unten durchs Tal laufen. Ich könnte mir vorstellen, dass es ein interessanter Anblick ist, so ein einzelnes leuchtendes Kreuz inmitten von ansonsten völlig dunklen Feldern. Aber wozu der Aufwand?
Der anonyme Kreuzbauer hat an einen der Steine am Fuß des Kreuzes sogar eine Metallplatte geschraubt. „Cruz Loma del Aguila“ steht da, zusammen mit dem Datum 18.04.2025. Bedeutet, das Kreuz steht an dieser Stelle seit ziemlich genau einem Jahr. Eine regelrecht noch junge Einrichtung also.
Das Kreuz zum Hügel des Adlers. Auch die Übersetzung macht mich nicht schlauer. In Spanien gibt es den berühmten Kaiseradler, aber nicht in den pupstrockenen Regionen Murcias. Sicherlich gibt es auf den Feldern hier auch einige Greifvögel, wenngleich nicht in einer Menge, dass sie mir schon irgendwie ins Auge gefallen wären. Insgesamt haben es die Murcianer mit Adlern, immerhin haben sie mit Águilas gleich eine ganze Hafenstadt danach benannt. Aber auch dieses Wissen erklärt nicht den Grund für ein großes Kreuz am Wegesrand. Ich merke, um meinen zukünftigen Wanderführer mit Wissen zu füllen, muss ich selbst erst noch einiges in Erfahrung bringen.
Und zu recherchieren gibt es mehr als genug. Ein paar dutzend Meter von dem Kreuz entfernt finde ich einen Haufen aufgeschütteter Wurzeln von Bäumen, sauber eingezäunt mit Maschendraht. Eindeutig ein als Totholzhaufen künstlich geschaffenes Biotop. Ob der Verursacher vielleicht der gleiche war, wie der Kreuz-Bauer? Soll hier Adler-Futter in geschützter Umgebung heranwachsen? Ich werde es mir zur Aufgabe machen, hinter dieser Geschichte her zu recherchieren. Irgendwann in der Zukunft komme ich darauf zurück.
Heute geht aber erst einmal meine Wanderschaft weiter. Noch immer führt mich mein Weg weiter und weiter bergab. Prophylaktisch bilden sich bei mir im Nacken schon ein paar Schweißperlen beim Gedanken daran, dass ein Weg bergab zwingend bedeutet, dass man irgendwann das Ganze auch wieder nach oben krachseln muss, um an den Ausgangsort zurückzukommen.
Ich habe den tiefsten Punkt erreicht: die Rambla. Auf Google Maps schön vielversprechend als blauer Strich eingezeichnet, handelt es sich nur um einen ausgetrockneten Bachlauf. Wobei die wuchernde Vegetation vermuten lässt, dass dieses „ausgetrocknet“ nur eine sehr oberflächliche Sache ist. Ich nehme an, man müsste nicht lange graben, um hier im Untergrund auf Wasser zu stoßen. Und bei den gelegentlich über das Land ziehenden Unwettern führt der Graben vermutlich sogar ab und zu ein paar wenige Tage lang echtes Wasser wie ein richtiger Bach.
Ich soll ab und zu mal einen Menschen mit auf meine Fotos nehmen, so bekam ich es von einer Bekannten nach ihrem Lesen meiner Newsletter geraten. Wo soll ich denn in dieser wunderbar einsamen Gegend hier einen Menschen hernehmen? Ach ja, richtig, einen habe ich ja sogar dabei. Also Zeit für ein Selfie zwischendurch.
Hinter mir: noch mehr Gegend.
Und vor mir noch mehr Feldweg. Für Mountainbikefahrer und Wanderer eindeutig ein Paradies zum ungestörten Vor-sich-hin-Sinnieren. Für die Fotos der heutigen Wanderung war die Wolkendecke am Himmel vielleicht nicht sonderlich förderlich. Aber für das Wohlbefinden als Spaziergänger war sie äußerst dienlich. In den Hochsommer-Monaten könnte ich mir vorstellen, dass man als Passant hier doch den einen oder anderen schattenspendenden Baum vermisst.
