Und täglich vergisst das Vokabeltier

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Und täglich vergisst das Vokabeltier

17. Mai 2026 Campo-News 0
Spanische Flagge, leicht angerissen, vor blauem Himmel wehend.

In den Tiefen des World Wide Web, zugänglich am eigenen Telefon

Tausend Wege führen nach Rom, so sagt man. Doch … da will ich doch gar nicht hin. Zur Zeit, als ein römischer Theologe diese bis heute gebräuchliche Redewendung erstmals niederschrieb, tobte in Spanien die Reconquista. Okay, da hätte ich ebenfalls nicht hingewollt. Auch wenn das eine spannende Epoche war, deren Auswirkungen heute noch an vielen Stellen sichtbar sind. Und eine Zeit war, in der man nicht nur im Heiligen Römischen Reich nichts sprach, was mit dem heutigen Deutsch vergleichbar wäre, sondern auch in den spanischen Landen ein Sprachengewirr vorherrschte, das wir uns heute kaum noch vorstellen können. Über das Niederschreiben grammatikalischer Regeln wurde in Westeuropa erst 400 Jahre später nachgedacht. Ja, sogar Selbstverständlichkeiten, wie Kilogramm und Meter wurden erst 800 Jahre später erfunden.

Und doch gelang es den Menschen schon damals irgendwie, sich miteinander zu verständigen, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig die Rübe einschlugen. Von letzterem sind wir glücklicherweise heute weit entfernt. Aber irgendwie trotz aller modernen Errungenschaften von ersterem auch.

Daher möchte ich heute meinen ersten nicht mehr aus Spanien verschickten Newsletter einem Thema widmen, mit dem sich jeder Reisende auf der iberischen Halbinsel früher oder später auseinanderzusetzen beginnt: das Erlernen der spanischen Sprache, Castellano genannt. Obwohl Spanisch nach dem chinesischen Mandarin die zweithäufigste Sprache auf der Welt ist, bekommen wir in der Schule das wirtschaftskräftigere Englisch eingetrichtert. Irgendwann bringt der schulische Verlauf dann die Wahl zwischen Französisch und Latein als zweiter Sprache mit sich. Die Tatsache, dass ich das Original des oben genannten Spruchs, „Mille viae ducunt hominem per saecula Romam“, glatt noch übersetzen könnte, verrät, welche Wahl ich selbst seinerzeit traf.

Nun sollte man meinen, dass mir diese Grundlage beim Erlernen der eigentlich noch recht jungen spanischen Sprache helfen sollte, denn immerhin nennt sich deren Ursprung vielsagend „Vulgärlatein“. Doch das ist ein Trugschluss. Während die halbe Welt bei Dingen, die sie nicht versteht, von „griechisch“ redet, war es ein deutscher Kaiser, von dem die Feststellung stammt, ihm komme es „spanisch“ vor. Ich gebe Karl dem fünften da rundherum recht. Selbst wenn das geschriebene Wort ab und zu noch Ähnlichkeiten zum auch im englischen und deutschen Vokabular vorhandenen Begriff aufweist, hätte es für mich bei meinem ersten Besuch in Spanien keinen Unterschied gemacht, ob die Menschen um mich herum nun Spanisch oder Chinesisch gesprochen hätten: Ich habe einfach rein absolut gar nichts verstanden.

Nun bin ich zwar in einem mehrsprachig veranlagten Elternhaus aufgewachsen, jedoch unter etwas fragwürdigen Erziehungsmethoden des Hänselns. Es mag Kinder geben, die man zu besseren Leistungen anspornen kann, indem man sich über jeden noch so kleinen Fehler lang und breit öffentlich lustig macht. Der durch meine eher mathematisch-strukturierte Veranlagung damals noch verborgen in mir schlummernde Perfektionismus verursachte bei mir jedoch genau das Gegenteil. Statt die Kindheit und Jugend zum spielerischen Erlernen diverser Sprachen zu nutzen, war es für mich immer ein Horror, mich auf ein Terrain begeben zu müssen, bei dem ich zwangsläufig Fehler machen musste. Entsprechend habe ich in meinen jungen Jahren die Chance verpasst und einem möglichst großräumigen Bogen um alles gemacht, was sich nicht mit der deutschen Sprache lösen ließ. Einen Vorteil hatte es: Die aus Osteuropa kommende, selbst eine Sprachschule besuchende Stiefmutter legte Wert darauf, dass zuhause kein Dialekt gesprochen wird. Meinen hessischen Akzent kann ich nicht leugnen, aber tatsächlich ist mir auch das Platt des Ried nicht geläufig. Noch eine Fremdsprache, die ich nie gelernt habe. 😉

