Ein anderer Santa und das schlechte Timing

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Ein anderer Santa und das schlechte Timing

28. März 2026 Campo-News 0

wieder einmal die Weinstadt Jumilla im Norden Murcias

Jesus ging 40 Tage zum Fasten in die Wüste, damit nahm alles seinen Anfang, was wir heute so als Brauchtum drumherum gestalten. Auch wenn vermutlich kaum noch ein Mensch wirklich einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Festivitäten sieht. Am Aschermittwoch ist alles vorbei, so wird es zum Karneval kräftig besungen, doch tatsächlich fängt die österliche Bußzeit damit ja erst an. Ich gebe zu, ich habe in meinem Leben noch nie gefastet. Und hätte ich mich jetzt hier in Spanien nicht so sehr mit der heiligen Woche beschäftigt, wäre ich auch bei dieser 40-Tages-Geschichte bzw. der ganzen Berechnung nach Mondphasen und Frühlingsbeginn kein bisschen im Wissensvorteil.

Während Ostern in Deutschland entweder exzessiv dem althochdeutschen „Kara“, also der kummervollen Trauer, oder aber dem vor lauter Frühlingsgefühlen eierlegenden Hasen gedacht wird, machen die Spanier aus dem religiösen Ereignis mit enormem Aufwand ein riesiges Fest. Dem Namen nach der Karwoche gewidmet, geht die „Semana Santa“ mit all ihren Aktivitäten weit über die sieben Tage vor Ostern hinaus. Jede Stadt, wie etwas auf sich hält, hat ihr eigenes Festkomitee, welches voller Stolz auf einer eigens dafür geschaffenen Website über die zahllosen Aktivitäten berichtet. Und, wie ich inzwischen weiß, darin noch nicht einmal alles abdeckt, was tatsächlich veranstaltet wird.

Nun habe ich es intuitiv geschafft, mir ein Netzwerk aus spanischen Kontakten aufzubauen, bei denen ich auf die Frage nach dem sehenswertesten Umzug generell ein ahnungsloses Achselzucken zur Antwort bekomme. Gleich und Gleich gesellt sich gerne, so sagt man. Ist für den neugierigen Touristen aus Deutschland jedoch eine etwas unbefriedigende Ausgangsbasis. So habe ich mir in meinem Unwissen einfach für Ostern eins, zwei Ausflüge in die umliegenden Städte vorgenommen und mich ansonsten wieder meinem Campo-Leben gewidmet.

Über selbiges ich ja gelegentlich zu berichten versprach. Hier daher wieder einmal ein kurzer Einblick. Die erste Stunde des Tages ist dem Tippen der Gedanken zum irgendwann einmal angedachten Schulungskonzept gewidmet. Manchmal wünsche ich mir echt ein „Denkarium“, wie es bei Harry Potter zum Einsatz kommt. Einfach mit dem Zauberstab an die Stirn klopfen und ab mit den Gedanken in eine Flasche, Korken drauf, fertig. Leider wurde ich als Muggle geboren, bleibt mir nur weiter zu tippen.

Wer kennt es nicht, die Hälfte der für den Tag verfügbaren Energie ist meistens schon mit der Tat des Aufstehens verbraucht. Mein Sternzeichen der Miezekatze schlägt da voll durch: Ohne Wecker könnte ich auch zwölf bis 16 Stunden schlafen. Da hatte ich mich darüber gefreut, dass es morgens nun endlich hell ist, wenn mein Wecker klingelt und schwups wird die Uhr umgestellt. Wieder dunkel. Ob ich es noch erlebe, dass dieser Unsinn abgeschafft wird?

Zum Wiederaufladen der körperlichen Akkus gehört eine Tasse Kaffee. Café americano, wie die möglichst kräftige Substanz ohne Milch und Zucker in diesem Land genannt wird. Von Bekannten hatte ich vor ein paar Monaten eine Kaffeemaschine angeboten bekommen, jedoch dankend darauf verzichtet. Es gibt bei mir im Regelfall nur diese eine Tasse „echten“ Kaffee am Tag und da gehört das Zeremoniell des Aufbrühens von Hand dazu. Hätte dieser Newsletter hier nun schon ein bisschen mehr Reichweite, wäre das eine prima Gelegenheit für eine Werbeeinblendung von Melitta. Der Filter aus Porzellan, für den ich in ganz Spanien nirgendwo passende Filtertüten bekomme, ist ein bisschen schwer sauber zu halten und zickt ein wenig, wenn man zwei Tassen gleichzeitig füllen möchte … ähm … so wird das nichts mit dem Sponsoring durch Melitta, befürchte ich.

Ostern hin oder her, ein Blick in meine Vorratshöhle zeigt mir: nur noch Konserven, nichts mehr Frisches. Es bleibt mir nichts anderes, als doch nochmal einen Abstecher nach Jumilla einzulegen. Ein Blick ins Festprogramm zeigt: Am Samstag, dem 28.03.2026, steht in Jumilla nichts an. Der Freitag hätte sich zu einer Prozessionsbesichtigung angeboten, aber der ist rum. Und am Sonntag steht der nächste Holztafel-Transport an. Doch da wird es mit dem Einkaufen schwierig. Also schlucke ich die Schaulust einfach runter und verbinde den Einkauf nur mit einem Dönerteller, statt des eigenen Kochens am Abend.