Während „meine“ Seite der Rambla stark landwirtschaftlich genutzt wird, sieht es auf dieser Seite in Richtung Sierra del Carche eher nach Steppenlandschaft aus. Irgendwo in den aus Deutschland mitgebrachten Kisten liegen ein oder zwei Drachen. Das wäre der optimale Platz, mal einen steigen zu lassen.
Hier hat es vor nicht allzu langer Zeit einmal gebrannt. Der Tatsache nach, dass das Gebüsch rundherum unversehrt geblieben ist, kann man entnehmen, dass das Feuer schnell unter Kontrolle gebracht war. Vielleicht von vorneherein als Nutzfeuer gedacht? Dann war die Stelle aber blöd gewählt an dem Hang.
Feuer dürfte in der Region eine der ganz großen Sorgen sein, denn in Kombination mit dem ewig blasenden Wind und den weiten Flächen könnte das ganz schnell wandern. Das waren Gedanken, die mir im Frühling durch den Kopf gingen. Welch katastrophale Schäden die Brände in Spanien im Sommer dann verursachen sollten, konnte ich da nicht einmal erahnen. Glücklicherweise blieb diese Region aber von den Bränden des Sommers verschont.
Langsam hat mich die Zivilisation wieder: Die Steppe geht in Baumkulturen über. Hier auf den Feldern in dem für die Region typischen Dreiklang: Mandeln, Oliven und vor allen Dingen Wein.
Der Feldweg kehrt zurück zur Rambla und verläuft parallel dazu. Mit diesem Bild wollte ich eigentlich versuchen, den Höhenunterschied darzustellen. Ist mir eindeutig nicht gelungen. Meine Fähigkeiten als Fotograf muss ich irgendwie noch etwas ausbauen. So sanft der Hang rechts neben dem Weg auch aussehen mag, er geht ganz schön weit runter, bis man endlich den Boden des unter den Büschen verborgenen Bachlaufs erreichen würde.
Apropos Boden. Ich habe mich auch mit meiner Handykamera auf ebenselbigen herunterbegeben, um dem leuchtenden Asphaltbrecher eine bildliche Verewigung zukommen zu lassen. Okay, das ist hier kein Asphalt, aber auf solchem habe ich die Pflanze auch schon durchkommen sehen.
„Ginster-Sommerwurz“, so der Name der hübschen Blüte, die, wie mich das Internet aufklärte, ein parasitischer Schmarotzer ist, was schlimm klingt, aber in der Welt der Pflanzen nicht so negativ belegt wird wie unter Menschen. Und, man höre: Hierbei handelt es sich um ein Kraut!
Während ich meine rebellierenden Knochen wieder von den Knien in die Aufrechte zu erheben versuche, fällt mein Blick neben dem Weg den Hang hinunter. Da liegt eine zerschmetterte Kloschüssel samt Brille. Kilometerweit rundherum gibt es nicht ein einziges Gebäude.
Wie kommt hier das Sanitär-Porzellan in den Acker? Und warum? Warum tut ein Mensch so etwas? Sauwätze gibt es einfach rund um den Globus überall.
Erschöpfung macht sich breit. Ich beginne, meinen Plan, auf den Wegen zu bleiben, infrage zu stellen. Doch wie schon erwähnt macht die Rambla einen schier unüberwindbaren Eindruck. Mit ein paar Schürfwunden und zerrissenen Klamotten würde ich es vielleicht schaffen, irgendwie auf die andere Seite zu kommen. Doch der Preis ist mir noch etwas zu hoch. Also folge ich weiter dem Feldweg. Und nehme mir ganz fest vor, in den irgendwann zu erstellenden Wanderführer auf jede Seite den Hinweis in Großbuchstaben zu drucken: „Verlasse niemals das Haus ohne eine Flasche Wasser im Gepäck!“
Statt Brücken baut man in Spanien auf dem Land einfach betonierte Furten. Irgendwann erreichte ich die mir schon von meinen diversen Jumilla-Heimfahrten bekannte Überquerung der Rambla, mit der ich wieder auf die „richtige“ Seite komme. Und mich mit dem mühsamen Wiederaufstieg zurück zu meinem Campo beschäftigen darf. Was freue ich mich auf den Nachmittagskaffee bei hochgelegten Füßen.