Berufliche Laufbahnen verlaufen bekanntlich selten nach Plan, selbst wenn man mal einen gehabt haben sollte. Das Festklammern an der deutschen Sprache musste ich im Erwachsenenalter aufgeben, als ich anfing, mich in meinem Kundenkreis auf französische und britische Kunden einzuschießen. Eine Erfahrung, die irgendwann einen Schalter umlegte, durch den die Scheu abfiel. Wenn man sich am Telefon (Videokonferenzen waren da noch den Science-Fiction-Filmen vorbehalten) in englischer Sprache mit einem französischen Kollegen durch eine Bilanzanalyse quält, fällt irgendwann der Groschen, dass das für den Gesprächspartner genauso eine ungewohnte Fremdsprache ist, die ihm extrem schwer über die Lippen kommt. Da sitzt jemand, der genauso händeringend nach Worten sucht, die er irgendwann vielleicht mal gelernt hat, die aber im Gedächtnis verschüttgegangen sind. Und der sich im Falle des Einfallens nicht mehr die Mühe macht, diese Worte auch noch mit dem passenden Genus zu versehen oder korrekt zu konjugieren.

Ja, man kann aus Sprache ein Kunstwerk machen. Aber man sollte nie vergessen, dass sie originär eigentlich nur dazu dient, Informationen zu transportieren. Wie bei anderen Transportmitteln auch gibt es schöne und hässliche, reibungslos funktionierende und etwas holprige Varianten davon. Für die allermeisten Anforderungen des Alltags genügt die holprige Variante vollkommen. Eine späte Einsicht, aber immerhin eine Einsicht.

Und so habe ich mich während meines ersten Spanienaufenthaltes meiner aus den Feuerwehrzeiten vollkommen vergeblich zum Erlernen von ein paar französischen Vokabeln genutzten Phase6-App erinnert, geschaut, ob meine Zugangsdaten noch funktionieren und zweimal 11,99 € in den Download des spanischen Grund- und Aufbauwortschatzes aus dem Hause Langenscheit investiert.

Nun braucht stumpfes Vokabeltraining ein hohes Maß an Eigenmotivation. Logischerweise klemmte es daran bei mir, was den Fortschritt eher homöopathisch hat ausfallen lassen.

Anfangs habe ich mich noch damit rausgeredet, dass ich ja nur zum Entkommen vor dem deutschen Schmuddelwinter in den Süden ausgewichen bin und gar keine Zeit für ein tieferes Eintauchen in die Kultur meines Gastlandes hatte. Doch irgendwo kratzte es dann doch schon an meiner tendenziell eher kommunikativen Art, eben nicht kommunizieren zu können.

Beruflich verschlug es mich zwischendurch auf die Learntec, Deutschlands größte Bildungsmesse in Karlsruhe. Was lag da näher, als mich mit dem Thema des digital gestützten Lernens auseinanderzusetzen. Und dann kam da in Spanien noch das Kennenlernen des heimatlos gewordenen Campos dazu, was in mir tausendundeinen Gedanken an Geschäftserweiterungen in Spanien lostrat. Irgendwie musste in meinen altersschwachen Schädel also nun mehr hinein, als nur ein paar einzelne Vokabeln für den Supermarktbesuch.

So habe ich mich dann auf eine Reise durch verschiedene Apps und andere Lösungen begeben, über die ich hier berichten möchte. Vorab: Per Stand heute beherrsche ich die spanische Sprache noch immer nicht. Einen geschriebenen Text kann ich mir zwar inzwischen durch das Erkennen einzelner Worte herleiten. Aber bei einem Gespräch stehe ich noch immer ziemlich ratlos daneben. Bedeutet als Grundinformation über all die nachfolgenden Tools und Tipps: Die Wunderwaffe zum kurzfristigen Sprachen-Einimpfen ist da nicht darunter. Die suche ich selbst noch.