Wenn man in Deutschland aufgewachsen ist, hat man vielleicht eine etwas verklemmte Einstellung zum Thema Nationalstolz. Die einen übertreiben es maßlos durch das Gedankengut an die überlegene Herrenrasse, die anderen verhalten sich nicht weniger krankhaft mit der auf ewig abzutragenden Erbsühne. Entsprechend merkwürdig kam es mir vor, als ich anfing, mich mit Politik zu beschäftigen und in anderen Ländern die fast allgegenwärtigen Flaggen bewusst festzustellen begann.

Natürlich steckt auch hier ein wenig Stolz dahinter, doch weit mehr dominiert das Gefühl der Heimat in einer angenehmen Form. Nun kommt hier natürlich aktuell auch noch die Semana Santa dazu, die ein besonderes Herausputzen verlangt. Auf jeden Fall musste ich über den Zaun des Aldi-Parkplatzes hinweg die riesige Flagge auf dem Verkehrskreisel einmal fotografieren.

Ich hatte vor Jahren schon einmal von der in meinen Augen völlig unsinnigen „Tomatina“ gehört, daher griff ich neugierig zum Handy, um das Datum nachzusehen. Doch nein, diese merkwürdige Tradition, sich mit überreifen Tomaten zu bewerfen, findet in Spanien nur am letzten Mittwoch im August statt. 

Egal wie, anscheinend stehen auch am Palmsonntag bei den Menschen in Jumilla Tomaten ganz oben auf dem Speiseplan, jedenfalls waren sie sowohl beim Aldi als auch daneben beim Mercadona restlos ausverkauft.

In meiner Not habe ich mir zum ersten Mal im Leben eine Packung „schwarze“ Tomaten gekauft, von denen wenigstens noch drei vorhanden waren. Würde dergleichen bei mir im Garten wachsen, hätte ich den Teilen noch ein paar Tage Sonne gegönnt. Wer züchtet denn sowas? Noch nie was davon gehört, dass das Auge mit isst?

Wäre ich am heutigen Samstag in Gernsheim gewesen, hätte die Teilnahme am Parteitreffen im Kreis Groß-Gerau auf meinem Programm gestanden. Selbiges lustigerweise bei einer Tapas-Bar in Rüsselsheim stattfand. Aber nein, ich wollte heute keine Tapas, sondern hatte mir einen Döner in den Kopf gesetzt. „Mit alles und scharf“, doch den Joke verstand der gute Mann hinter dem Tresen nicht. Und „scharf“ können die Spanier einfach nicht. Genauso wenig wie Salat. Ja, tatsächlich muss ich gestehen, dass ich mich auf einen Besuch bei meinem Stamm-Türken nach meiner Heimkehr freue. Es sind doch häufig die Kleinigkeiten, die man irgendwann vermisst.

Um zum Dönerladen zu kommen, musste ich mich durch eine Horde junger Menschen arbeiten, die schlangestehend den Bürgersteig belagerten.  „Magna“ steht über dem ansonsten eher unscheinbaren Eingang neben der Kebabbude. Ein Club, wie mich das Internet während des Essens aufklärte. Und ein extrem angesagter, wie ich den Menschenmassen davor entnehmen konnte. Doch unübersehbar in einer anderen Altersklasse angesagt als denn der meinen. Mich wunderte nur ein Blick auf die Uhr, gerade mal acht am Abend. Sind die Spanier nicht ansonsten eher Nachtmenschen?

Doch insgesamt ist in der Stadt enorm viel los, merkte ich, als ich frierend zum Auto zurück lief. Nur meine Weste über dem Poloshirt langt zum Einkaufen, aber ohne das strahlende Leuchtmittel am Himmel wird es doch ziemlich frisch im einfach nicht enden wollenden Wind. Irgendwann kam ich an zwei Leuten vorbei, die gerade ihre Trommeln aus dem Auto wuchteten und mit einem kurzen Wirbel der Stöcke einen Klangtest vollführten. Beide in bodenlangen lila Kutten gewandet, verschwanden sie kurz drauf in einer Seitengasse. Haufenweise Passanten strömten in die gleiche Richtung.

Meine Neugierde war geweckt, doch mit meinem Chromebook auf der Schulter und viel zu dünn angezogen, war ich schlecht gewappnet. Also huschte ich in Windeseile einmal durch die Stadt zum Auto, hatte Glück, weil auf der Rückbank noch eine dünne Jacke herumflog, und machte mich direkt auf den Weg zum Verfolgen all der irgendwohin strömenden Menschen. Unter denen ich immer mehr lila Kutten und Trommeln entdeckte.

Irgendwann brauchte ich nicht mehr Menschen zu folgen, sondern nur noch meinem Gehör.