Mein Wohnwagen kommt in Sicht. Ich komme aus genau der Richtung gelaufen, in die ich beim Blick durch die Wohnwagentür schaue. In meiner jetzigen Blickrichtung erhebt sich die Sierra de la Pila hinter meinem Campo. Aus meiner niedrigen Stellung heraus und bei der diesigen Sicht unter dem grauen Himmel wirkt das Gebirge noch viel höher als sonst.
Als zwischendurch einmal die Sonne durch ein Loch in der Wolkendecke scheint, richte ich das Objektiv nach rechts über die Felder der aufgegebenen Hacienda. Früher waren das einmal bewirtschaftete Plantagen. Wie lange mag das her sein. Die Bäume sind längst sich selbst überlassen. Niemand schneidet sie zurück. Niemand erntet die daran wachsenden Mandeln. Eine riesige Fläche, weit größer als mein Campo, und aufgegeben. Einerseits schade. Andererseits ein Teil der herrlichen Ruhe dieser Region.
Auf dem eigenen Gelände angekommen habe ich dann doch einen Querfeldein-Marsch eingelegt und bin kurz zu meiner vorübergehenden Baustelle gelaufen. Als ich im Dezember für einen meiner ersten Newsletter an dieser Stelle stand und ein Foto nach oben in die Schlucht machte, in die ich meinen Wohnwagen zu stellen gedachte, war das alles noch deutlich karger. Es ist schon faszinierend, was Mutter Natur mit ein bisschen Wasser für ein Frühlingserwachen zaubern kann.
Auch den Weg und die Ebene hatte ich nicht nur einmal, sondern mehrfach während der Monate komplett „entgrünt“. Doch die Natur holt sich das alles ganz schnell wieder zurück. Wenn irgendwann einmal die Eigentumsverhältnisse geklärt sind und ich absehen kann, ob mein Wohnwagen auf der Parzelle bleibt, auf der er gerade steht, oder ich auf diese Parzelle hier umziehen werde, kann ich immer noch entscheiden, wie ich dem Wachstumsdrang der Pflanzen ein wenig Einhalt gebiete.
Es ist ja nicht so, dass ich das Wachsen unterbinden will. Im Gegenteil, auf meiner nächsten Fahrt zum Campo werde ich eine Kofferraumladung kleiner Pflanzen im Gepäck haben. Doch es möge bitte da wachsen, wo es mir nicht im Wege ist. Tatsächlich mal ein anstehender Kampf, auf den ich mich schon freue.
Um den Abfluss des Regenwassers zu bremsen und zudem die alles austrocknenden Windböen über dem Boden zu brechen, hat irgendein früherer Eigentümer des Campos diese Hügel aufgeschüttet. Selbst die heftigsten Regengüsse der vergangenen Jahrzehnte haben es nicht geschafft, die Erde wieder abzutragen. Und auch nicht die vielen Hufe der mehrfach wöchentlich darüber trabenden Ziegenherden. Mal sehen, ob ich diese Erdhaufen irgendwann wieder ihrem ursprünglichen Zweck entsprechend einsetzen kann. Heute dient mir einer davon nur als Standplatz, um das übliche Abschlussfoto der Sierra del Carche einmal von etwas weiter unten aufzunehmen. Vorhin beim Spaziergang war ich da irgendwie gefühlt näher dran. Irgendwann werde ich auch in Realität wieder näher dran, ja, sogar drin sein.
Beim Tippen Lust aufs neuerliche Wandern kriegende Grüße
Euer Clark