Fangen wir mal mit den Apps auf dem Smartphone an. Wobei genau die Reduktion rein aufs Smartphone für mich meistens schon eher erster Ausschlussgrund war. Meine Augen sind nicht mehr die besten und meine Daumen für ein flinkes Tippen auf dem kleinen Display einfach zu dick. Wenn eine App auf Interaktion ausgelegt ist, wird es automatisch von mir eine Anforderung, dass ich auch eine parallele Nutzung am PC voraussetze, um eine gute Bewertung abgeben zu können.

Mondly war mein erster Versuch, in die spielerische Sprachlernwelt einzusteigen. Nun muss ich dazu sagen, dass ich absolut kein Gamer bin. Es ist locker ein Vierteljahrhundert her, seit ich das letzte Mal „Prince of Persia“ am PC gespielt habe. Zwischendurch bin ich maximal einmal kurz dem in sämtlichen Büros aufkommenden Moorhuhn-Fieber verfallen.

Auf der Learntec hatte ich den Begriff der ‚Gamification‘ erstmals gehört, also das Verpacken didaktischer Inhalte in eine spielerische Umgebung, am besten verbunden mit einer Art Wettkampfgedanke. Manch ein Hersteller bekommt das besser hin, manch anderer eher schlechter. Bei Mondly fehlte mir persönlich zwischen all dem irgendwie doch recht schnell langweilig werdenden spielerischen Ansatz die Erläuterung. Der Buchhalter in mir möchte schon ab und zu wissen, warum verschiedene Worte unterschiedlich verwendet werden.

Auf der Suche nach mehr Erklärungen beim Lernen habe ich dann den Wechsel zu einem anderen Platzhirschen vollzogen und bin auf Babbel gewechselt. Hier war es mir dann schon wieder zu viel der ständigen Erklärungen. Dinge, die ich längst wusste, werden zu Tode erklärt, bei anderen Punkten war mir die teilweise aufgezwungene Erklärung dann doch wieder zu dünn.

Es fehlte irgendwie ein individuelles Eingehen auf das Vorwissen des Lernenden. Nein, die ganzen Versprechen dieser Apps gehen weit über das wirkliche Leistungsvermögen hinaus. Um wirklich etwas zu lernen, brauchte ich mehr.

Natürlich hatte ich nebenbei auch auf YouTube schon angefangen, mich nach Angeboten umzusehen. Dabei stieß immer wieder auf die Videos einer Carolin Schuler aus Asperg. Die Gymnasiallehrerin hatte Anfang 2023 den Staatsdienst hinter sich gelassen und mit ihrem heutigen Mann eine Online-Sprachschule gegründet. Für mich als begeisterten Existenzgründer-Förderer ein Ansporn mehr, mir anzusehen, was genau hier angeboten wird.

1.897 € für 24 Monate Mitgliedschaft in der Online-Schule. Definitiv ein Brett an Kosten, wenn man den Betrag am Stück betrachtet. Andererseits handelt es sich um 20 € pro Woche, wenn man die Summe auf die Laufzeit verteilt. Gemessen an dem zu investierenden Zeitaufwand dann doch wieder ein durchaus akzeptables Preis-pro-Stunde-Verhältnis. Vorausgesetzt, der Kurs erfüllt die Erwartungen, die er durch die von Carolin verbreitete Werbung lostritt.

Inzwischen sind meine zwei Jahre der Zugehörigkeit abgelaufen. Und ich muss diese Frage mit einem „Jein“ beantworten. Sofern man genug Freizeit abknappst und ausreichend Selbstdisziplin zusammenbringt, auch hartnäckig dranzubleiben, ist die Vamos Akademie definitiv etwas, das ich jederzeit gerne weiterempfehle. Und doch gibt es in dem Gesamtsystem noch Lücken, bei denen ich dann doch den Unterschied zwischen einer Online-Schule und einer Präsens-Schule schmerzlich zu spüren bekam. Da hatte ich irgendwie von meiner Seite aus von der Vamos Akademie zwar nicht „zu viel“, wohl aber doch „das Falsche“ erwartet.