Welch ein Anblick. Angefangen von denen, die gerade schon so eine Trommel halten können bis hin zu denen, die sich kaum mehr selbst aufrecht halten können, scheint es eine Pflicht für jede Altersklasse zu sein, sich eine Trommel zu schnappen und die drei Stunden lang immer den gleichen Rhythmus schlagend durch die Straßen zu ziehen. Ohrenbetäubend, ja. Aber irgendwie auch ein bisschen magisch.

Und, wie ich inzwischen dem Internet entnehmen konnte, nur eine Art Warm-Up. Das Highlight erfolgt dann am kommenden Samstag mit der „Tamborada de Gloria“. Und das wieder zu den landestypischen Uhrzeiten … Start um Mitternacht, Ende morgens um drei Uhr. Ich werde noch ein paar Nächte drüber schlafen müssen, um mich durchzuringen, diese Osternacht fast durchzumachen.

Durch das Begleiten des trommelnden Umzugs hatte es mich nun weit von meinem Parkplatz weggebracht. Irgendwann verließ ich das laute Spektakel durch eine Gasse und fand mich ein paar Schritte später in der Allee wieder, die ich mit Ausblick auf die Burg in einem der letzten Newsletter tagsüber und leer fotografiert hatte. Nun war diese so rein gar nicht leer. Autoscooter, Schießbuden, Waffelstände mit Zuckerwatte … gefällt mir, wie die hier Ostern feiern.

Als mir dann diese überhelle Beschriftung entgegen strahlte, kam ich zu dem Schluss, dass auf den mich nicht rundherum überzeugenden Dönerteller doch noch eine andere Abrundung passt. Das positive Erlebnis vom letzten Besuch hier in der Stadt lag mir noch in Erinnerung. Und die Schlange an dem Stand ließ Qualität vermuten.

Nun ja. Es mag der beste Churro-Laden am Platze sein. Was aber vermutlich eher darauf zurückzuführen ist, dass es der einzige Churro-Laden auf dem Platz war. Statt fluffig-weich eine eher kräftige Konsistenz mit einem ziemlich dominanten Frittierfett-Flavour. Das rettete dann auch die ordentliche Nutella-Dosis als Topping nicht. Sechs Sticks für 5 €, also normale Jahrmarkt-Preise.

Ich brauchte jedenfalls zum Überstehen der Nacht zum ersten Mal seit Monaten wieder eine Talcid-Kautablette. Vielleicht bin ich auch für sowas langsam zu alt.

Apropos Nacht. In einem Anflug von Frühlingserwartung habe ich vergangene Woche meine beiden Schafsfelle, auf denen ich im Winter zu nächtigen pflege, wieder im Schrank verstaut. Für mehr Aufräumaktivismus reichte die Lust aber dann doch nicht, der große Frühjahrsputz steht noch aus. Ein Wohnwagen hat nur den Nachteil, dass man für einen Großputz mangels ausreichend Platz alles einmal nach draußen tragen muss. Was in den letzten Wochen entweder dafür gesorgt hätte, dass es nass geregnet oder weggeblasen wird. Man kann im Laufe der Zeit auch einfach eine gewisse Toleranz gegenüber Staubschichten entwickeln, habe ich gelernt.

Tja, und das Wegpacken der Felle in den vergangenen Nächten ein wenig bereut. Das ist schon ganz schön frisch hier in der Dunkelheit.

Dafür zeigt die Sonne dann aber tagsüber, was sie leisten könnte, wenn sie mal nicht von Wolkendecken abgehalten wird. Diese beiden Fotos hier stammen vom gleichen Montag dieser Woche. Morgens nach dem Aufstehen starrte ich auf gerade mal 4 °C im Wohnwagen, während ich den Starterknopf meiner Gasheizung drückte.

Und nachmittags brach auf einmal mitten in einer Telefonkonferenz mit meiner Mitarbeiterin die Verbindung ab. Ein Blick aufs Handydisplay ließ mich den Wunsch nach einem Kühlschrankbesuch wissen.

Ich habe die Gelegenheit für einen Spaziergang genutzt. So ganz ohne Telefon. Damit aber leider auch ohne Kamera.

Zum Abschluss das gewohnte Bild vom Campo runter. Heute mal mit Fast-Vollmond. Der in Natura immer viel spektakulärer wirkt als denn auf den Fotos.

Für die kommenden Tage bis über Ostern hinweg prognostiziert die Wettervorhersage viel Sonnenschein und fast keinen Wind. Das Wetter wäre also schonmal keine Ausrede, sich um einen nächtlichen Ausflug zum Betrachten einer Prozession zu drücken. Okay, als ich das letzte Mal erst lange nach Mitternacht den Heimweg antrat, kam ein Schwein ums Leben. Mein Auto ist immer noch kaputt. Aber auch diese Ausrede ist ziemlich dünn, ich gebe es zu.

Mal schauen. Ist ja noch lange hin bis Ostern, oder?

 

Beim Einkaufen die Eier fürs Fest vergessen habende Grüße

Euer Clark

 

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