Wenn man in Persona in eine neue Schulklasse kommt, beginnt unabhängig vom schulischen Unterricht ein gegenseitiges Beschnuppern der Schüler. Wer hat welchen Hintergrund, wer hat welche Ziele und Vorstellungen. Wie sehen die Vorerfahrungen aus, wie geht derjenige mit Erfolgen und Peinlichkeiten um. Es bilden sich Grüppchen von Menschen, mit manchen kann man besser, um andere macht man einen Bogen.

Genau dieses Abklopfen des gegenseitigen Stallgeruchs fehlt bei dieser Online-Schule vollständig. Den extrovertierten Teilnehmern wird so eine Bühne geboten, die eher introvertierten ziehen sich stückweise zurück. Als dann während des Schuljahres auch noch die technische Plattform für die Online-Zusammenarbeit gewechselt wurde und man sich nun explizit nach aktiven Gruppen erkundigen musste, ohne zu wissen, was es denn eigentlich zur Auswahl gab, also die Gefahr bestand, dass man sich als A1-Frischling unter einem Haufen C2-Anwärtern wiederfand, hatte mich die Schule komplett verloren. Ich absolvierte den theoretischen Teil und büffelte brav die Grammatik, doch an dem eigentlichen Kern des Lernens, dem Sprechen und Trainieren, nahm ich nicht mehr teil. Zugegebenermaßen hatte ich aber auch auf zahlreichen anderen Baustellen genug Ablenkung, dass mir hierfür ohnehin die Zeit gefehlt hätte.

Bekannte berichteten mir zwischendurch von deren positiven Erfahrungen mit Duolingo, ein weiterer Platzhirsch auf dem Markt der spielerischen Sprachenvermittlung auf dem Handy. Unterschiedliche Preismodelle erlauben eine Nutzung ohne Werbung, innerhalb der Familie oder gar mit KI-gestütztem Sprachtraining in Form fest vorgegebener Rollenspiele. Letzteres kostet 15 € im Monat, wenn man gleich ein ganzes Jahr kauft, sonst monatlich kündbar das Doppelte. Nachdem ich mir im Zuge eines Demo-Angebotes die KI einmal angesehen hatte, kam ich zu dem Schluss, dass es mir diesen Betrag nicht wert ist. Da mir die lästigen Werbeeinblendungen jedoch ebenfalls ein Dorn im Auge waren, habe ich die 90 € pro Jahr in das mittlere „Super“-Abo investiert und halte nun seit über zwei Jahren brav meinen Streak am Laufen. „Ried-Clark“, falls mich jemand in der App suchen sollte.

Duolingo taugt zum spielerischen Am-Ball-Bleiben, aber zum wirklichen Lernen ist die App zu schwach. Ich habe mich also weiter umgesehen, was der Markt so hergibt. Zahlreiche Griffe ins Klo will ich hier gar nicht erst erwähnen. Seitdem jedermann mit drei Prompts glaubt, eine KI-gestützte App selbst erstellen zu können, ist der Markt extrem unübersichtlich geworden. Und der jeden unserer Schritte im Internet überwachende Algorithmus sorgt ganz schnell auch dafür, dass man mit Werbung zu solchen Angeboten irgendwann schier erschlagen wird. Ich habe viele davon ausprobiert. Und die allermeisten davon nach ziemlich kurzen Tests auch wieder von meinem Handy runtergeworfen.

Aus dem Heise-Verlag stammt ein App-Vergleich, durch den ich dann auf eine App aufmerksam wurde, bei der ich mich fragte, an welcher Lackdose der Tester von Heise denn geschnüffelt hatte, als er die App testete.

Von den drei getesteten Apps habe ich mir zuerst Langotalk und dann Univerbal angesehen. Was vielleicht die falsche Reihenfolge war. Langotalk wird irgendwann einmal eine richtig gute App, wenn denn alles umgesetzt wird, was darin an Features vorgesehen ist. Doch aktuell handelt es sich einfach nur um eine einzige Großbaustelle. Man kann die Stammdaten auf Basissprache Deutsch einstellen, im überwiegenden Teil der Fälle redet die App trotzdem Englisch. Nicht nur in den Menüoberflächen, sondern auch beim Sprachlern-Training. Wer als Deutscher mit dieser App Spanisch lernen möchte, sollte auf jeden Fall schon Englisch beherrschen.

Ich habe die Support-Funktion genutzt und mich zum Rückabwickeln meines Probeaccounts an die angegebene eMail-Adresse gewendet. Woraus ein sehr freundlicher Schriftwechsel mit Ariel Verber, dem in Israel ansässigen Entwickler der App, entstand. Kein KI-Chatbot, der die frustrierten Kunden abwimmelt, sondern ein selbst leicht frustrierter Mensch, der sich der tausend Bugs in seiner App bewusst ist, nur gar nicht mehr weiß, wo er denn zuerst anpacken sollte.

Mit einem Lachen lehnte er daher auch mein Angebot ab, ihm durch Zusenden von Fehlerhinweisen helfen zu wollen. Es fehlt ihm an Kapazität, allein die Hinweise abzuarbeiten, die tagtäglich ohnehin schon bei ihm eingehen. Ich habe am Ende mein Jahresabo beibehalten, um meinen kleinen Beitrag zu seiner großen Geschäftsidee zu leisten. Auch wenn mir klar war, dass diese App keinen Beitrag zu meinem eigenen Lernerfolg leisten wird.

An Univerbal bin ich dann schon missgelaunt rangegangen. Die App setzt konkret auf zu führende Dialoge. Also Lernen durch Anwenden. Wieder stolperte ich über meinen Wunsch nach Hintergrundinformationen. Ist ja schön, wenn mir eine App sagt, dass mein Satz falsch war und wie er hätte richtig lauten müssen. Doch als analytisch veranlagter Mensch will ich wissen, „warum“ mein Satz falsch war. Daraus kann ich mir weit eher irgendwann etwas Richtiges ableiten.

Für Univerbal war jedenfalls auch wieder meine Frustrationstoleranz nicht hoch genug. Wenn man etwas immer und immer wieder falsch macht und ständig nur korrigiert wird, verfliegt irgendwann die Lust, die App nochmal zu öffnen.

Vor allem, weil ich schon in der Sprachschule ja den mir absolut einleuchtenden Rat erhalten hatte, dass ich mich zum Zwecke des reinen Sprechens eher mit Menschen als Maschinen beschäftigen sollte. Die App namens Tandem wurde mir dafür empfohlen. Ich habe mir einen Account eingerichtet, hier jedoch auf die Bezahlvariante verzichtet, da ich zugeben muss, dass mich die Angebots-Organisation von Tandem nicht überzeugte. Kaum Suchfilter und auf den Profilen der Teilnehmer viel zu wenig Angaben, auf deren Basis man eine fachliche oder menschliche Einschätzung abgeben könnte. Im Kern fußt die Nutzung auf der Weiterempfehlung durch andere Gesprächsteilnehmer. Zumindest ist daraus häufig mehr über den Teilnehmer zu erfahren, als aus dessen rudimentärer Selbstbeschreibung. Die Entwickler von Tandem sollten sich ein bisschen was von irgendwelchen Verkuppelungsplattformen abschauen, damit die Profilierung der Teilnehmer nicht zu einer Teilnahme-Hemmschwelle wird.

Mir selbst fehlte auslastungsbedingt aber darüber hinaus auch die Möglichkeit, einen halbwegs regelmäßigen Gesprächsfluss aufzubauen. Zusammen mit meiner Selbsteinschätzung des nach wie vor zu geringen Vokabulars und der damit einhergehenden Verklemmtheit, wurde Tandem also zu einer Ladenhüter-App, reine Deko auf dem Display meines Handys.

Ich habe das Lernen daher vorübergehend auf den Passiv-Modus reduziert. Wann immer ich stupide Arbeiten, wie Ablage oder reine Buchungserfassung zu erledigen habe, läuft auf meinem PC ein spanischer Radiosender im Hintergrund. Die Sprachlehrerin hatte im Unterricht einmal auf das breitgefächerte Angebot von RTVE hingewiesen, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Spanien. Radio Nacional de Espana, kurz RNE, ist die reine Hörfunksparte daraus und bietet auch regionale Sendeangebote an. Irgendwann fand ich heraus, dass die nicht einmal 30.000 Einwohner zählende Stadt Jumilla mit „Radio Siete Días“ sogar einen eigenen kleinen, werbefinanzierten Sender unterhält, der dann selbstverständlich zu meinem Stammsender wurde. Während ich mich beim Lauschen deutschen Radios häufig über die zahllosen Werbeunterbrechungen aufrege, wird es mir ein bisschen warm ums Herz, wenn ich Werbeclips von Bäckereien und Handwerksbetrieben anhöre, an deren Straßenfassade ich schon das eine oder andere Mal vorbeigelaufen bin. Bekanntlich soll das Verbinden von Bildern und Worten eine bessere Verankerung von Vokabeln im Kopf verursachen.

Ab und zu traue ich mich an die spanische Seite von Wikipedia heran und versuche, Artikel über mich interessierende Themen laut vorzulesen, bevor ich aufs Umschalten in die deutsche Sprache klicke, um auch zu verstehen, um was es geht. Und rein aus Neugierde habe ich bei der Immobilienseite ThinkSpain einen Suchauftrag ins Abo gestellt, in denen ich mich hier und da durch die Beschreibungen von Fincas schmökere, die ich mir gar nicht leisten könnte.

Die Tonspur sowohl zu den freien YouTube-Clips als auch zu den Kurs-Videos aus der Sprachschule werden von der Vamos Akademie als Podcast zur Verfügung gestellt. Eine nette Idee, wenn man auf stumpfe Wiederholung steht. Vokabeln kann man durch ständiges Repetieren erlernen, ja. Aber Grammatik bleibt meines Erachtens im Kopf nur hängen, wenn man sie „begreift“. Wenn eine Konjugationsregel in einer Form erklärt wird, die im eigenen Gehirn nicht schlüssig verstanden wird, macht es auch keinen Sinn, sich diese unverständliche Erläuterung zehnmal anzuhören. Damit es im Oberstübchen „klick“ macht, braucht es eine andere Art des Erklärens. Wieder einer der großen Unterschiede zwischen einem Video-basierten Online-Unterricht und einer in Präsenz ausgeführten Frontalausbildung: Ein Lehrer, der das Stirnrunzeln seiner Schüler sieht, unternimmt automatisch den Versuch, das Erklärte nochmal in andere Worte zu verpacken. Bei einem Video führt das Zurückspulen nur zu einem Wiederholen dessen, was man ohnehin schon nicht verstanden hat.

Wenn ich denn nun schon am reinen Hören war, habe ich mir auch die anderen Podcasts in der Apfelwelt ein bisschen genauer angesehen. Nein, natürlich angehört.

Zwei davon mutierten dann zu meiner gelegentlichen Einschlaf-Beschallung, da mir die Machart und vor allem die klare Aussprache der Podcaster gefällt. Leider begegnet einem eine solch saubere Artikulation in der freien Wildbahn so gut wie nie. Es ist nur ein weiterer kleiner Baustein des Dranbleibens, denn bekanntlich ist und bleibt der beste Weg, in eine Sprache reinzufinden, einfach ein konstantes Aufrechtherhalten des Kontaktes zu ebendieser Sprache.

Irgendwann erinnerte ich mich daran, dass in dem Heise-Video von oben ja nicht nur zwei, sondern drei Apps getestet wurden. Beim weiteren Recherchieren dazu kam ich zu dem Schluss, dass es sich auch bei der zweiten App wohl um einen Bezeichnungsfehler handelte. Neben dem von mir als untauglich, weil unfertig deklarierten „LangoTalk“ gibt es auch noch eine wahrlich professionell wirkende App namens „LanguaTalk“. Fast gleicher Name, doch wahre Welten zwischen den Qualitäten. Nach einem kurzen Reinschnuppern habe ich mich dann jedoch auf die dritte im Bunde eingeschossen und nutze nun neben Duolingo auch noch dauerhaft die App von Talkpal, die sich selbst als „KI-Spanischlehrerin“ bezeichnet.

Hätte ich mir Talkpal in einem früheren Stadium des eigenen Wissensschatzes angesehen, hätte ich die App wohl auch recht schnell mit dem Vermerk „erklärt zu wenig“ wieder verworfen. KI hin oder her, es ist und bleibt ein Schwachpunkt des eigenmotivierten Lernens ohne Menschen auf der anderen Seite, dass die Abwägung des Vorwissens fehlt. Wie auch bei Duolingo merkt man Talkpal extrem an, dass die Entwicklung des Inhaltes durch eine KI erfolgt und nur noch selten ein menschlicher Lektor darüber schaut. Da wird schonmal ein spanisches Nomen mit dem deutschen Verb übersetzt. Oder der deutsche Infinitiv mit der konjugierten Form des Verbs im Spanischen. Bei direkten Wort-zu-Wort-Übersetzungen ist die KI ebenfalls gelegentlich ziemlich pienzig. Auf meiner Suche nach Wasser in Spanien war „fuente“ einer der ersten Begriffe, den ich als „Quelle“ erlernt habe. Nun bekomme ich diese eigentlich richtige Übersetzung von der App gerne als falsch angekreidet, denn tatsächlich lässt sich „fuente“ auch mit „Ursprung“ oder gar der „Schüssel“ aus dem Küchenschrank übersetzen. Ein Mensch als Lehrer geht da flexibel mit um, eine KI zeigt sich hier ziemlich stur.

Die beiden Tools zum Online-Übersetzen von einzelnen Worten dict.cc (schneller) und leo.org (ausführlicher) sollten daher zur Standardausstattung zählen. Wenn es ums Übersetzen ganzer Texte geht, habe ich mich da inzwischen ziemlich auf deepl.com eingeschossen, was nebenbei meinem Wunsch nach Förderung europäischer Innovationen entgegenkommt.

Was bleibt nun also als Fazit aus all dem Testen von Sprachlern-Möglichkeiten? Zuerst einmal eine Bestätigung meiner bereits jahrzehntealten These, dass es kein Fehler gewesen wäre, sich in Europa noch vor der Einführung einer einheitlichen Währung auf eine gemeinsame Sprache zu verständigen. Menschen tun sich bekanntlich beim Umgang mit Problemen selbst dann schon schwer, wenn sie die gleiche Sprache sprechen. Wie soll es denn jemals zu irgendeinem konfliktfreien Miteinander kommen, wenn es dann auch noch an dieser Hürde klemmt.

Für mich beruflich veranlagten KI-Skeptiker bietet sich bei dem Thema eine riesige Bandbreite von bestätigenden Erfahrungen. Auch wenn ich gestehen muss, dass mir die oben erwähnte Talkpal-App tatsächlich gefällt. Hier kommen die KI-gestützten Gesprächsverläufe tatsächlich einer echten Unterhaltung ziemlich nahe. Würde es sich hier um eine Bewertungs-Abgabe handeln, wäre diese Software mein Favorit.

Zum Abschluss nur noch ein Hinweis, da ich sicher bin, dass mir diese Frage mit Sicherheit gestellt wird. Nein, ich halte mich nicht nur an digitalen Lernmöglichkeiten fest, sondern nutze auch die guten, alten analogen Mittel namens „Bücher“. Aus dem PONS-Verlag habe ich mir ein paar zugelegt. Wirklich herausragend empfehlen daraus kann ich nur „Grammatik kurz & bündig“. Zum reinen Lernen ein bisschen „zu kurz“, aber wenn man den Stoff anderweitig einmal erklärt bekommen hat, definitiv ein äußerst hilfreiches Nachschlagewerk zum Auffrischen. 

Nur das mit dem auf dem Cover so großspurig beworbenen „Leicht-Merk-System“ ist vielleicht ein bisschen dick aufgetragen. Zumindest bei Menschen wie mir, die schneller vergessen als lernen. 😉

So richtig mit Engagement ins Sprachenlernen stürzt man sich am Ende aber dann doch erst wieder, wenn rundherum der entsprechende Bedarf besteht. Am heimischen Schreibtisch gibt es genug Ablenkung, die ohne fließendes Castellano erledigt sein will. Es war daher abzusehen, dass der Lerneifer eine Delle einfährt, sobald ich mein Campo verlasse. Mal sehen, wie gut mir das Dranbleiben in den kommenden Monaten gelingt.

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